Es mag ja auf dem ersten Blick wie eine sprachliche Spitzfindigkeit
wirken, doch es hat durchaus praktische Relevanz: Im Grunde ist es nicht
ganz richtig zu behaupten, dass jemand Charisma hat.
Charisma ist nicht wirklich eine reale Eigenschaft, sondern eine
Zuschreibung.
Letztlich sind es die anderen Menschen, die jemandem
Charisma zuschreiben — oder auch nicht.
Charisma bezieht sich auf die Beziehung zwischen Menschen.
Und wenn in
dieser Beziehung bestimmte Faktoren erfüllt sind, dann wird jemand als
charismatisch empfunden.
Förderlich sind Redefähigkeit, Motivations- und
Begeisterungsfähigkeit, visionäres und analytisches Denken, soziale
Kompetenz, Optimismus und besondere körperliche Eigenschaften.
Schauen wir uns die Persönlichkeiten an, denen Charisma zugesprochen
wird. Nehmen wir zum Beispiel Mahatma Gandhi.
Er war von der Erscheinung
nicht besonders auffällig, in der Schule und während des Studiums nicht
besonders gut, er konnte anfangs sehr schlecht reden.
Bei ihm dürfte es
im Wesentlichen die konsequente Verbundenheit mit seinen Zielen sein,
die ihn so charismatisch wirken lies und auch heute noch auf viele
wirken lässt.
Er hat eine Aufgabe übernommen!
Da spricht dann nicht mehr
nur ein einzelner Mensch, sondern jemand, der ein großes Anliegen
repräsentiert.
Eine Bürde, die er zu tragen bereit war, die ihm
gleichzeitig auch das Gewicht verlieh.
Dieses Gewicht konnten letztlich dann auch seine Gegner nicht
ignorieren.
Dann gibt es da die Persönlichkeiten, die in der Öffentlichkeit
besonders präsent sind.
Jene, die so manche Geschehnisse in der Welt
beeinflussen.
Beispielsweise ein Weltbankchef, dem es gelungen ist seine
Einflussmöglichkeiten mehr und mehr auszubauen.
Als Repräsentant einer
machtvollen Organisation färbt einiges an Gewicht auf ihn ab; er wirkt
charismatisch.
Doch was geschieht, wenn ein von der Öffentlichkeit nicht
tolerierter Skandal ihm diese Macht entreißt?
Wird er dann noch als
charismatisch bezeichnet?
Politikern wird mitunter Charisma zugesprochen; Barack Obama, Fidel
Castro und Willy Brandt.
Doch wie langlebig ist diese Zusprechung?
Basiert sie auf dem Amt oder der Persönlichkeit?
Sicher ist es hilfreich, wenn die persönlichen Voraussetzungen für eine
Zuschreibung stimmen.
Doch was geschieh, wenn jemand ohne herausragende
Voraussetzungen in ein mit Status verbundenes Amt kommt?
In welchem
Umfang wird Charisma dann — sozusagen automatisch — zugesprochen, quasi
verliehen?
Betrachten wir uns hierzu die Liste der Außenminister der Bundesrepublik
Deutschland:
-
Konrad Adenauer (15. März 1951 bis 6. Juni 1955)
-
Heinrich von Brentano ( 6. Juni 1955 bis 30. Oktober 1961)
-
Gerhard Schröder (14. November 1961 bis 30. November 1966)
-
Willy Brandt (1. Dezember 1966 bis 21. Oktober 1969)
-
Walter Scheel (22. Oktober 1969 bis 16. Mai 1974)
-
Hans-Dietrich Genscher (16. Mai 1974 bis 17. September 1982)
-
Helmut Schmidt (17. September 1982 bis 1. Oktober 1982)
-
Hans-Dietrich Genscher (1. Oktober 1982 bis 17. Mai 1992)
-
Klaus Kinkel (18. Mai 1992 bis 26. Oktober 1998)
-
Joschka Fischer (27. Oktober 1998 bis 22. November 2005)
-
Frank-Walter Steinmeier (22. November 2005 bis 28. Oktober 2009)
-
Guido Westerwelle (28. Oktober 2009, noch amtierend)
Welchen davon sprechen Sie heute noch Charisma zu?
An wen erinnern Sie
sich überhaupt noch?
Zugegeben, einige der Namen sind durch spätere
Ämter im Gedächtnis verankert worden.
Einigen Personen der Geschichte
wurde auch erst im Nachhinein, als Erklärungsversuch Charisma
zugeschrieben.
Die größten Chancen (und damit auch verbundenen Risiken) hatten jene, in
deren Amtszeit spürbare Krisen bzw. Veränderungen auftraten.
Ein
Beispiel hierfür ist Willy Brandt, der durch die Deutsch-Deutsche
Teilung und Themen wie Versöhnung mit den Nachbarn größere Beachtung
fand.
Unglücklich das Land, das Helden braucht, schrieb Brecht.
Doch besonders
in schweren Zeiten sind Führungsqualitäten gefragt.
Hier können
Menschen, die bereit sind nach vorne zu treten, Einfluss nehmen.
Es
wächst die Bereitschaft des Umfeldes für die Personifizierung ihres
Anliegens durch charismatische Persönlichkeiten.
Oft verbunden mit der
Bereitschaft eigene Interesse dem übergeordneten Anliegen unterzuordnen.
Die Geschichte der Menschheit berichtet sowohl über die bewundernswerten
als auch die schmerzlichen Ergebnisse, die aus diesem Phänomen
resultierten.
Einer der Gründe weshalb in Deutschland zwiespältige
Gefühle mit diesem Thema verbunden sind.
Das Nachmittags- und Boulevardfernsehen beglückt uns mit Promis die nur
deshalb bekannter sind, weil sie als solche bezeichnet werden und bis
zur Schmerzgrenze und darüber hinaus gezeigt werden.
Es gibt Menschen, die um des Bekanntheitsgrades willen teilnehmen
wollen.
Das kann seinen Nutzen haben, doch können daraus ein hilfreicher
Bekanntheitsgrad oder sogar Charisma resultieren?
Wohl eher nicht! Im
Gegenteil; mitunter ist es kaum noch möglich, die Beteiligten überhaupt
noch ernst zu nehmen.
Der Raum für Projektionen ist austauschbarer
geworden in einer Medienlandschaft, wo nicht nur Dank Full-HD selbst das
zu sehen und erfahren ist, worauf die meisten von uns gerne verzichtet
hätten.
Schauen wir auf die Musikszene.
Betrachte ich mir die strahlenden
musikalischen Helden meiner Jugend, sehen die meisten davon heute recht
traurig aus.
Vom einstigen Glanz — oder gar Charisma — meist keinerlei
Spur mehr.
Ein Sänger meiner Lieblingsband (wobei das ja in der Jugend
gerne wechselt) wurde zwei Jahrzehnte später in einer peinlichen
Talentshow gesichtet, wo er im Wochentakt mit anderen Relikten der
Vergangenheit um ein Comeback kämpfen durfte.
Andere Urgesteine in der Musikbranche stehen in der Hinsicht besser da.
Mitglieder der Rolling Stones scheinen umso interessanter — ja in
gewisser Weise vielleicht sogar charismatischer — desto älter sie
werden.
Teilweise sehen wir da vom Leben deutlich gezeichnete Gesichter.
Diese charakteristischen Gesichter, die Geschichten erzählen, die Profil
haben, sich treu geblieben sind und sich so als Projektionsfläche
anbieten. Sie können durchaus charismatisch wirken.
Während sie durch
ihr Geltungsbedürfnis eher verzweifelt wirken und wir uns peinlich
berührt abwenden wollen.
Und wie sieht es in der Wirtschaft aus? Im Management verstehen wir
unter charismatischer Führung die eher personenbezogene Komponente der
Managementfunktionen. Wird hier von einem Charismatiker gesprochen, ist
dies meist mit Bezeichnungen wie Visionär verbunden.
Oft wird das Wort Charisma dann verwendet, wenn es an greifbaren Gründen
für den Erfolg mangelt oder Charisma wird einfach als Synonym für
Motivationsgeschick, Ausstrahlung, Anziehungskraft, Souveränität,
Überzeugungsfähigkeit, Charme, Humor, Leidenschaft oder Selbstsicherheit
verwendet.
Ist Orientierung gefordert wird der Ruf nach Persönlichkeiten lauter,
die diesem Zweck dienen.
Gelingt es ihnen dann sich und die Aufgabe
miteinander zu verknüpfen, werden sie als charismatisch bezeichnet.