Eristische Dialektik Kunstgriff 1: Die Erweiterung

Arthur Schopenhauer: Die Kunst, Recht zu behalten. Schritt für Schritt.
Dialektik

Kunstgriff 1. Die Erweiterung.

 

In achtunddreißig Kunstgriffen beschreibt Arthur Schopenhauer mit der Eristischen Dialektik eine Schule des Disputierens, des rhetorischen Überlebens bei Diskussionen. Hier der erste Kunstgriff der Kunst Recht zu behalten.

Indem die Behauptung des Gegenspielers erweitert, verallgemeinert und übertrieben wird, lässt sich dessen Aussage leichter angreifen.

 

 

Überblick

 

 

 

Kunstgriff 1 in den Worten von Arthur Schopenhauer

 

Die Erweiterung. Die Behauptung des Gegners über ihre natürliche Grenze hinausführen, sie möglichst allgemein deuten, in möglichst weitem Sinne nehmen und sie übertreiben: weil je allgemeiner eine Behauptung wird, desto mehreren Angriffen sie bloß steht. Das Gegenmittel ist die genaue Aufstellung des puncti oder status controversiae.

Exempel 1. Ich sagte:„Die Engländer sind die erste Dramatische Nation.“ – Der Gegner wollte eine instantia versuchen und erwiderte: es wäre bekannt, daß sie in der Musik folglich auch in der Oper nichts leisten könnten. – Ich trieb ihn ab, durch die Erinnerung, daß Musik nicht unter dem Dramatischen begriffen sei; letzters bezeichne bloß Tragödie und Komödie; was er sehr wohl wußte, und nur versuchte, meine Behauptung so zu verallgemeinern, daß sie alle theatralischen Darstellungen, folglich die Oper, folglich die Musik begrifft, um mich dann sicher zu schlagen. – Man rette umgekehrt seine eigne Behauptung durch Verengerung derselben über die erste Absicht hinaus, wenn der gebrauchte Ausdruck es begünstigt.

Exempel 2. A sagt: „Der Friede von 1814 gab sogar allen Deutschen Hansestädten ihre Unabhängigkeit wieder.“ – B gibt die instantia in contrarium, daß Danzig die ihm von Bonaparte verliehene Unabhängigkeit durch jenen Frieden verloren. – A rettet sich so: „Ich sagte allen Deutschen Hansestädten: Danzig war eine Polnische Hansestadt.“

Exempel 3. Lamarck (Philosophie zoologique, vol. I, p. 203) spricht den Polypen alle Empfindungen ab, weil sie keine Nerven haben. Nun aber ist es gewiß, daß sie wahrnehmen: denn sie gehn dem Lichte nach, indem sie sich künstlich von Zweig zu Zweig fortbewegen; – und sie haschen ihren Raub. Daher hat man angenommen, daß bei ihnen die Nervenmasse in der Masse des ganzen Körpers gleichmäßig verbreitet, gleichsam verschmolzen ist: denn sie haben offenbar Wahrnehmungen ohne gesonderte Sinnesorgane. Weil das dem Lamarck seine Annahme umstößt, argumentiert er dialektisch so: „Dann müßten alle Teile des Körpers der Polypen jeder Art der Empfindung fähig sein, und auch der Bewegung, des Willens, der Gedanken: Dann hätte der Polyp in jedem Punkt seines Körpers alle Organe des vollkommensten Tieres: jeder Punkt könnte sehn, riechen, schmecken, hören, usw., ja denken, urteilen, schließen: jede Partikel seines Körpers wäre ein vollkommnes Tier, und der Polyp selbst stände höher als der Mensch, da jedes Teilchen von ihm alle Fähigkeiten hätte, die der Mensch nur im Ganzen hat. – Es gäbe ferner keinen Grund, um was man vom Polypen behauptet, nicht auch auf die Monade, das unvollkommenste aller Wesen, auszudehnen, und endlich auch auf die Pflanzen, die doch auch leben, usw.“ –

Durch Gebrauch solcher Dialektischen Kunstgriffe verräth ein Schriftsteller, daß er sich im Stillen bewußt ist, Unrecht zu haben. Weil man sagte: „ihr ganzer Leib hat Empfindung für das Licht, ist also nervenartig“: macht er daraus, daß der ganze Leib denkt.

 

 

 

Tacheles

 

Soweit der Herr Schopenhauer. Bei der Erweiterung wird also fleißig übertrieben. Indem die Behauptung des Gegenspielers erweitert, verallgemeinert und übertrieben wird, lässt sich dessen Aussage leichter angreifen. Nur sehr selten ist eine Aussage in jedem Zusammenhang wahr oder zumindest empfehlenswert. Im NLP (Neurolinguistischen Programmieren) wird solchen so genannten Metamodellverletzungen der Generalisierung akribisch auf dem Grund gegangen. Hier soll die Verallgemeinerung jemanden untergejubelt und gegen ihn und seine Sache eingesetzt werden.

 

Hier ein Beispiel:

Angreifer: „Sie halten mich wohl für unfähig?“
Verteidiger: „Nein, Sie haben mit missverstanden!“
Angreifer: „Jetzt schlägt es Dreizehn, Sie behaupten also auch noch ich sei zu dumm, um Sie zu verstehen!“

 

 

 

Die Absicht und die Methode

 

Der Gegner erweitert Ihre Aussage deutlich über den Kontext hinaus, versucht sie möglichst weit zu fassen, oder sie zu übertreiben. Anschließend baut sein Gegenargument dann auf seiner unzulässigen Erweiterung auf. In der Praxis geschieht das mehr oder weniger offensichtlich konstruiert.

 

 

 

Gegenmaßnahmen, was hilft?

 

Je allgemeiner Ihre Aussagen sind, desto angreifbarer sind sie. Der eigene Standpunkt ist deswegen möglichst präzise in klar umrissenen Grenzen zu formulieren.

Ist ein Angriff erfolgt, dann erinnern Sie deutlich an den Kontext, auf den sich Ihre Aussage bezieht und für die sie gültig ist. Schopenhauer empfiehlt, mit einem Gegenbeispiel oder der Aufzählung von Einzelpunkten, die praktisch einschränkenden Bedingungen darzustellen.

P.S.

 

Wie stehen Sie zu diesem Kunstgriff der Eristischen Dialektik?

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Erstveröffentlichung des Artikels von Karsten Noack 25. Oktober 2018
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