Abolitionistische Kritik
Wenn Reformen weniger weit reichen
Abolitionistische Kritik: Was, wenn Reformen weniger weit reichen als gedacht?
Manchmal lohnt es sich, weniger über die Reparatur und mehr über die Grundannahme nachzudenken
Wenn etwas wenig funktioniert, versuchen wir es häufig zu verbessern.
Neue Regeln.
Neue Verfahren.
Bessere Kontrollen.
Mehr Ressourcen.
Andere Zuständigkeiten.
Das ist oft sinnvoll.
Und manchmal stellt sich eine radikalere Frage:
Was, wenn weniger die konkrete Ausgestaltung das Problem ist – sondern eine Grundannahme des Systems selbst?
Genau an dieser Stelle beginnt abolitionistische Kritik.
Sie fragt weniger ausschließlich:
Wie können wir eine bestehende Institution verbessern?
Sondern auch:
Welche Funktion erfüllt sie eigentlich? Welche Folgen erzeugt sie? Und könnte diese Funktion grundlegend anders organisiert werden?
Was bedeutet abolitionistische Kritik?
Der Begriff geht auf Abolitionismus zurück.
Historisch bezeichnete er insbesondere Bewegungen zur Abschaffung der Sklaverei.
Heute wird abolitionistisches Denken vor allem in Debatten über:
Gefängnisse,
Polizei,
Strafjustiz,
Überwachung
und teilweise weitere gesellschaftliche Institutionen
verwendet.
Dabei gibt es weniger den einen Abolitionismus.
Unterschiedliche Autorinnen, Aktivisten und theoretische Strömungen setzen unterschiedliche Schwerpunkte.
Gemeinsam ist vielen Ansätzen eine grundlegende Skepsis gegenüber der Vorstellung, dass tief problematische Institutionen allein durch schrittweise Reformen ausreichend verändert werden können.
Abschaffen bedeutet weniger einfach beseitigen
Das wird häufig missverstanden.
Abolitionistische Ansätze fragen weniger ausschließlich:
„Wie schaffen wir etwas ab?“
Sie fragen ebenso:
„Was brauchen wir stattdessen?“
Wenn eine Institution heute beispielsweise:
Sicherheit schaffen,
Konflikte bearbeiten,
Menschen schützen
oder gesellschaftliche Probleme bewältigen soll,
lautet eine abolitionistische Frage:
Welche anderen Strukturen könnten diese Aufgaben erfüllen, ohne dieselben problematischen Folgen zu erzeugen?
Genau deshalb beschreibt Angela Davis abolitionistisches Denken auch als Aufbau neuer Institutionen und gesellschaftlicher Bedingungen, weniger ausschließlich als deren Zerstörung.
Reform oder grundlegende Veränderung?
Hier liegt einer der zentralen Konflikte.
Eine reformorientierte Position sagt beispielsweise:
„Diese Institution erfüllt eine notwendige Aufgabe. Wir müssen sie verbessern.“
Eine abolitionistische Kritik kann erwidern:
„Einige ihrer problematischen Wirkungen entstehen gerade aus ihrer grundlegenden Struktur. Eine bessere Version reicht deshalb weniger.“
Beide Perspektiven stellen unterschiedliche Fragen.
Die eine:
Wie verbessern wir das Bestehende?
Die andere:
Welche Alternativen zum Bestehenden sollten wir überhaupt denken?
Ein Beispiel
Stell dir eine Organisation vor, in der schlechte Entscheidungen regelmäßig durch ein kompliziertes Genehmigungssystem abgesichert werden sollen.
Nach jedem Fehler kommt:
eine weitere Kontrollstufe,
ein weiteres Formular,
eine zusätzliche Freigabe.
Irgendwann könnte jemand fragen:
Brauchen wir wirklich noch eine bessere Kontrolle?
Oder:
Warum ist das System so gestaltet, dass Menschen kaum Verantwortung übernehmen können?
Das wäre noch keine abolitionistische Position im politischen Sinn.
Es zeigt jedoch die Denkbewegung, die daran interessant ist:
Nicht ausschließlich innerhalb der vorhandenen Lösung denken.
Auch die Lösung selbst zum Gegenstand der Prüfung machen.
Die Grundannahme hinterfragen
Das finde ich für weit mehr als politische Debatten interessant.
Menschen beschäftigen sich häufig intensiv mit Fragen wie:
Wie bekomme ich dieses System endlich zum Funktionieren?
Manchmal wäre die stärkere Frage:
Warum halte ich dieses System überhaupt für notwendig?
Oder:
Welche Annahme sorgt dafür, dass mir ausschließlich diese Lösungsmöglichkeiten einfallen?
Damit verschiebt sich der Denkrahmen.
Reformen können sehr sinnvoll sein
Abolitionistische Kritik sollte weniger zu einer pauschalen Abwertung von Reformen führen.
Viele Reformen verbessern ganz konkret:
Lebensbedingungen,
Rechte,
Sicherheit,
Fairness
oder institutionelle Verfahren.
Gerade deshalb ist die eigentliche Frage anspruchsvoller:
Wann reicht Verbesserung – und wann stabilisiert eine Reform möglicherweise genau die Struktur, deren grundsätzliche Wirkung kritisch betrachtet wird?
Diese Frage wird innerhalb abolitionistischer Debatten selbst kontrovers diskutiert.
Die Gefahr des Alles-oder-nichts-Denkens
Auch radikale Kritik kann in Schwarz-Weiß-Denken geraten.
Dann lautet die Logik:
Reform = Systemerhalt.
Abschaffung = Fortschritt.
So einfach ist gesellschaftliche Wirklichkeit selten.
Institutionen erfüllen häufig mehrere Funktionen gleichzeitig.
Sie können:
Menschen schützen
und gleichzeitig problematische Nebenwirkungen erzeugen.
Ungerechtigkeiten reduzieren
und gleichzeitig andere reproduzieren.
notwendige Aufgaben erfüllen
und trotzdem dringend verändert werden müssen.
Deshalb verdient auch abolitionistische Kritik selbst Kritik.
Wer übernimmt die Funktion danach?
Eine der wichtigsten Fragen lautet:
Wenn wir eine Institution grundlegend verändern oder abschaffen – wer oder was übernimmt ihre bisherigen Aufgaben?
Wer schützt Menschen?
Wer greift bei Gewalt ein?
Wer bearbeitet Konflikte?
Wer trägt Verantwortung?
Wer kontrolliert Macht?
Wer finanziert Alternativen?
Hier entscheidet sich, ob aus einer überzeugenden Kritik auch eine tragfähige Alternative entstehen kann.
Utopisches Denken kann nützlich sein
„Das ist utopisch.“
Dieser Satz beendet viele Diskussionen sehr schnell.
Dabei kann utopisches Denken eine wichtige Funktion haben.
Es fragt:
Wie sähe eine bessere Lösung aus, wenn wir uns weniger an das Bestehende gebunden fühlten?
Das bedeutet weniger, jede Vision sofort umzusetzen.
Es erweitert zunächst den Möglichkeitsraum.
Und genau das kann wertvoll sein.
Realitätssinn bleibt wichtig
Eine Vision gewinnt durch:
Machbarkeit,
Nebenfolgen,
Ressourcen,
Übergänge,
Anreize,
Machtfragen
und konkrete Verantwortung.
Deshalb braucht gutes kritisches Denken beides:
Vorstellungskraft und Realitätssinn.
Radikale Fragen und praktische Prüfung.
Die interessante Frage hinter abolitionistischer Kritik
Für mich liegt darin ein allgemein hilfreiches Denkprinzip:
Versuchen wir gerade, ein Problem innerhalb eines Systems zu lösen, dessen Grundannahmen selbst Teil des Problems sein könnten?
Das lässt sich auf viele Bereiche übertragen.
Unternehmen.
Organisationen.
Bildung.
Beziehungen.
persönliche Gewohnheiten.
Entscheidungen.
Ein Beispiel aus dem Berufsleben
Jemand sagt:
„Ich muss lernen, diese Arbeitsbelastung besser auszuhalten.“
Dann können wir an:
Zeitmanagement,
Stressregulation,
Priorisierung
und Resilienz
arbeiten.
Alles sinnvoll.
Und irgendwann lohnt sich vielleicht eine andere Frage:
Warum ist dieses Arbeitssystem so organisiert, dass du dauerhaft etwas aushalten musst, das dir erkennbar wenig guttut?
Vielleicht braucht es weniger ausschließlich bessere Anpassung.
Vielleicht braucht es eine strukturelle Veränderung.
Ein Beispiel aus Beziehungen
Ein Mensch fragt:
„Wie schaffe ich es, dass diese Gespräche weniger eskalieren?“
Dann können Kommunikationstechniken hilfreich sein.
Und vielleicht zeigt sich:
Die entscheidendere Frage lautet:
Ist eine faire Klärung in dieser Beziehung überhaupt möglich?
Dann verändert sich der Fokus.
Weniger:
Wie optimiere ich meine Kommunikation innerhalb des bestehenden Musters?
Mehr:
Welchen Rahmen brauche ich für eine tragfähige Beziehung?
Genau hier wird die Denkfigur interessant
Abolitionistische Kritik lädt dazu ein, eine Ebene höher zu gehen.
Nicht ausschließlich:
Wie verbessere ich meine Strategie?
Sondern:
Ist das Spiel, dessen Strategie ich verbessern möchte, überhaupt das richtige?
Diese Frage kann unbequem sein.
Und sehr befreiend.
Drei Ebenen des Nachdenkens
Ich würde unterscheiden:
1. Optimieren
Wie funktioniert das Bestehende besser?
2. Reformieren
Welche wesentlichen Regeln und Strukturen müssen verändert werden?
3. Neu denken
Welche vollkommen andere Lösung könnte dieselbe Aufgabe übernehmen?
Keine Ebene ist automatisch überlegen.
Die Situation entscheidet.
Die dritte Ebene wird leicht vergessen
Menschen sind erstaunlich gut darin, innerhalb vorhandener Strukturen zu denken.
Wir fragen:
Wie bekomme ich mehr Erfolg in diesem Beruf?
Wie optimiere ich diese Beziehung?
Wie funktioniert dieses Unternehmen besser?
Wie werde ich besser in dieser Rolle?
Manchmal lohnt sich:
Möchte ich diesen Beruf überhaupt noch?
Möchte ich diese Art von Beziehung?
Brauchen wir diese Organisationsform?
Will ich diese Rolle weiterhin ausfüllen?
Damit wird aus Optimierung wieder echte Wahl.
Abolitionistische Kritik als Denkübung
- Du musst weniger abolitionistische politische Positionen übernehmen, um aus dieser Denkweise etwas zu lernen.
- Nimm ein Problem und frage:
- 1. Welche Lösung halten wir derzeit für selbstverständlich?
- 2. Welche Annahmen stecken dahinter?
- 3. Welche unerwünschten Folgen erzeugt diese Lösung selbst?
- 4. Was würde geschehen, wenn wir sie grundlegend infrage stellen?
- 5. Welche Funktion muss trotzdem erhalten bleiben?
- 6. Welche vollkommen andere Lösung könnte diese Funktion übernehmen?
- 7. Welche neuen Probleme würde diese Alternative erzeugen?
Gerade die letzte Frage schützt vor romantischem Wunschdenken.
Zweifel an der Lösung zulassen
Oft zweifeln Menschen an sich:
Warum bekomme ich das weniger hin?
Vielleicht lohnt sich gelegentlich ein anderer Zweifel:
Warum glaube ich eigentlich, dass genau diese Lösung funktionieren muss?
Das ist ein produktiver Zweifel.
Er richtet sich weniger gegen die eigene Kompetenz.
Er richtet sich gegen eine vermeintliche Selbstverständlichkeit.
Radikale Fragen brauchen weniger radikale Antworten
Das gefällt mir an dieser Denkbewegung besonders.
Du darfst eine sehr grundlegende Frage stellen:
Brauchen wir das überhaupt?
Und anschließend zu dem Ergebnis kommen:
Ja. Allerdings in veränderter Form.
Oder:
Teilweise.
Oder:
Für bestimmte Aufgaben schon.
Eine radikale Frage verpflichtet weniger zu einer radikalen Antwort.
Sie erweitert zunächst den Denkraum.
Was wir von abolitionistischer Kritik lernen können
Unabhängig von der jeweiligen politischen Bewertung enthält sie eine interessante Einladung:
Behandle bestehende Institutionen weniger als Naturgesetze.
Sie wurden von Menschen geschaffen.
Sie haben eine Geschichte.
Sie beruhen auf Annahmen.
Sie können verändert werden.
Und manchmal können Alternativen gedacht werden, die vorher kaum sichtbar waren.
Das ist ein wertvoller Gedanke.
Der Systemfragen-Kompass
Wenn du dich lange mit demselben Problem beschäftigst, frage:
- Was versuche ich gerade zu optimieren?
- Welche Grundannahme liegt darunter?
- Welche unerwünschten Folgen erzeugt die bisherige Lösung?
- Welche Funktion muss unbedingt erhalten bleiben?
- Wie könnte diese Funktion vollkommen anders erfüllt werden?
- Welche Konsequenzen hätte diese Alternative?
Dann entscheide neu.
Weniger ehrfürchtig gegenüber dem Bestehenden
Menschen neigen dazu, das Bestehende für realistischer zu halten als das Neue.
Allein weil es bereits existiert.
Doch Existenz ist weniger automatisch ein Qualitätsmerkmal.
Manche Strukturen existieren:
aus Tradition,
aus Machtinteressen,
aus Gewohnheit,
weil Alternativen fehlen
oder weil lange niemand die Grundfrage gestellt hat.
Deshalb darf Denken gelegentlich respektlos gegenüber Selbstverständlichkeiten sein.
Menschen verdienen Respekt. Ideen dürfen geprüft werden.
Noch ein Gedanke
Vielleicht ist die stärkste Frage abolitionistischer Kritik weniger:
„Was müssen wir abschaffen?“
Sondern:
„Welche Dinge halten wir für alternativlos, weil wir uns ihre Alternative kaum noch vorstellen können?“
Diese Frage reicht weit über politische Theorie hinaus.
Denn auch im eigenen Leben können wir jahrelang versuchen, etwas besser hinzubekommen, das vielleicht längst eine grundsätzlichere Frage verdient.
Manchmal braucht es eine bessere Strategie.
Manchmal eine Reform.
Und manchmal lohnt sich die Freiheit zu fragen:
Was wäre, wenn wir vollkommen anders darüber nachdenken?
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Autor: Karsten Noack
Erstveröffentlichung: 13. Juni 2013
Überarbeitung: 17. September 2019
Englische Version:
AN: #562
K: CNB
Ü:
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