Entscheidungsfreiheit: Wie frei entscheiden wir wirklich?

Die Frage nach der Freiheit: Sind wir wirklich unabhängig?

Wie frei sind unsere Entscheidungen wirklich?

 

Wie viel Freiheit steckt tatsächlich in unseren Entscheidungen? Gene, Erfahrungen, Gewohnheiten und unbewusste Prozesse beeinflussen uns. Gleichzeitig können wir unseren Handlungsspielraum erweitern.

Du triffst eine Entscheidung.

Sie fühlt sich vollkommen nach deiner Entscheidung an.

Und dann kommt eine interessante Frage:

Wie viel davon hast du tatsächlich frei gewählt?

Unsere Gene spielen eine Rolle. Unsere Erfahrungen ebenfalls. Dazu kommen Gewohnheiten, Erwartungen, Gefühle, Bedürfnisse, soziale Einflüsse und Prozesse, die bereits wirken, bevor wir bewusst darüber nachdenken.

Sind wir also frei?

Vielleicht führt eine andere Frage weiter:

Wie groß ist unser tatsächlicher Entscheidungsspielraum?

Denn Entscheidungsfreiheit lässt sich als Spielraum verstehen.

Und diesen Spielraum können wir erweitern.

 

 

 

Entscheidungen entstehen aus unserer Geschichte

 

Jeder Mensch bringt seine Geschichte in eine Entscheidung mit.

Erfahrungen.

Werte.

Gewohnheiten.

Erwartungen.

Bedürfnisse.

Ängste.

Vorstellungen darüber, was möglich, vernünftig, sicher oder angemessen erscheint.

All das beeinflusst, welche Möglichkeiten wir wahrnehmen und wie wir sie bewerten.

Genau hier beginnt Selbstführung.

Denn zwischen unseren Prägungen und unserem Verhalten liegt ein wertvoller Raum:

Wir können wahrnehmen, reflektieren und neu entscheiden.

 

 

 

Hat das Gehirn bereits entschieden, bevor wir es merken?

 

Eine der bekanntesten Diskussionen über den freien Willen entstand durch Experimente des Neurophysiologen Benjamin Libet.

Bei einfachen Bewegungsaufgaben ließ sich Gehirnaktivität messen, bevor Versuchspersonen berichteten, sich bewusst zur Bewegung entschieden zu haben.

Daraus entstand eine populäre Interpretation:

Das Gehirn entscheidet zuerst. Das Bewusstsein erfährt anschließend davon.

Heute wird diese Interpretation wesentlich differenzierter betrachtet.

Forscher diskutieren unter anderem, welche Bedeutung das gemessene Bereitschaftspotenzial tatsächlich besitzt und wie zuverlässig Menschen den Zeitpunkt einer bewussten Entscheidung bestimmen können.

Außerdem lohnt eine wichtige Unterscheidung.

Eine spontane Fingerbewegung im Labor unterscheidet sich erheblich von Entscheidungen wie:

  • einen Beruf zu wechseln,
  • eine Beziehung neu zu gestalten,
  • ein Unternehmen zu verkaufen,
  • eine Zusammenarbeit fortzuführen,
  • eine Führungsposition anzunehmen
  • oder einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen.

Komplexe Entscheidungen beziehen Erfahrungen, Ziele, Werte, Gefühle, Informationen und mögliche Konsequenzen ein.

Genau dort entsteht Raum für bewusste Reflexion.

 

 

 

Gene sind Ausgangsbedingungen, kein Drehbuch

 

Auch unsere genetische Ausstattung beeinflusst uns.

Temperament, Sensibilität und zahlreiche weitere Eigenschaften besitzen biologische Anteile.

Gleichzeitig entwickeln wir uns in ständiger Wechselwirkung mit unserer Umwelt.

Erfahrungen verändern uns.

Beziehungen verändern uns.

Lernen verändert uns.

Und unsere eigenen Entscheidungen beeinflussen wiederum die Bedingungen, unter denen wir zukünftige Entscheidungen treffen.

Das macht menschliche Entwicklung so interessant:

Wir sind geprägt und prägen uns zugleich weiter.

 

 

 

Freiheit bedeutet auch, Einflüsse erkennen zu können

 

Vielleicht stellen wir uns Entscheidungsfreiheit gelegentlich zu absolut vor.

Eine hilfreiche Vorstellung von Freiheit lautet:

Einflüsse erkennen, prüfen und bewusst mit ihnen umgehen zu können.

Dann lautet die entscheidende Frage:

Wie groß ist mein tatsächlicher Handlungsspielraum?

Diese Frage führt unmittelbar in die Praxis.

Denn Handlungsspielraum lässt sich erweitern.

 

 

 

Automatische Entscheidungen sparen Energie

 

Unser Gehirn automatisiert sehr viel.

Das ist ausgesprochen hilfreich.

Du überlegst morgens vermutlich kaum ausführlich, wie du eine Türklinke benutzt, deine Schuhe bindest oder welchen Fuß du zuerst auf eine Treppenstufe setzt.

Automatisierung schafft Kapazität für anspruchsvollere Aufgaben.

Besonders interessant wird es dort, wo frühere Erfahrungen heutige Entscheidungen stärker beeinflussen, als uns bewusst ist.

Dann tauchen beispielsweise Gedanken auf wie:

„Das macht man eben so.“

„So bin ich.“

„Dafür bin ich zu alt.“

„Das kann ich meinem Umfeld kaum zumuten.“

„Ich muss mich jetzt entscheiden.“

Solche Sätze verdienen Aufmerksamkeit.

Manchmal beschreiben sie reale Rahmenbedingungen.

Manchmal beschreiben sie Grenzen, die irgendwann entstanden sind und inzwischen selbstverständlich wirken.

Selbstreflexion hilft, diesen Unterschied zu erkennen.

 

 

 

Entscheidungsfreiheit beginnt mit Wahrnehmung

 

Was wir wahrnehmen, können wir bewusster gestalten.

Deshalb beginnt mehr Entscheidungsfreiheit häufig mit einer erstaunlich einfachen Frage:

Was beeinflusst meine Entscheidung gerade?

Vielleicht sind es Fakten.

Vielleicht frühere Erfahrungen.

Vielleicht Loyalität.

Vielleicht Sicherheitsbedürfnisse.

Vielleicht Status.

Vielleicht Erwartungen anderer Menschen.

Vielleicht möchtest du eine unangenehme Konsequenz vermeiden.

Vielleicht zieht dich eine Möglichkeit an, weil sie einem Wert entspricht, der dir besonders wichtig ist.

Je genauer du diese Kräfte erkennst, desto bewusster kannst du mit ihnen umgehen.

 

 

 

Fünf Fragen für mehr Entscheidungsspielraum

 

Bei wichtigen Entscheidungen helfen häufig fünf Fragen:

  1. Welche Einflüsse wirken gerade auf meine Entscheidung?
  2. Welche meiner Annahmen beruhen auf Fakten – und welche auf Interpretationen?
  3. Welche meiner Werte sollen bei dieser Entscheidung besonderes Gewicht bekommen?
  4. Welche Konsequenzen haben die verschiedenen Wege wahrscheinlich?
  5. Welche zusätzliche Möglichkeit habe ich bisher übersehen?

Gerade die letzte Frage besitzt Kraft.

Menschen erleben Entscheidungssituationen häufig als Wahl zwischen A und B.

Manchmal verändert sich die gesamte Situation, sobald C sichtbar wird.

 

 

 

Arthur Schopenhauer und die Freiheit des Wollens

 

Arthur Schopenhauer formulierte einen berühmten Gedanken:

„Der Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“

Der Satz berührt einen spannenden Punkt.

Auch unsere Wünsche besitzen eine Geschichte.

Gleichzeitig können wir uns mit diesen Wünschen beschäftigen.

Wir können fragen:

  • Warum bedeutet mir das so viel?
  • Welche Erfahrung steckt dahinter?
  • Welcher Wert zeigt sich darin?
  • Welche Konsequenzen hätte es, diesem Wunsch zu folgen?

Selbstreflexion schafft dadurch eine zusätzliche Ebene.

Wir erleben unsere Impulse und können zugleich bewusst mit ihnen umgehen.

 

 

 

Mehr Entscheidungsfreiheit durch Selbstführung

 

Für mich liegt darin ein wesentlicher Teil persönlicher Entwicklung.

Entscheidungsfreiheit bedeutet:

mehr von dem zu erkennen, was dich beeinflusst, und bewusster damit umzugehen.

Du kannst Perspektiven wechseln.

Annahmen prüfen.

Informationen sammeln.

Werte klären.

Gewohnheiten hinterfragen.

Konsequenzen durchspielen.

Zusätzliche Möglichkeiten entwickeln.

Und anschließend entscheiden, welcher Weg für dich tragfähig erscheint.

Vielleicht besteht ein wichtiger Teil menschlicher Freiheit gerade darin, unseren Einfluss auf die eigenen Einflüsse zu vergrößern.

 

 

 

Wenn bei einer Entscheidung viel auf dem Spiel steht

 

Je größer die Tragweite einer Entscheidung, desto anspruchsvoller kann es werden, die eigene Situation aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.

Wir denken länger darüber nach.

Wir sammeln weitere Informationen.

Und irgendwann bewegen sich dieselben Gedanken auf denselben Wegen.

Dann kann ein unabhängiges Gegenüber wertvoll sein.

Im 1:1-Sparring unterstütze ich Menschen dabei, Informationen zu sortieren, Annahmen zu prüfen, Interessen und Werte sichtbar zu machen, Konsequenzen durchzuspielen und zusätzliche Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Dabei geht es darum, den eigenen Blick zu erweitern und Klarheit zu gewinnen.

Die Entscheidung bleibt deine.

Das Ziel ist eine Entscheidung, die du verstehen, vertreten und langfristig tragen kannst.

Mehr über Unterstützung bei wichtigen Entscheidungen →

 

 

 

Fazit: Freiheit ist auch ein Spielraum

 

Biologie, Erfahrungen, Beziehungen, Gewohnheiten und unsere aktuelle Situation beeinflussen unsere Entscheidungen.

Gleichzeitig besitzen wir die bemerkenswerte Fähigkeit, uns mit diesen Einflüssen auseinanderzusetzen.

Wir können sie erkennen.

Wir können sie prüfen.

Wir können unsere Perspektive erweitern.

Und wir können zusätzliche Handlungsmöglichkeiten entwickeln.

Für den Alltag ergibt sich daraus eine sehr praktische Aufgabe:

den eigenen Handlungsspielraum erkennen und bewusst erweitern.

Denn jede zusätzliche Perspektive kann eine Möglichkeit sichtbar machen.

Und manchmal beginnt Entscheidungsfreiheit genau dort.

Du stehst vor einer wichtigen Entscheidung?

 

Wenn viel von einer Entscheidung abhängt, kann eine zusätzliche unabhängige Perspektive wertvoll sein.

Wir können Möglichkeiten betrachten, Annahmen prüfen, Prioritäten klären und Konsequenzen aus unterschiedlichen Perspektiven durchdenken.

Die Entscheidung bleibt deine. Ziel ist eine bessere Grundlage, auf der du sie treffen kannst.

→ Unterstützung bei wichtigen Entscheidungen

P.S.​

 

Wie steht es mit Fragen oder Kommentaren dazu?

2 Kommentare

  1. Die Vorstellung wäre doch schlimm, wenn wir keinen freien Willen hätten, hätten wir auch keine Verantwortung und kein eigenes Leben.

    Antworten
  2. Ohne freien Willen wäre das Leben nur ein trauriger Witz.

    Antworten

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Autor: Karsten Noack
Erstveröffentlichung: 21. Juni 2019
Überarbeitung: 24. November 2019
Englische Version: