Politische Korrektheit, der Weihnachtsmann und überhaupt

Beitrag für das 
Sat1 Frühstücksfernsehen am 24. November 2015
Politische Korrektheit: Beitrag für das 
Sat1 Frühstücksfernsehen am 24. November 2015

Politische Korrektheit

 

Das Telefon klingelt und ich erfahre das ein beleuchteter Weihnachtsmann auf dem Berliner Tauentzien so manches Gemüt erhitzt. Er soll die Besucher des Weihnachtsmarktes an der Gedächtniskirche begrüßen. Doch anscheinend beleidigt seine Körpersprache das Anstandsgefühl politisch besonders korrekter Zeitgenossen. Die Frage an mich, ob ich dazu als Kommunikationsexperte etwas sagen möchte. Mit dem gebotenen Ernst sage ich zu.

Muss ich mich jetzt in die geschlechtsspezifische Quotendiskussion bei der Besetzung von Führungspositionen einmischen? Es ist schon auffällig, dass sowohl Nikolaus als auch Weihnachtsmann männlich sind.

Oder geht es darum, dass sich hier Angehörige anderer Religionen ausgegrenzt fühlen? Irgendwo habe ich gelesen das Feiern von Weihnachten an sich wäre schon ein Beweis für Rücksichtslosigkeit und eine Namensänderung in Winterfest die einzig akzeptable Bezeichnung.

Doch bevor ich diesen Gedanken weiter folge, wie Alice dem weißen Hasen, kommt eine andere Zielsetzung: Die Körpersprache des Weihnachtsmannes erregt Anstoss; der rechte Arm hat eine bedenkliche Haltung.

Ist der Weihnachtsmann auf dem Mittelstreifen des Tauentzien vor dem KaDeWe ein Nazi und eine mögliche Pilgerstätte für Anhänger? Das Ganze vielleicht sogar Teil einer Weltverschwörung?

Oder ist das nicht vielmehr eine allergische Reaktion, die in die Kategorie politische Korrektheit, Schubfach Verwirrung gehört? Reiben kann ich mich an so vielem, wenn nicht sogar an allem. Schließlich sind es die persönlichen Interpretationen, die über die Bedeutung entscheiden. Zugegeben sind manche Symbole zu eng mit unanständigem Gedankengut verbandelt, um frei genutzt zu werden. Allerdings wird die Verknüpfung durch den verkrampften Umgang mit ihnen nur weiter zementiert. Manchmal wünschte ich mir etwas mehr Recycling von belegten Symbolen wie Wörtern. Anstatt sie anderen zu überlassen, könnten wir sie wieder allen zur Verfügung stellen.

Die kritische Auseinandersetzung mit Symbolen und Begriffen hilft bei der Klärung was einer Gesellschaft wichtig ist. Nur allzuoft wird über das Ziel hinausgeschossen, die eigentliche Absicht bleibt weitgehend unberührt und die Kosmetik dafür umso dicker aufgetragen.

Wie wäre es mit etwa mehr Wohlwollen bei der Interpretation, dort wo es angebracht ist und etwas mehr Mitdenken, wo es erforderlich ist.

 

 

 

Fragen zur politischen Korrektheit

 

 

1. Empfehle ich die Verwendung politisch inkorrekter Begriffe und Symbole?

 

Nein. insbesondere meinen Klienten empfehle ich bei der Vorbereitung ihrer Auftritte mehrdeutige Begriffe und Symbole gegen förderliche auszuwechseln. Allerdings sind sich viele der Mehrdeutigkeit nicht bewusst und wundern sich dann über mitunter heftige Reaktionen. So unangebracht diese sein mögen. Weshalb sollten sie sich unnötig auf einen Nebenschauplatz zwingen lassen. Vorsicht ist besser als Nachsicht! Nur bitte die Kirche im Dorf lassen: Ein übertriebener Eiertanz macht manches Vorhaben so entspannt wie ein Spaziergang über ein Mienenfeld. Wenn schon ein brauner Mantel eine Entschuldigung erfordert, die falsche Krawatte oder ein roter Schal oder …

 

 

 

2. Und wenn es trotzdem geschehen ist?

 

Wenn ein Tugendwächter eine beschämende Interpretationsmöglichkeit gefunden oder konstruiert hat, sorgen Sie dafür, dass Ihr Thema nicht unnötig lange darunter zu leiden hat. Eine Möglichkeit: Die Flucht nach vorne. Zuerst eine eigene Definition anbieten, gegebenenfalls für die mögliche Interpretation entschuldigen (ganz korrekt wäre; um Entschuldigung bitten!), dann kurz die Position dazu klarstellen und zurück zum Thema. Wobei Ihnen das nicht immer sehr leicht gemacht werden wird. Zu verlockend ist es mitunter Ihr Thema und die Gelegenheit zu entführen und ganz uneigennützig zweckzuentfremden. Das gilt es zu vermeiden!

 

 

 

Ansonsten

 

Ausstrahlung des Beitrags:
Sat1 Frühstücksfernsehen am 24. November 2015

Ich wünsche eine schöne Vorweihnachtszeit!