Spießer: Beleidigung oder gepflegtes Uncoolsein?

Zeitgeist
Spießer

Überblick

 

 

 

 

Spießer: Beleidigung oder …? 

 

Kaum etwas ist spießiger, als unbedingt nicht spießig zu gelten.

 

 

 

Kaum einer will als Spießer bezeichnet werden.

 

Was ist daran denn so schlimm, ein Spießer zu sein? Die waren immer korrekt bekleidet und pünktlich. Ihr Auto glänzte und früher hatten sie Gartenzwerge im Vorgarten stehen. Sie wissen in der Regel alles besser und belehren gerne andere. Die Interessen eines Spießers sind eher materiell und alltäglich. Orientierung liefern ihnen die Ideen und konventionellen Ideale ihrer Bezugsgruppe.

 

 

 

Ursprung

 

Das Wort Spießer geht zurück auf die Spießbürger im Mittelalter. Reichere Bürger und Adelige konnten sich mit Pferd und Rüstung bei einem Angriff verteidigen. Die ärmeren Bevölkerungsschichten wurden nur mit einem Spieß ausgerüstet. Diese Spießbürger verteidigten nur mit einem Spieß bewaffnet zu Fuß ihre Stadt. Irgendwann wurde das Wort Spießer dann zum Synonym für kleinbürgerliche Ansichten.

 

 

 

Mission Spießertum

 

Heute verteidigen Spießbürger die aus ihrer Sicht zu schützenden gesellschaftlichen Normen. Spießer sind angepasst an ihre Umgebung und verurteilen diejenigen, die den Normen nicht folgen. Veränderungen lehnen sie ab. 

 

 

 

Vorkommen

 

Spießertum ist international. Spießer lassen sich rund um den Globus und in allen Klassen finden. 

 

 

 

Hipster, Spießer, Prenzelmütter

 

Es wird von der Renaissance der Spießigkeit gesprochen. Sie beruht allerdings auf einer anderen Basis; dem Wunsche eines Gegengewichts zur empfundenen Unsicherheit. Durch die Globalisierung fühlt die Welt sich nicht mehr so kontrollierbar an. Die Sehnsucht nach beständigen Elementen im Leben hat zugenommen. 

Die Generation Y (Geburtenjahrgänge von 1980 bis zur Jahrtausendwende) gilt als besonders anfällig für Spießigkeit. Ihnen scheint Sicherheit besonders wichtig zu sein. Als Spießer wollen sich jedoch wenige bezeichnen lassen. Sie wirken hip, doch die Zugehörigkeit ihres Umfelds ist ihnen übermäßig wichtig. Besonders früh meldet sich der Wunsch nach Kindern und Familienglück. Die weibliche Spießigkeit von Müttern hat hier in Berlin sogar einen Namen: Prenzelmütter. 

 

 

 

Zeitgeist

 

Was früher der korrekt geschnittene Rasen und der Nierentisch waren, ist heute die zur Schau gestellte Bierflasche beim Schlendern durch den Kiez (obwohl Zuhause der Edel-Wein bevorzugt wird) oder der Einkauf im Bio-Supermarkt. Wo Vegetarier früher provozierten beanspruchen heute Veganer den wahren Glauben zur repräsentieren. Wo der Dreitagebart einst sanft gegen das Establishment rebellierte ist der Hipsterbart (obwohl er an einen Taliban erinnert) heute aus der Bausparkassenwerbung nicht mehr wegzudenken. In Neukölln erinnern die meisten gastronomischen Einrichtungen an Omas gute Stube mit Biedermeiermobiliar.

 

 

 

Spießer, das sind die anderen

 

Spießer sehen sich selbst selten als Spießer. Sie halten dafür häufiger andere für Spießer. Andere werden als Intolerant bezeichnet, doch Kategorisieren liegt ihnen nah. Doch je heftiger sich jemand gegen den Eindruck wehrt ein Spießer zu sein, desto eher ist er einer.

 

 

 

Oder ändert sich da etwas?

 

Gestern ein Schimpfwort, heute bei den Heranwachsenden total angesagt: Spießer sein. Spießer made by Elternhaus? Vieles was früher als negativ und spießig galt, ist nun zunehmend angesagter: Ehrgeiz, Sparsamkeit und Sicherheitsbedürfnis, Heimat und persönliche Bindungen.

Wo die Eltern ewig jung bleiben wollen; tätowiert, gepierct und auch modisch selbst verwirklicht, wird es eng. Da hat der Nachwuchs wenig Chancen sich abzugrenzen. Rebellion ist da nur schwer möglich, arme Pubertiere. Omas Schrankwand, Schrebergärten und Faltenrock bieten sich da als Optionen an. So wird Spießigkeit zum Mittel des Erwachsenwerdens.  

 

Du Papa, wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden!

Werbespruch, LBS

 

 

 

Sehnsüchte

 

Möglicherweise lohnt es sich deutlicher die Sehnsüchte zu betrachten, die hinter diesen Phänomenen liegen.

P.S.

 

Wer und was genau ist denn nun ein Spießer? Und sollten wir vor dem Spießertum Angst haben oder es als gepflegtes Uncoolsein wertschätzen?

4 Kommentare

  1. Spießer ist für mich schon lange kein beleidigendes Wort mehr. Es steht für zahlreiche Dinge, die ich äußerst attraktiv finde. Vermutlich liegt es daran, dass es unterschiedliche Definitionen und Formen von Spießern gibt.

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  2. Der Revoluzer von gestern ist der Spießer von morgen.

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    • Der Spießer von gestern ist der Spießer von heute und von morgen.

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  3. Ich bin gerne ein Spießer!

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Kaum etwas ist spießiger, als unbedingt nicht spießig zu gelten.

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Erstveröffentlichung des Artikels von Karsten Noack 29. November 2018
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