„Jubelperser“: Woher der Begriff kommt – und warum inszenierter Beifall bis heute wirkt

Herkunft des Begriffs und die Macht inszenierter Zustimmung
Jubelperser

Jubelperser: Herkunft des Begriffs und die Macht inszenierter Zustimmung

 

Applaus wirkt.

Wenn viele Menschen begeistert reagieren, entsteht schnell der Eindruck:

Hier passiert etwas Bedeutendes.

Diese Person überzeugt.

Diese Idee findet Zustimmung.

Dieses Produkt begeistert.

Doch was geschieht, wenn der Beifall organisiert ist?

Wenn Zustimmung sichtbarer gemacht wird, als sie tatsächlich vorhanden ist?

Genau darum geht es bei Claqueuren und inszeniertem Applaus.

Und hier liegt auch der Hintergrund des historischen Begriffs „Jubelperser“.

Sichtbare Zustimmung ist ein soziales Signal. Sie sagt jedoch erst dann etwas über tatsächliche Überzeugung aus, wenn wir wissen, wie diese Zustimmung entstanden ist.

 

 

 

Was bedeutet „Jubelperser“?

 

Der Begriff bezeichnet im heutigen übertragenen Sprachgebrauch einen bestellten oder als unecht wahrgenommenen Beifallspender.

Der Duden führt ihn als salopp und abwertend und nennt „Claqueur“ als Bedeutung.

Seine Entstehung ist eng mit dem Staatsbesuch des iranischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi im Jahr 1967 verbunden.

 

 

 

Der historische Hintergrund

 

Am 2. Juni 1967 besuchten Schah Mohammad Reza Pahlavi und seine Frau Farah Pahlavi West-Berlin.

Gegen das autoritäre Regime des Schahs und die politische Situation im Iran protestierten zahlreiche Menschen.

Gleichzeitig traten proiranische beziehungsweise pro-schahnahe Gruppen auf, die dem Schah öffentlich zujubelten.

Ein Teil dieser Gruppen ging mit Gewalt gegen Demonstrierende vor.

In der damaligen Berichterstattung setzte sich dafür der Begriff „Jubelperser“ beziehungsweise auch „Prügelperser“ durch.

Die Ereignisse des 2. Juni 1967 wurden zu einem einschneidenden Moment der westdeutschen Nachkriegsgeschichte.

Im Verlauf der Auseinandersetzungen wurde der Student Benno Ohnesorg von dem Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen.

 

 

 

Warum der Begriff heute problematisch ist

 

Der Begriff verbindet eine bestimmte historische Gruppe mit einer ethnischen beziehungsweise nationalen Bezeichnung.

Dadurch wird aus einem historischen Ereignis leicht eine pauschale Personenbezeichnung.

Das ist sprachlich unnötig.

Wenn heute von bestelltem oder künstlich erzeugtem Applaus die Rede ist, sind Begriffe wie:

  • Claqueur
  • bestellter Applaus
  • inszenierte Zustimmung
  • künstlich erzeugter Beifall

meist präziser.

Den Ausdruck „Jubelperser“ verwende ich hier deshalb vor allem als historischen Begriff.

 

 

 

Was ist ein Claqueur?

 

Ein Claqueur ist eine Person, die gezielt Beifall, Zustimmung oder Begeisterung erzeugt.

Historisch war das besonders aus Theater und Oper bekannt.

Menschen wurden dafür eingesetzt, an den richtigen Stellen:

zu klatschen.

zu lachen.

Zustimmung zu zeigen.

Das Publikum sollte dadurch beeinflusst werden.

 

 

 

Warum funktioniert inszenierter Applaus?

 

Weil Menschen sich an anderen Menschen orientieren.

Wenn mehrere Personen:

klatschen.

lachen.

aufstehen.

zustimmend nicken.

entsteht ein soziales Signal.

Wir fragen uns unbewusst oder bewusst:

Wenn so viele Menschen reagieren – habe ich vielleicht ebenfalls Grund dazu?

 

 

 

Social Proof

 

In der Sozialpsychologie wird dieser Mechanismus häufig unter dem Begriff Social Proof beziehungsweise soziale Bewährtheit diskutiert.

Menschen orientieren sich besonders dann am Verhalten anderer, wenn:

  • die Situation unklar ist
  • sie selbst wenig Erfahrung besitzen
  • viele andere Menschen ähnlich reagieren

Das kann vollkommen harmlos sein.

Wenn ein ganzes Publikum über einen guten Witz lacht, beeinflusst das unsere Stimmung.

Es kann jedoch auch gezielt genutzt werden.

 

 

 

Der erste Applaus ist besonders mächtig

 

Vielleicht kennst du die Situation:

Ein Vortrag endet.

Für einen kurzen Moment passiert nichts.

Dann beginnt eine Person zu klatschen.

Andere schließen sich an.

Innerhalb weniger Sekunden applaudiert der ganze Raum.

Die erste Reaktion gibt Orientierung.

 

 

 

Das bedeutet nicht, dass der spätere Applaus unecht ist

 

Vielleicht wollten viele ohnehin klatschen.

Nur niemand wollte beginnen.

Ein Impuls löst dann kollektives Verhalten aus.

Genau deshalb sollten wir unterscheiden zwischen:

angestoßener Zustimmung

und

vorgetäuschter Zustimmung.

 

 

 

Applaus ist kein objektives Qualitätsmaß

 

Ein Redner kann starken Applaus bekommen und wenig Substanz geliefert haben.

Eine andere Person kann einen anspruchsvollen Gedanken formulieren und nur verhaltenen Beifall erhalten.

Publikumsreaktionen hängen auch ab von:

  • Erwartungen
  • Gruppendynamik
  • Sympathie
  • Inszenierung
  • Situation

Deshalb ist Applaus eine Reaktion.

Kein Qualitätszertifikat.

 

 

 

Standing Ovations sind besonders starke Signale

 

Wenn die ersten Menschen aufstehen, verändert sich die Situation.

Die weiterhin Sitzenden werden nun sichtbar.

Damit steigt sozialer Druck.

Manche Menschen stehen auf, weil sie begeistert sind.

Andere möglicherweise, weil fast alle anderen bereits stehen.

Von außen sieht beides identisch aus.

 

 

 

Das ist Gruppendynamik, nicht automatisch Manipulation

 

Soziale Orientierung gehört zum menschlichen Verhalten.

Wir reagieren aufeinander.

Problematisch wird es dort, wo dieser Mechanismus gezielt verborgen inszeniert wird, damit unabhängige Zustimmung vorgetäuscht wird.

 

 

 

Der Unterschied zwischen Inszenierung und Betrug

 

Viele Veranstaltungen werden inszeniert.

Musik.

Licht.

Moderation.

Dramaturgie.

Das ist normal.

Etwas anderes ist es, dem Publikum eine spontane und unabhängige Zustimmung vorzutäuschen, die tatsächlich organisiert oder bezahlt wurde.

 

 

 

Inszenierter Applaus in Politik

 

Politische Veranstaltungen leben sichtbar von Unterstützern.

Das ist zunächst selbstverständlich.

Parteitage oder Wahlkampfveranstaltungen werden überwiegend von Menschen besucht, die einer politischen Richtung bereits nahestehen.

Problematisch wäre weniger ihre Begeisterung.

Problematisch wäre, eine organisierte Unterstützergruppe als repräsentative spontane Zustimmung der gesamten Bevölkerung darzustellen.

 

 

 

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wer ist dieses Publikum?

 

Wenn du Bilder einer jubelnden Menge siehst, weißt du zunächst:

Diese Menschen jubeln.

Du weißt damit noch nicht:

wie repräsentativ sie sind.

wie sie ausgewählt wurden.

warum sie dort sind.

oder was die übrigen Menschen denken.

 

 

 

Ein Bild von Zustimmung ist noch kein Beweis für Zustimmung insgesamt

 

Das gilt ebenso für:

politische Veranstaltungen.

Unternehmensveranstaltungen.

Produktlaunches.

Konferenzen.

Social Media.

 

 

 

Inszenierte Begeisterung im Marketing

 

Auch Marketing arbeitet mit sozialen Signalen.

Zum Beispiel:

  • Kundenbewertungen
  • Testimonials
  • Followerzahlen
  • Likes
  • Testimonials auf Websites
  • sichtbaren Warteschlangen

Das kann hilfreiche Orientierung bieten.

Vorausgesetzt, die Signale sind echt und angemessen dargestellt.

 

 

 

Gekaufte Follower sind digitaler Scheinkonsens

 

Wer Follower, Likes oder Kommentare kauft, möchte eine soziale Realität darstellen, die so nicht existiert.

Die Botschaft lautet:

„Viele Menschen interessieren sich für mich.“

Der sichtbare Zahlenwert soll weitere Menschen überzeugen.

Genau darin liegt die moderne Verbindung zum Thema inszenierter Zustimmung.

 

 

 

Hohe Zahlen erzeugen Erwartungen

 

Ein Kanal mit hunderttausend Followern wirkt zunächst relevanter als einer mit zweihundert.

Doch wenn:

kaum jemand zusieht.

kaum jemand kommentiert.

niemand wirklich reagiert.

entsteht ein Widerspruch.

Das kann Vertrauen eher schwächen.

 

 

 

Echte kleine Resonanz kann wertvoller sein als großer Scheinerfolg

 

Zehn Menschen, die sich ernsthaft mit einem Gedanken beschäftigen, können relevanter sein als zehntausend gekaufte Reaktionen.

Das gilt besonders dort, wo Vertrauen wichtig ist.

 

 

 

Fake Reviews

 

Ein verwandtes Problem sind gefälschte Bewertungen.

Menschen nutzen Bewertungen, um Unsicherheit zu reduzieren.

Sie fragen:

„Welche Erfahrungen haben andere gemacht?“

Wenn diese Erfahrungsberichte erfunden sind, wird genau dieses Vertrauen ausgenutzt.

 

 

 

Testimonials brauchen Glaubwürdigkeit

 

Auch echte Testimonials können problematisch präsentiert werden.

Zum Beispiel, wenn:

nur extreme Ausnahmefälle gezeigt werden.

wesentliche Bedingungen fehlen.

oder die Auswahl einen typischen Erfolg suggeriert, obwohl sie untypisch ist.

Transparenz stärkt langfristig mehr als maximaler Eindruck.

 

 

 

Inszenierte Zustimmung in Unternehmen

 

Auch intern gibt es künstlichen Beifall.

Eine Führungskraft präsentiert eine Idee.

Niemand widerspricht.

Alle nicken.

Danach heißt es:

„Das Team steht geschlossen dahinter.“

Vielleicht.

Vielleicht traut sich nur niemand zu widersprechen.

 

 

 

Schweigen ist keine Zustimmung

 

Das ist eine wichtige Führungsregel.

Menschen können schweigen aus:

  • Zustimmung
  • Unsicherheit
  • Resignation
  • Angst
  • Desinteresse

Deshalb sollte Schweigen nicht automatisch als Einverständnis interpretiert werden.

 

 

 

Auch Applaus kann hierarchisch beeinflusst sein

 

Wenn der Vorstandsvorsitzende begeistert klatscht, folgen möglicherweise andere.

Nicht unbedingt, weil sie denselben Eindruck haben.

Hierarchie beeinflusst sichtbares Verhalten.

 

 

 

Gefährlich wird inszenierter Konsens für Entscheidungen

 

Wenn Führungskräfte glauben:

„Alle unterstützen diese Entscheidung.“

obwohl erhebliche Zweifel bestehen, fehlen wichtige Informationen.

Dann wird aus höflicher Zustimmung ein Entscheidungsrisiko.

 

 

 

Gute Führung sucht nicht nur Beifall

 

Sie sucht:

Widerspruch.

Zweifel.

schlechte Nachrichten.

alternative Perspektiven.

Das fühlt sich gelegentlich weniger angenehm an.

Es verbessert häufig die Entscheidungsgrundlage.

 

 

 

Die gefährliche Umgebung des mächtigen Menschen

 

Je mehr Macht jemand besitzt, desto schwieriger kann unverfälschtes Feedback werden.

Menschen überlegen:

Was möchte die Führung hören?

Welche Antwort ist ungefährlich?

Welcher Einwand könnte meiner Karriere schaden?

So kann eine Informationsblase entstehen.

 

 

 

Dann entstehen moderne Claqueure ohne Bezahlung

 

Niemand hat sie offiziell bestellt.

Sie haben gelernt:

Zustimmung ist sicherer.

Widerspruch ist riskanter.

Für Führungskräfte ist das gefährlich.

 

 

 

Der angenehmste Beifall kann der teuerste sein

 

Wenn eine schlechte Idee begeistert bestätigt wird, fühlt sich das kurzfristig gut an.

Die Realität stimmt jedoch später möglicherweise weniger begeistert zu.

Wer nur Menschen um sich hat, die applaudieren, erfährt möglicherweise sehr spät, was wirklich nicht funktioniert.

 

 

 

Executive Presence braucht keinen Hofstaat

 

Souveräne Führung bedeutet weniger, ständig Zustimmung zu erzeugen.

Sie bedeutet auch:

  • Widerspruch auszuhalten
  • Kritik ernst zu nehmen
  • Unsicherheit zuzulassen
  • die eigene Position trotzdem vertreten zu können

Das verlangt mehr innere Stabilität als ein Raum voller Zustimmung.

 

 

 

Applaus und Popularität sind nicht dasselbe wie Führung

 

Führungskräfte müssen gelegentlich Entscheidungen treffen, die:

unbequem.

unpopulär.

notwendig.

sind.

Dann ist unmittelbarer Applaus ein schlechtes Erfolgskriterium.

 

 

 

Was zählt stattdessen?

 

Zum Beispiel:

Ist die Entscheidung begründet?

Ist sie verantwortbar?

Sind relevante Perspektiven berücksichtigt?

Ist sie klar kommuniziert?

Das ist belastbarer als Beifall.

 

 

 

Applaus aus der falschen Richtung

 

Es gibt noch eine andere interessante Situation.

Du bekommst Zustimmung von Menschen oder Gruppen, mit denen du kaum in Verbindung gebracht werden möchtest.

Das kann die Interpretation deiner Aussage verändern.

 

 

 

Du bestimmst nicht vollständig, wer dir zustimmt

 

Menschen können deine Aussagen:

zitieren.

teilen.

loben.

für eigene Ziele verwenden.

Du hast darauf nur begrenzten Einfluss.

 

 

 

Entscheidend ist die eigene Position

 

Wenn problematische Gruppen eine Aussage von dir unterstützen, solltest du zunächst prüfen:

Warum?

Wurde die Aussage korrekt verstanden?

Wurde sie aus dem Kontext gerissen?

Gibt es tatsächlich eine Überschneidung?

Dann kannst du entscheiden, ob eine Klarstellung sinnvoll ist.

 

 

 

Schuld durch Zustimmung?

 

Nur weil eine problematische Person dir zustimmt, wird deine Aussage nicht automatisch falsch.

Das wäre ein Fehlschluss.

Argumente sollten weiterhin nach Inhalt beurteilt werden.

Gleichzeitig kann unerwünschter Beifall ein Hinweis sein, die eigene Formulierung und mögliche Interpretationen genauer zu prüfen.

 

 

 

Applaus als rhetorisches Werkzeug

 

Redner können auf Applaus hinarbeiten.

Durch:

Pausen.

Steigerungen.

Pointen.

emotionale Schlussfolgerungen.

Das ist normale Rhetorik.

Daran ist grundsätzlich nichts problematisch.

 

 

 

Problematisch wird es, wenn der Beifall wichtiger wird als der Gedanke

 

Dann werden Botschaften möglicherweise:

vereinfacht.

polarisiert.

dramatisiert.

nur weil sie schneller Zustimmung erzeugen.

Das kann rhetorisch funktionieren.

Und inhaltlich schaden.

 

 

 

Ein guter Satz braucht keinen Applaus

 

Manche Aussagen sollen:

nachdenklich machen.

irritieren.

eine schwierige Wahrheit benennen.

Dann kann Stille sogar angemessener sein als sofortiger Beifall.

 

 

 

Stille ist nicht automatisch Scheitern

 

Ein Publikum, das gerade denkt, klatscht vielleicht später.

Oder gar nicht.

Die Wirkung einer Rede lässt sich kaum ausschließlich an der Lautstärke des Beifalls messen.

 

 

 

Die gefährliche Suche nach Bestätigung

 

Das Thema reicht damit über Veranstaltungen hinaus.

Menschen suchen Bestätigung.

Das ist menschlich.

Problematisch wird es, wenn wir gezielt nur noch Informationen und Menschen auswählen, die uns bestätigen.

 

 

 

Dann entsteht ein persönlicher Claqueur-Effekt

 

Vielleicht fragst du nur noch Menschen, von denen du weißt:

Sie werden zustimmen.

Vielleicht ignorierst du kritisches Feedback.

Vielleicht deutest du Widerstand grundsätzlich als Unverständnis.

Dann wird Zustimmung zum Filter.

 

 

 

Confirmation Bias

 

Menschen neigen dazu, Informationen stärker wahrzunehmen und zu gewichten, wenn sie vorhandene Überzeugungen bestätigen.

Deshalb kann ehrlicher Widerspruch besonders wertvoll sein.

Gerade bei wichtigen Entscheidungen.

 

 

 

Wie erkennst du wertvolles Feedback?

 

Nicht daran, dass es angenehm ist.

Frage:

Ist es konkret?

Ist es nachvollziehbar?

Bezieht es sich auf die Sache?

Kann ich daraus etwas prüfen?

Dann lohnt sich ein genauer Blick.

 

 

 

Gute Sparringspartner applaudieren nicht automatisch

 

Ihre Aufgabe besteht auch darin:

Annahmen infrage zu stellen.

Gegenpositionen zu formulieren.

blinde Flecken sichtbar zu machen.

Das kann gelegentlich unbequem sein.

Genau darin liegt der Wert.

 

 

 

Das Gegenteil des Claqueurs

 

Ein guter Sparringspartner ist auch kein professioneller Widersprecher.

Es geht nicht darum, reflexhaft dagegen zu sein.

Es geht darum:

ehrlich zu prüfen, ob ein Gedanke trägt.

 

 

 

Wie du echten von inszeniertem Beifall unterscheiden kannst

 

Vollständig gelingt das kaum.

Doch du kannst fragen:

  • Wer reagiert?
  • Wie wurde dieses Publikum zusammengesetzt?
  • Gibt es unabhängige Rückmeldungen?
  • Passen sichtbare Zustimmung und tatsächliches Verhalten zusammen?
  • Werden kritische Stimmen zugelassen?

 

 

 

Verhalten ist oft aussagekräftiger als Applaus

 

Ein Kunde kann begeistert klatschen.

Entscheidend wird später:

Kauft er?

Bleibt er?

Empfiehlt er weiter?

Ein Mitarbeiter kann im Meeting zustimmen.

Entscheidend wird:

Trägt er die Umsetzung?

 

 

 

Wirkliche Zustimmung zeigt sich langfristiger

 

Deshalb ist nachhaltiges Verhalten häufig interessanter als momentane Begeisterung.

 

 

 

Sieben Fragen zu sichtbarer Zustimmung

 

1. Wer applaudiert?

Und wie repräsentativ ist diese Gruppe?

2. Warum applaudieren diese Menschen?

Überzeugung, Zugehörigkeit, Erwartung oder sozialer Druck?

3. Ist die Zustimmung unabhängig?

Oder wurde sie organisiert?

4. Welche Stimmen fehlen?

Vielleicht hört niemand den Widerspruch.

5. Stimmen Worte und Verhalten überein?

Langfristige Handlungen sind häufig aufschlussreicher.

6. Welche Kritik wird zugelassen?

Ein Umfeld ohne Widerspruch sollte aufmerksam machen.

7. Brauche ich gerade Zustimmung oder Wahrheit?

Bei wichtigen Entscheidungen ist das eine entscheidende Frage.

 

 

 

Häufige Fragen

 

Was bedeutet „Jubelperser“?

Der Begriff wird übertragen für einen bestellten beziehungsweise als unecht wahrgenommenen Beifallspender verwendet. Er gilt heute als salopp und abwertend und wird hier vor allem in seinem historischen Zusammenhang behandelt.

 

Woher kommt der Begriff?

Er entstand im Zusammenhang mit dem Staatsbesuch des iranischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi im Jahr 1967. Beim Besuch in West-Berlin traten Unterstützer des Schahs auf, von denen ein Teil auch gewaltsam gegen Demonstrierende vorging.

 

Was geschah am 2. Juni 1967?

Während des Schah-Besuchs kam es in West-Berlin zu schweren Auseinandersetzungen. Im weiteren Verlauf wurde der Student Benno Ohnesorg von einem Berliner Polizisten erschossen. Die Ereignisse wurden zu einem wichtigen Bezugspunkt der westdeutschen Studentenbewegung.

 

Sollte der Begriff heute noch verwendet werden?

Als historische Bezeichnung kann er erklärt werden. Für heutige Situationen sind Begriffe wie „Claqueur“, „bestellter Applaus“ oder „inszenierte Zustimmung“ in der Regel präziser und neutraler.

 

Was ist ein Claqueur?

Ein Claqueur ist eine Person, die gezielt Beifall oder andere positive Publikumsreaktionen erzeugt, um die Wahrnehmung weiterer Menschen zu beeinflussen.

 

Was hat das mit Social Media zu tun?

Gekaufte Follower, Likes oder gefälschte Bewertungen können ebenfalls den Eindruck sozialer Zustimmung erzeugen, die in dieser Form nicht tatsächlich vorhanden ist.

 

Warum beeinflusst uns die Zustimmung anderer?

Menschen nutzen das Verhalten anderer als Orientierung, besonders in unklaren Situationen. Sichtbare Zustimmung kann deshalb die Wahrnehmung einer Person, Idee oder Entscheidung beeinflussen.

 

Ist Applaus ein gutes Maß für die Qualität einer Präsentation?

Nur sehr eingeschränkt. Beifall kann etwas über unmittelbare Publikumsreaktionen sagen. Er beweist weder die Qualität einer Argumentation noch die langfristige Wirkung eines Auftritts.

 

 

 

Der entscheidende Gedanke

 

Menschen orientieren sich an anderen Menschen.

Deshalb wirkt sichtbare Zustimmung.

Und genau deshalb verdient sie Aufmerksamkeit.

Applaus.

Likes.

Bewertungen.

Zustimmung im Meeting.

Sie alle können wertvolle Signale sein.

Nur sollten wir sie nicht mit Wahrheit verwechseln.

Beifall sagt dir, dass jemand applaudiert. Ob dein Gedanke wirklich trägt, zeigt sich erst bei genauerem Hinsehen.

 

 

 

Wenn du ehrliche Resonanz statt höflicher Zustimmung brauchst

 

Gerade bei wichtigen:

  • Entscheidungen
  • Präsentationen
  • Positionierungen
  • Führungssituationen

ist unabhängige Rückmeldung wertvoll.

Im persönlichen Sparring geht es deshalb nicht darum, deine Ideen automatisch zu bestätigen.

Wir prüfen:

Was trägt?

Wo fehlen Belege?

Welche Gegenposition ist stark?

Welche Reaktion deines Publikums könnte anders ausfallen als erwartet?

Echter Applaus ist angenehm.

Ehrliche Rückmeldung ist häufig wertvoller.

Online oder persönlich in Berlin.

P.S.​

 

Wie steht es mit Fragen oder Kommentaren dazu?

2 Kommentare

  1. Den Hintergrund kannte ich vorher nicht, das Phänomen schon. Das sind diese Leute, die beim größten Unsinn ihres Chefs klatschen.

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Der Kluge gibt so lange nach, bis er der Dumme ist

Autor: Karsten Noack
Erstveröffentlichung: 2. Januar 2009
Überarbeitung: 4. Juni 2019
AN: #4339