Diversität

Warum unterschiedliche Perspektiven wertvoll sind

Diversität: Was andere Perspektiven mit unserem Denken machen

 

Vielfalt ist mehr als Verschiedenheit

 

Menschen sind verschieden.

Das ist zunächst weder gut noch schlecht.

Es ist eine Tatsache.

Wir unterscheiden uns beispielsweise in:

Herkunft,

Alter,

Geschlecht,

Erfahrungen,

Persönlichkeit,

Fähigkeiten,

Lebensentwürfen,

Werten,

Wissen

und Sichtweisen.

Interessant wird es für mich bei einer anderen Frage:

Was geschieht, wenn unterschiedliche Menschen gemeinsam denken, entscheiden und handeln?

Denn Diversität kann etwas ermöglichen, das für gute Entscheidungen ausgesprochen wertvoll ist:

Sie kann unsere eigene Perspektive infrage stellen.

 

 

 

Was bedeutet Diversität?

 

Diversität bedeutet zunächst Vielfalt beziehungsweise Verschiedenheit.

In gesellschaftlichen und beruflichen Zusammenhängen beschreibt der Begriff unterschiedliche Merkmale, Erfahrungen und Perspektiven von Menschen.

Häufig wird dabei beispielsweise über:

Alter,

Geschlecht,

Herkunft,

körperliche Voraussetzungen,

sexuelle Orientierung,

Religion

oder soziale Herkunft

gesprochen.

Diese Dimensionen sind relevant.

Für Zusammenarbeit und Entscheidungen interessiert mich zusätzlich etwas:

Welche unterschiedlichen Erfahrungen und Denkweisen kommen tatsächlich zusammen?

 

 

 

Sichtbare Vielfalt und unsichtbare Vielfalt

 

Manche Unterschiede erkennen wir schnell.

Andere kaum.

Zwei Menschen können äußerlich sehr ähnlich wirken und vollkommen unterschiedlich denken.

Und zwei Menschen mit offensichtlich verschiedenen Biografien können bei einer entscheidenden Frage nahezu identische Überzeugungen vertreten.

Deshalb lohnt es sich, neben sichtbarer Vielfalt auch auf kognitive Vielfalt zu achten.

Wie unterschiedlich betrachten Menschen ein Problem?

Welche Erfahrungen bringen sie mit?

Welche Annahmen stellen sie infrage?

Welche Risiken sehen sie?

Welche Möglichkeiten?

Das kann für Entscheidungen entscheidend sein.

 

 

 

Das Problem mit Menschen, die genauso denken wie wir

 

Wir fühlen uns häufig besonders wohl mit Menschen, die unsere Sicht teilen.

Das Gespräch fließt.

Wir müssen weniger erklären.

Unsere Einschätzungen werden bestätigt.

Das fühlt sich gut an.

Und genau darin liegt eine Gefahr.

Wenn alle dieselben Annahmen teilen, können auch alle denselben blinden Fleck haben.

Dann entsteht schnell:

„Wir sind uns einig, also werden wir wohl richtig liegen.“

Leider folgt das eine weniger zwangsläufig aus dem anderen.

 

 

 

Zustimmung ist weniger dasselbe wie Wahrheit

 

Eine Gruppe kann sich vollkommen einig sein und trotzdem irren.

Vielleicht haben alle:

ähnliche Erfahrungen,

dieselbe Ausbildung,

vergleichbare Interessen,

ähnliche Karrierewege

oder dieselben Informationen.

Dann entsteht Konsens leicht.

Die interessante Frage lautet:

Welche Perspektive fehlt im Raum?

 

 

 

Diversität kann Denkgewohnheiten irritieren

 

Ein Mensch mit einer anderen Erfahrung stellt vielleicht eine Frage, die für alle anderen bisher kaum existierte.

„Warum machen wir das eigentlich so?“

Die Antwort:

„Weil wir es immer so gemacht haben.“

Interessant.

Vielleicht gibt es einen guten Grund.

Vielleicht auch weniger.

Menschen, die weniger tief in unseren Selbstverständlichkeiten stecken, können etwas Wertvolles leisten:

Sie sehen, was wir längst weniger sehen.

 

 

 

Der Wert des Fremden

 

„Fremd“ klingt häufig zunächst nach Distanz.

Dabei kann gerade das Fremde unser Denken bereichern.

Eine ungewohnte Perspektive zwingt uns:

zu erklären,

zu begründen,

zu überprüfen,

neu zu formulieren.

Vielleicht bleibt unsere ursprüngliche Position anschließend bestehen.

Dann kennen wir ihre Gründe besser.

Vielleicht verändert sie sich.

Beides kann ein Gewinn sein.

 

 

 

Diversität garantiert weniger gute Entscheidungen

 

Hier lohnt sich Differenzierung.

Eine vielfältige Gruppe trifft weniger automatisch klügere Entscheidungen.

Unterschiedlichkeit kann ebenso erzeugen:

Missverständnisse,

Konflikte,

langsamere Abstimmung,

Misstrauen,

Reibung

und Schwierigkeiten bei der Verständigung.

Diversität ist deshalb weniger ein Zaubermittel.

Unterschiede müssen produktiv genutzt werden können.

 

 

 

Vielfalt braucht psychologische Sicherheit

 

Wenn Menschen zwar verschieden sind, jedoch ausschließlich eine bestimmte Meinung willkommen ist, bleibt wenig gewonnen.

Dann existiert Vielfalt vielleicht auf dem Gruppenfoto.

Im Gespräch herrscht trotzdem Konformität.

Entscheidend ist:

Dürfen Menschen widersprechen?

Dürfen sie Zweifel äußern?

Dürfen sie eine unpopuläre Beobachtung ansprechen?

Dürfen sie sagen:

„Ich sehe das anders.“

Ohne dafür sozial bestraft zu werden?

Erst dann kann Perspektivenvielfalt ihre Wirkung entfalten.

 

 

 

Zugehörigkeit und Unterschiedlichkeit

 

Menschen brauchen Zugehörigkeit.

Gleichzeitig brauchen gute Gruppen die Möglichkeit zur Unterschiedlichkeit.

Das erzeugt eine interessante Spannung:

Ich gehöre dazu, obwohl ich anders denke.

Oder sogar:

Ich gehöre dazu und gerade deshalb darf ich anders denken.

Eine starke Gemeinschaft braucht weniger vollständige Gleichheit.

Sie braucht einen tragfähigen Umgang mit Unterschieden.

 

 

 

Toleranz reicht manchmal weniger weit

 

Toleranz bedeutet sinngemäß:

Ich halte aus, dass du anders bist.

Das kann wichtig sein.

Noch interessanter finde ich:

Was kann ich durch deine Andersartigkeit erkennen, das mir allein verborgen geblieben wäre?

Damit verändert sich die Perspektive.

Der andere wird weniger zum Menschen, dessen Unterschiedlichkeit ich großzügig ertrage.

Er wird zu einer möglichen Quelle neuer Erkenntnis.

 

 

 

Unterschied bedeutet weniger automatisch Bereicherung

 

Auch hier lohnt sich Klarheit.

Eine andere Meinung ist weniger allein deshalb wertvoll, weil sie anders ist.

Sie kann:

schlecht begründet,

falsch informiert,

unfair

oder vollkommen unbrauchbar

sein.

Diversität bedeutet weniger, jede Position gleich gut zu finden.

Sie bedeutet:

Unterschiedliche Perspektiven bekommen die Chance, geprüft zu werden.

Danach darf weiterhin entschieden werden.

 

 

 

Offenheit braucht Urteilsfähigkeit

 

Das ist für mich ein wichtiger Punkt.

Offenheit bedeutet weniger:

„Alles ist irgendwie richtig.“

Offenheit bedeutet:

„Ich bin bereit, deine Perspektive ernsthaft zu prüfen.“

Anschließend darf ich sagen:

„Das überzeugt mich.“

Oder:

„Dieser Teil verändert meine Sicht.“

Oder:

„Ich verstehe deinen Gedanken und komme trotzdem zu einem anderen Ergebnis.“

Das ist geistige Beweglichkeit.

 

 

 

Diversität und Schwarz-Weiß-Denken

 

Menschen lieben einfache Kategorien.

Wir.

Die anderen.

Richtig.

Falsch.

Fortschrittlich.

Rückständig.

Klug.

Dumm.

Diversität konfrontiert uns mit einer unbequemeren Wirklichkeit:

Menschen passen erstaunlich schlecht in einfache Schubladen.

Das kann anstrengend sein.

Und befreiend.

 

 

 

Die Gefahr neuer Schubladen

 

Ausgerechnet beim Versuch, Vielfalt stärker wahrzunehmen, können neue Kategorien entstehen.

Dann wird ein Mensch hauptsächlich als Vertreter einer Gruppe betrachtet.

Doch Menschen sind mehr als Kategorien.

Eine Person gehört gleichzeitig zu vielen Gruppen.

Sie hat:

eine individuelle Biografie,

eigene Erfahrungen,

eine Persönlichkeit,

Überzeugungen,

Widersprüche

und eine ganz persönliche Geschichte.

Deshalb interessiert mich immer auch:

Wer ist dieser konkrete Mensch?

 

 

 

Identität ist vielschichtig

 

Wir sind weniger ausschließlich:

unser Beruf,

unsere Herkunft,

unser Alter,

unser Geschlecht,

unsere politische Haltung

oder irgendeine andere Kategorie.

Identität besteht aus vielen Ebenen.

Und sie entwickelt sich.

Das macht Menschen weniger übersichtlich.

Und wesentlich interessanter.

 

 

 

Diversität und Unternehmen

 

In Organisationen wird Diversität häufig mit Innovation verbunden.

Der Gedanke dahinter ist plausibel:

Unterschiedliche Erfahrungen können unterschiedliche Lösungswege hervorbringen.

Doch dafür braucht es mehr als unterschiedliche Menschen einzustellen.

Eine Organisation muss auch bereit sein, unterschiedliche Perspektiven tatsächlich zu hören.

Sonst lautet die unausgesprochene Botschaft:

„Sei anders – und denke bitte genauso wie wir.“

Das wäre eine bemerkenswerte Form von Vielfalt.

 

 

 

Führung und Widerspruch

 

Für Führungskräfte gibt es deshalb eine wichtige Frage:

Welche Wahrheit erfahre ich weniger, weil Menschen wissen, wie ich darauf reagieren würde?

Wenn eine Führungskraft auf Widerspruch:

gekränkt,

abwertend,

aggressiv

oder defensiv

reagiert, lernt das Umfeld schnell.

Dann verschwinden unterschiedliche Perspektiven.

Weniger weil niemand sie hat.

Sondern weil niemand sie mehr ausspricht.

 

 

 

Der Wert des Andersdenkenden

 

Vielleicht nervt dich jemand regelmäßig mit Einwänden.

Das kann tatsächlich anstrengend sein.

Vielleicht ist die Person schlecht vorbereitet.

Vielleicht liebt sie Widerstand um des Widerstands willen.

Und vielleicht sieht sie etwas, das alle anderen übersehen.

Deshalb lohnt sich vor dem inneren Augenrollen eine Frage:

Was wäre, wenn diese Person in einem wichtigen Punkt recht hätte?

Du kannst danach immer noch anderer Meinung sein.

 

 

 

Diversität bei wichtigen Entscheidungen

 

Gerade bei Entscheidungen mit großer Tragweite kann Perspektivenvielfalt ausgesprochen wertvoll sein.

Frage:

Wer betrachtet das Problem anders als ich?

Wer hat andere Erfahrungen?

Wer trägt andere Konsequenzen?

Wer könnte meine Annahmen infrage stellen?

Wer hat wenig Interesse daran, mir zu gefallen?

Die letzte Person kann besonders wertvoll sein.

 

 

 

Suche weniger ausschließlich Bestätigung

 

Wenn wir eine Entscheidung innerlich bereits getroffen haben, suchen wir leicht Menschen, die sie bestätigen.

Dann nennen wir das:

„Ich hole mir noch ein paar Meinungen ein.“

Interessanter wäre:

Wen könnte ich fragen, der gute Gründe hat, vollkommen anders darüber zu denken?

Das kann unangenehm werden.

Und genau deshalb hilfreich sein.

 

 

 

Perspektivenvielfalt als Schutz vor Selbstüberschätzung

 

Wir alle haben blinde Flecken.

Das Problem:

Ein blinder Fleck zeichnet sich gerade dadurch aus, dass wir ihn selbst kaum sehen.

Mehr Nachdenken allein löst dieses Problem daher weniger zuverlässig.

Manchmal brauchen wir einen Menschen, der an einer anderen Stelle steht.

Andere Standpunkte zeigen andere Ausschnitte der Wirklichkeit.

 

 

 

Unterschiedliche Perspektiven aushalten

 

Es braucht innere Stabilität, jemanden ernst zu nehmen, der unsere Überzeugung infrage stellt.

Besonders wenn uns das Thema wichtig ist.

Dann meldet sich schnell:

Abwehr.

Rechtfertigung.

Ärger.

Der Wunsch, den anderen einzuordnen.

Vielleicht hilft eine kleine Unterbrechung:

Was genau stört mich gerade – die Qualität des Arguments oder die Tatsache, dass jemand widerspricht?

Eine interessante Frage.

 

 

 

Du darfst deine Meinung behalten

 

Offenheit verpflichtet weniger zur Meinungsänderung.

Das finde ich wichtig.

Du kannst einem Menschen aufmerksam zuhören.

Seine Argumente verstehen.

Seine Erfahrung respektieren.

Und anschließend sagen:

„Ich komme trotzdem zu einem anderen Ergebnis.“

Das ist weniger Intoleranz.

Das kann Ausdruck sorgfältiger Urteilsbildung sein.

 

 

 

Du darfst deine Meinung verändern

 

Und ebenso gilt:

Du darfst nach einem guten Argument sagen:

„So hatte ich das bisher weniger betrachtet.“

Oder:

„Da lag ich falsch.“

Das ist für mich weniger Schwäche.

Es ist geistige Beweglichkeit.

Eine Überzeugung sollte weniger deshalb erhalten bleiben, weil sie gestern noch unsere war.

 

 

 

Vielfalt beginnt auch im eigenen Kopf

 

Vielleicht brauchen wir für manche Fragen weniger sofort eine größere Gruppe.

Wir können zunächst unsere eigene Perspektive vervielfältigen.

Frage:

Wie würde jemand mit vollkommen anderer Erfahrung darüber denken?

Was würde ein Kritiker sagen?

Was würde mein zukünftiges Ich sehen?

Welche Annahme halte ich gerade für selbstverständlich?

Was spricht gegen meine bevorzugte Lösung?

Damit entsteht eine Art innere Perspektivenvielfalt.

 

 

 

Der Perspektiven-Check

 

Bei einer wichtigen Entscheidung helfen sieben Fragen:

 

1. Welche Perspektive nehme ich gerade ein?

2. Welche Annahmen erscheinen mir selbstverständlich?

3. Wer könnte dieselbe Situation vollkommen anders sehen?

4. Welche Erfahrung fehlt mir?

5. Welche Gegenposition möchte ich am liebsten schnell abweisen?

6. Was könnte an ihr trotzdem interessant sein?

7. Was denke ich anschließend selbst?

Der letzte Punkt ist entscheidend.

Diversität soll weniger das eigene Urteil ersetzen.

Sie soll es verbessern.

 

 

 

Vielfalt und eigene Haltung

 

Es gibt einen Unterschied zwischen:

„Ich passe meine Meinung jeder Gruppe an.“

und:

„Ich lasse unterschiedliche Perspektiven auf mich wirken und bilde anschließend mein eigenes Urteil.“

Das zweite interessiert mich.

Eine eigene Haltung entsteht weniger dadurch, dass wir andere Stimmen ausblenden.

Sie kann gerade dadurch stärker werden, dass sie gute Gegenargumente übersteht.

 

 

 

Gemeinsam denken, selbst entscheiden

 

Vielleicht ist das eine der interessantesten Fähigkeiten überhaupt:

Mit Menschen denken, die anders sind.

Zuhören.

Nachfragen.

sich irritieren lassen.

eigene Gewissheiten prüfen.

und anschließend Verantwortung für die eigene Entscheidung übernehmen.

Das verbindet Offenheit mit Selbstständigkeit.

 

 

 

Diversität als Einladung

 

Für mich liegt der Wert von Diversität deshalb weniger in einem moralischen Slogan.

Er liegt in einer Einladung:

Die Welt könnte größer sein als meine gegenwärtige Perspektive.

Andere Menschen können mir Ausschnitte davon zeigen.

Manchmal werde ich danach meine Meinung verändern.

Manchmal wird sie klarer.

Manchmal entdecke ich eine dritte Möglichkeit.

Und manchmal verstehe ich zumindest besser, weshalb ein vernünftiger Mensch zu einem anderen Ergebnis kommen kann.

Auch das ist viel wert.

 

 

 

Noch ein Gedanke

 

Wir brauchen weniger Menschen um uns herum, die in allem genauso denken wie wir.

Wir brauchen Menschen, mit denen Unterschiedlichkeit möglich ist.

Menschen, die widersprechen dürfen.

Menschen, die ungewöhnliche Fragen stellen.

Menschen, deren Erfahrungen andere sind.

Und gleichzeitig brauchen wir die Fähigkeit, selbst zu prüfen und zu entscheiden.

Denn Diversität entfaltet ihren Wert weniger dadurch, dass Unterschiede vorhanden sind.

Sie entfaltet ihn dort, wo Unterschiede unser Denken erweitern dürfen.

Vielleicht ist deshalb eine der wertvollsten Fragen bei einer wichtigen Entscheidung:

Welche Perspektive fehlt mir gerade?

P.S.​

 

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Autor: Karsten Noack
Erstveröffentlichung: 1. März 2015
Überarbeitung: 31. August 2026