Transderivationale Suche
Bedeutung, Beispiele & Wirkung
Transderivationale Suche: Wie wir Worten unsere eigene Bedeutung geben
Stell dir vor, jemand sagt:
„Manchmal erkennt ein Mensch erst an einer Weggabelung, welcher Weg ihm wirklich wichtig ist.“
Was bedeutet dieser Satz?
Das hängt erstaunlich stark von dir ab.
Vielleicht denkst du an eine berufliche Entscheidung.
An eine Beziehung.
An eine Gelegenheit, die du einmal verstreichen ließest.
Oder an einen neuen Weg, den du gerade erwägst.
Der Satz liefert wenig konkrete Informationen.
Und trotzdem kann er sehr persönlich wirken.
Im NLP wird ein solcher Vorgang häufig als transderivationale Suche bezeichnet.
Was bedeutet transderivationale Suche?
Der etwas sperrige Begriff beschreibt im NLP vereinfacht einen inneren Suchprozess:
Ein Mensch hört eine Aussage, Geschichte oder Metapher und verbindet sie mit eigenen Erfahrungen, Erinnerungen und Vorstellungen.
Die Bedeutung steckt damit keineswegs vollständig in den ausgesprochenen Worten.
Ein Teil entsteht beim Zuhörer.
Gerade offene, mehrdeutige und bildhafte Aussagen bieten dafür viel Raum.
Ein einfaches Beispiel
Nehmen wir den Satz:
„Du hast vermutlich schon erlebt, dass sich eine zunächst schwierige Situation später als wertvoll erwiesen hat.“
Welche Situation ist gemeint?
Der Sprecher weiß es möglicherweise selbst gar nicht.
Der Zuhörer beginnt jedoch zu suchen.
Vielleicht erinnert er sich an einen Arbeitsplatzwechsel.
An eine Trennung.
An eine schwierige Entscheidung.
An ein Gespräch.
An einen persönlichen Umbruch.
Er liefert gewissermaßen selbst das passende Beispiel.
Genau dieser Vorgang wird im NLP als transderivationale Suche beschrieben.
Warum Geschichten so unterschiedlich wirken
Darin liegt auch eine Erklärung dafür, weshalb dieselbe Geschichte bei verschiedenen Menschen völlig unterschiedliche Gedanken auslösen kann.
Eine Geschichte über einen Menschen, der sich irgendwann für einen neuen Weg entscheidet, kann bei einem Zuhörer Berufliches berühren.
Bei einem anderen geht es plötzlich um eine Partnerschaft.
Ein dritter denkt an eine Entscheidung, die bereits Jahre zurückliegt.
Die Geschichte bleibt dieselbe.
Die persönliche Bedeutung verändert sich.
Geschichten stellen einen Resonanzraum zur Verfügung
Das ist einer der Gründe, weshalb ich Geschichten in Gesprächen, Vorträgen und Präsentationen so schätze.
Eine gute Geschichte erklärt weniger vollständig.
Sie lässt Raum.
Der Zuhörer kann eigene Erfahrungen ergänzen.
Damit entsteht etwas, das reine Informationsvermittlung häufig schwerer erreicht:
persönliche Resonanz.
Eine Aussage wird vom Zuhörer mit seinem eigenen Leben verbunden.
Und dadurch kann sie relevanter werden.
Metaphern funktionieren ähnlich
Auch Metaphern leben von diesem Prinzip.
Wenn ich beispielsweise sage:
„Manchmal fahren wir mit angezogener Handbremse durchs Leben.“
wissen wir sofort ungefähr, was gemeint sein könnte.
Trotzdem kann jeder etwas anderes darunter verstehen.
Für einen Menschen bedeutet die Handbremse Angst.
Für einen anderen übermäßige Vorsicht.
Für einen dritten alte Überzeugungen.
Der Sprecher liefert das Bild.
Der Zuhörer liefert einen Teil der Bedeutung.
Woher stammt der Begriff?
Der Begriff „transderivationale Suche“ wurde besonders durch das Neurolinguistische Programmieren, kurz NLP, verbreitet.
Dort steht er unter anderem im Zusammenhang mit dem sogenannten Milton-Modell und mit metaphorischer beziehungsweise bewusst offener Sprache.
Die Idee lautet vereinfacht:
Wenn eine Aussage Raum für Interpretation lässt, sucht der Zuhörer nach einer für ihn passenden Bedeutung.
Der Begriff selbst gehört vor allem zur Begriffswelt des NLP.
Das dahinterliegende alltägliche Phänomen lässt sich wesentlich einfacher beschreiben:
Menschen verstehen Botschaften vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen.
Warum offene Sprache manchmal stärker wirkt als präzise Sprache
In manchen Situationen ist Präzision ausgesprochen wertvoll.
Wenn du eine Bedienungsanleitung formulierst, möchtest du möglichst wenig Interpretationsspielraum.
„Drücken Sie drei Sekunden lang die rechte Taste“ ist besser als:
„Geben Sie dem Gerät einen kleinen Impuls.“
Bei Geschichten, Reflexionsfragen oder persönlichen Entwicklungsprozessen kann mehr Offenheit hingegen hilfreich sein.
Vergleiche:
„Du solltest diese Situation anders betrachten.“
mit:
„Was könnte sichtbar werden, wenn du diese Situation einmal aus einer anderen Perspektive betrachtest?“
Die zweite Formulierung gibt weniger vor.
Und sie lädt stärker zum eigenen Denken ein.
Gute Kommunikation braucht beides
Es wäre also wenig sinnvoll, offene Sprache grundsätzlich für besser zu halten.
Gute Kommunikation braucht sowohl Präzision als auch Offenheit.
Präzision, wenn Klarheit entscheidend ist.
Offenheit, wenn Menschen eigene Zusammenhänge entdecken sollen.
Die eigentliche Kunst besteht darin zu erkennen, was die jeweilige Situation verlangt.
Transderivationale Suche in Reden und Präsentationen
Erfahrene Redner verwenden häufig Bilder, Geschichten und Fragen, die beim Publikum eigene Erfahrungen aktivieren.
Zum Beispiel:
„Erinnern Sie sich an eine Situation, in der Sie eine Entscheidung lange hinausgezögert haben?“
Jeder Zuhörer denkt an etwas anderes.
Und genau deshalb kann die Frage für viele Menschen gleichzeitig relevant sein.
Anstatt hundert individuelle Beispiele zu liefern, schafft der Redner einen Rahmen, in dem das Publikum seine eigenen Beispiele findet.
Das kann sehr wirkungsvoll sein.
Und genau hier liegt auch die Verantwortung
Offene Sprache kann Menschen zum Denken einladen.
Sie kann ebenfalls zur Beeinflussung eingesetzt werden.
Besonders problematisch wird es, wenn vage Aussagen wie präzise Erkenntnisse erscheinen.
Ein bekanntes Beispiel findet sich bei sehr allgemeinen Persönlichkeitsbeschreibungen:
„Du hast eine sensible Seite, die du anderen Menschen selten vollständig zeigst.“
Sehr viele Menschen können darin etwas Passendes finden.
Dass eine Aussage persönlich passend erscheint, beweist deshalb wenig über ihre tatsächliche Genauigkeit.
Ein guter Grund, bei eindrucksvoll klingenden Aussagen gelegentlich zu fragen:
Was wurde hier wirklich gesagt – und was habe ich selbst ergänzt?
Eine hilfreiche Frage für den Alltag
Genau daraus lässt sich ein praktisches Werkzeug machen.
Wenn dich eine Aussage besonders stark berührt, frage dich:
„Welcher Teil stammt tatsächlich aus der Aussage – und welchen Teil habe ich selbst hinzugefügt?“
Diese Frage ist besonders wertvoll bei:
Werbung,
politischer Kommunikation,
Führung,
Coaching,
Konflikten,
Beziehungen
und jeder Form emotional aufgeladener Kommunikation.
Denn unser Kopf füllt Lücken ausgesprochen schnell.
Bedeutung entsteht zwischen Menschen
Kommunikation besteht deshalb aus mehr als Worten.
Der Sprecher bringt seine Absicht und seine Sprache mit.
Der Zuhörer bringt Erfahrungen, Erwartungen, Erinnerungen und seinen aktuellen Zustand mit.
Dazwischen entsteht Bedeutung.
Manchmal treffen beide erstaunlich gut zusammen.
Manchmal entstehen Missverständnisse.
Und manchmal führt eine einzige offene Frage zu einer Erkenntnis, auf die der Zuhörer selbst gekommen ist.
Vielleicht liegt genau darin die interessanteste Idee hinter dem sperrigen Begriff „transderivationale Suche“:
Wir hören Worte – und verbinden sie mit unserer eigenen Welt.
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Autor: Karsten Noack
Erstveröffentlichung: 2. Januar 2009
Überarbeitung: 1. Juli 2020
AN: #371
Wie wäre es mit einem Beispiel?
Das würde das Verstehen leichter machen.