Zeit für Stille

Der Weg zu allem Großen geht durch die Stille. (Paul Keller)

 

Aus der Stille werden die wahrhaft großen Dinge geboren. Thomas Carlyle

Aus der Stille werden die wahrhaft großen Dinge geboren.

Thomas Carlyle

Zeit für die Stille

 

Am Mittwoch, 22. November 2017 war ich in Berlin auf der Premiere des Films Zeit für Stille im Kino der Kulturbrauerei. Kinostart ist am 30. November 2017. Der Film widmet sich der menschlichen Beziehung zu Stille, Geräuschen und den Folgen von Lärm beziehungsweise angenehmen Klangwelten auf unser Leben.

Definition

 

Der Begriff Stille stammt vom althochdeutsch stilli (ohne Bewegung, ruhig, ohne Geräusch) ab. Stille bezeichnet in der deutschen Sprache die empfundene Lautlosigkeit, die Abwesenheit von Geräuschen und auch Bewegungslosigkeit. Die umgangssprachliche Steigerung ist die Totenstille. Antonyme sind Geräusch und Lärm.

Wie klingt Stille?

 

Herbst – vorbei an Laubläsern, hinein ins Kino. Die Premiere beginnt mit einem bekannten Klavierstück von Erik Satie, das auch schnell wieder beendet ist. Es folgt ein Stück von John Cage in drei Sätzen. Sein Titel 4′33″ (Four minutes, thirty-three seconds). Während der gesamten Spieldauer des Stückes wird kein einziger Ton gespielt. Im Sommer 1952 inszeniert Cage am Black Mountain College sein Untitled Event. Seitdem regt es Zuhörer wie Komponisten zum Nachdenken über Musik und Stille auf und an. Worin besteht die  Musik hier? Im Tuscheln und Rascheln des Publikums, den Geräuschen von draußen oder in der Stille? Fragen über Fragen. Manche Menschen macht so etwas sogar aggressiv. Kommentar von John Cage; „Sie müssen es nicht für Musik halten, wenn dieser Ausdruck sie schockiert.“

Auf der Suche nach neuen Hörerfahrungen machte John Cage in einem schalldichten Raum in Cambridge eine bedeutsame Erfahrung.  Er registrierte in diesem Raum unerwartet rhythmische Geräusche. Der zuständige Techniker erklärte ihm später, dass er verschiedene Abläufe in seinem Körper wahrgennommen hatte.

„Ich hörte, dass Schweigen, dass Stille nicht die Abwesenheit von Geräuschen war, sondern das absichtslose Funktionieren meines Nervensystems und meines Blutkreislaufes. Ich entdeckte, dass die Stille nicht akustisch ist. Es ist eine Bewusstseinsveränderung, eine Wandlung. Dem habe ich meine Musik gewidmet. Meine Arbeit wurde zu einer Erkundung des Absichtslosen.”

Gedanken zur Stille

 

Erfordert Stille einen Rahmen, der in der heutigen Welt nur noch in ausgewiesenen Reservaten vorhanden ist? Ist er traditionellen Teezeremonien, Klöstern und Berggipfeln vorbehalten? Was ist mit denjenigen von uns, die in Ballungsräumen leben und arbeiten? Pause.

Ich mache mir einen Kaffee, die Maschine ist nicht gerade leise, mich erfreut das Geräusch. Nun gönne ich mir ganz in Ruhe das Heißgetränk, ein paar Kekse und  Gedanken zum Thema Stille. Kein Artikel im klassischen Sinne, sondern eine Reihe von Gedanken, Assoziationen. Es ist eher so eine Art Mindmap in Worten als argumentative Logik. Ein Bild dürfen Sie sich daraus selber bilden.

Szenenwechsel

 

Heute morgen weckte mich nach einer arbeitsamen Nacht der Presslufthammer der Baustelle gegenüber. Von Stille kann in Berlin ohnehin nur bedingt geredet werden. Seit 5 Jahren wohne und arbeite ich nun mitten in der Berliner West-City neben der Gedächtniskirche. Es hat eine Weile gedauert, bis ich an diesem belebten Ort gut schlafen konnte. Wer aus der Provinz nach Berlin kommt, meint hier ungehemmt lärmen zu können. Rücksichtnahme hat da keinen Platz.

Bei einer Demonstration gegen Fluglärm wurde vor der Tür beispielsweise der Lärm von Turbinen erzeugt, um den damit verbundenen Schmerz zu verdeutlichen. Als ich freundlich einen der Veranstalter ansprach, ob er sich bewusst sei, dass neben dem Demonstrationsort auch Menschen wohnen, meinte er nur; „Da würde ich aber umziehen, hier kann man doch bei all den Demonstrationen nicht leben!“ Ich fragte ihn daraufhin, ob er noch wüsste weshalb er hier demonstriert und sich selbst gerade zugehört hat.

Lärmschutz geht jeden etwas an. Wir dürfen ruhig, jeder für sich, ab und zu klären, ob der Lärm den wir erzeugen angemessen ist.

Lärm macht krank

 

Stille ist sehr geräuschempfindlich. Die Bewertung macht aus Geräuschen Lärm. Ungewollte Beschallung schlägt aufs Gemüt. Lärm kann einige Beeinträchtigungen verursachen. Ja, Lärm geht auf die Ohren, doch das Gehör selbst ist erst bei hohen Lautstärken betroffen und Tinnitus kann die Folge sein. Die Auswirkungen erstrecken sich über den gesamten Organismus. Der Blutdruck steigt rasant, die Pupillen weiten sich, die Atem- und Herzfrequenz erhöht sich. Es lassen sich Veränderungen der Hirnströme, der Muskelaktivität und des elektrischen Hautwiderstands messen. Die Produktion von Magensaft und Speichel wird reduziert. Einzelne sehr laute Geräusche, wie Explosionen erreichen mehr als 140 dB(A) und können zu Schwerhörigkeit oder Hörverlust führen.

Auch dauerhafter Lärm mit niedrigerem Geräuschpegel kann gesundheitliche Folgen haben. Ist jemand über einen längeren Zeitraum Lärm ausgesetzt, kann dies erhebliche Folgen für die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit haben. Selbst im Schlaf nimmt das Ohr permanent Geräusche auf und das Gehirn verarbeitet sie.

Weil Lärm den Organismus aktiviert, erschwert es das Einschlafen. Da Geräusche die sogenannte REM-Phase während des Schlafs verkürzen, schränken sie die Erholungsphase ein. Häufige Folgen sind Kopfschmerzen und Gereiztheit. Selbst ein beständiger Geräuschpegel ab 30 dB(A) kann Schlafprobleme verursachen. Das entspricht in etwa einer Unterhaltung im Flüsterton. Ab 45 dB(A), also Zimmerlautstärke, werden im Schlaf Stresshormone ausgeschüttet.

Länger andauernder Lärm kann unter anderem folgende Folgen haben:

  • Erhöhtes Risiko von Bluthochdruck und Herzinfarkt
  • Gehörschäden, Hörermüdung, Tinnitus
  • Durchblutungsstörungen
  • Kommunikations-, Lern- und Konzentrationsstörungen
  • Reduzierte Leistungsfähigkeit
  • Beeinträchtigung des sozialen Verhaltens, wie beispielsweise zunehmende Aggressivität
  • Hormonelle Reaktionen
    Selbst kurzfristige Lärmbelastung kann die verstärkte Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol zur Folge haben, die den Stoffwechsel beeinflussen können.
  • Psychische Beeinträchtigung durch das Gefühl der Belästigung
  • Erhöhtes Unfallrisiko und Fehleinschätzungen

 

Neu ist das nicht. Das folgende Zitat von Richard Rothe stammt aus dem Jahr 1872:

Wer das unveräußerliche Bedürfnis der Stille in sich trägt, der muß in dieser Welt sehr viel mehr leiden als die andern Menschenkinder.

Wozu ist Stille gut?

 

In der Ruhe liegt die Kraft.

Konfuzius

 

Es braucht weder Neurochirurgen oder andere Experten, um zu erkennen, dass Stille positive Auswirkungen auf Körper und Geist hat.

 

Einige positive Begleiterscheinungen von Stille:

 

a.) Stille statt Stress

 

Während Lärm zu Stress führt, hilft Stille wieder zu sich zu kommen. Stille soll nachweisbar positive Auswirkungen auf den Blutdruck haben.

 

 

 

b.) Regeneration

 

Lärm ist unerwünschter Schall. Er beeinträchtigt unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit und langfristig auch unsere Gesundheit. Sowohl Körper als auch Geist kommen bei Stille zur Ruhe, regenerieren sich, die Batterien werden wieder aufgeladen.

 

 

 

c.) Denkfähigkeit

 

Bei äußerer und innere Stille löst sich die Ablenkung auf und wir finden zu den wichtigen Fragen leichter passende Antworten. Laotse meinte, wenn man trübes Wasser in Ruhe läßt, wird es wieder klar.

 

 

 

d.) Persönliche Entwicklung

 

Ablenkung kann viele Formen haben. Erst, wenn wir ganz bei uns sind, statt der Reizüberflutung ausgeliefert zu sein, kann persönliche Entwicklung stattfinden.

Man muß aus der Stille kommen, um etwas Gedeihliches zu schaffen. Nur in der Stille wächst dergleichen.

Kurt Tucholsky

 

 

 

e.) Gesunder Schlaf

 

Der Körper braucht Ruhephasen, um sich zu erholen und auch der menschliche Geist benötigt einen ungestörten Schlaf, frei von störenden Reizen. Nur so können wir die Eindrücke verarbeiten, die wir täglich aufnehmen und wieder zu Kräften kommen.

Abend wird’s, des Tages Stimmen schweigen.

Karl Theodor Körner

Persönliche Haltung

 

Unsere Welt ist laut und betriebsam. Es gibt fast keinen Ort an dem es wirklich ruhig ist. Schade! Auch schade ist, dass der Hörsinn des Menschen nicht bewusst beeinflussbar oder abschaltbar ist. An schmerzhaften Lärm können wir uns nicht gewöhnen – mal von Taubheit als nicht wünschenswertem Lösungsversuch abgesehen.

Wir können jedoch unsere Haltung beeinflussen. Zugegeben, manches Geräusch will mir keine Freude machen. Da ist mir dann auch nicht nach Reframing oder Meditation. Da wünsche ich mir den Verursacher einfach nur auf den Mond. Zumal manche Lärmberieselung – das klingt viel zu harmlos – einer Nötigung oder sogar Vergewaltigung ähnelt. Die psychologischen, sozialen und gesundheitlichen Folgen werden trotz zahlreicher Studien noch immer unterschätzt. Und wenn, dann wird nach der Regulierung durch Gesetze gerufen. Doch das funktioniert ja auch in anderen Bereichen nur sehr schleppend.

Wenn sich daran aktuell mit legalen Mitteln nichts ändern lässt, ist es gesünder für Körper und Geist auf den guten persönlichen Zustand zu achten. Sonst wird der Stress noch deutlich intensiver.

Innere Stille

 

Im Einklang mit sich selbst, selbst wenn die Welt tobt und lärmt? Innere Stille? Stille beschreibt die Abwesenheit von Geräuschen im Außen. Tritt doch einmal Stille in unser Leben, dann können viele Menschen nicht damit umgehen. Es meldet sich bei ihnen eine innere Unruhe und das Gefühl, etwas tun zu müssen, etwas zu bewegen, produktiv zu sein. Ich schreibe in der Dritten Personen und vergesse dabei fast, dass ich das selbst kenne. Asche über mein Haupt: Während des Yogas beispielsweise, plane ich manchmal für einem Moment die anstehenden Aufgaben. Das hat dann allerdings nichts mehr mit Yoga zu tun. Erst, wenn ich mit erlaube im Hier-und-Jetzt zu sein, bin ich präsent. Leicht gesagt, nicht immer so leicht gemacht und doch so lohnenswert. Viel Lärm um nichts, viel Stille um viel. Was ist das Leben doch für eine kontinuierliche Lerngelegenheit.

 

Ein untrainierter Geist benimmt sich wie ein ungezo­genes Kind und reißt uns immer wieder aus unserer Mitte.

Klangwelten

 

Stille ist zu einem raren Gut geworden in unserer hektischen Welt. Oft erinnern uns erst Naturgeräusche, wie das Geräusch des Windes, ein plätschernder Bach oder das Rauschen des Meeres an unsere Verbundenheit mit der Welt und somit an unser eigenes Wesen. Ich liebe es, eigene Aufzeichnungen eines heftigen Gewitterregens zu erleben. Ist dann mal wieder eine lautstarke Demonstration oder ein lebhaft randalierender Fußballverein vor der Tür, lege ich einen Klangteppich darüber. Dadurch wird es zwar auch nicht stiller, doch wenigstens ist es dann mein Klangraum. Bei aller Gastfreundschaft, der ungebetene auditive Eindringling bleibt so draußen. Bis zu einem gewisen Grad funktioniert das für mich recht gut.

Allerdings gibt es auch andere Gründe für die Selbstberieselung.

Weshalb Stille gemieden wird — Om

 

„We are involved in a life that passes understanding and our highest business is our daily life.“ bedauerte John Cage. Nur nicht innehalten, schnell weiter.

So mancher überhört die Stille gern, denn sie bringt auch zutage, vor was wir mitunter flüchten wollen. Wer die Stille nicht erträgt, erträgt auch nicht sich selbst. Dann wird schnell für Ablenkung gesorgt, um den vermeintlich gefährlichen oder zumindest unbequemen Gedanken zu entkommen. Nur nie die Kopfhörer abnehmen, wer weiß, welche Erkenntnisse sich sonst einstellen. Dabei lohnt die Ordnung der Gedanken — die Integration. Ob aktiv oder durch Meditation; es tut gut und ist weit konstruktiver als Verdrängung. Zugegeben; innere Stille erfordert in unserer Kultur eher selten praktizierte Fähigkeiten. Nicht jeder wandelt auf den Spuren von Carlos Castanedas Don Juan. Der vertrat den Standpunkt, dass die Innere Stille durch Disziplin erworben wird. Sie muss Stück für Stück, Sekunde um Sekunde gesammelt werden. Es ist erforderlich, sich zum Schweigen zwingen, und sei es nur kurz. So soll sich die Schwelle zur Inneren Stille überschreiten lassen und die Welt hält an.

Für mich ist Stille im Wesentlichen die Abwesenheit von Absicht.

John Cage

 

Also hinein ins Vergnügen. Yoga (Poweryoga? Nein, nicht als Sport, sondern als Gelegenheit über den Körper den Geist zu erreichen), Meditation oder Achtsamkeits-App bieten sich als Rahmen an. Tun oder nicht tun, dürfen wir es selbst.

Stille und Entscheidungen

 

Das Leben in der Welt ist im Fluss, in einer andauernden Veränderung. Das ist an und für sich etwas wundervolles. Es kann jedoch überhand nehmen, so dass einen die Eindrücke des Lebens derart zerstreuen das wir von ihnen vereinnahmt werden. Dann wird es schwer, bei all dem Lärm noch einen klaren Gedanken fassen zu können. Zuviel ist zuviel!

Bei Lärm sind wir jenseits der inneren Mitte unterwegs. Da sind Fehlentscheidungen wahrscheinlicher. Selbst die gewählte Musikberieselung erschwert es, sich selbst wahrzunehmen. Erst die Stille ermöglicht es, die innere Stimme zu hören und zu verstehen. Aber wie sollen wir in uns hineinhören, wenn die Beschallung uns mit sich nimmt? Überstimuliert kommen wir schwer zu uns selbst.

Ja und?

 

Der Film zeigt die Straßen der lautesten Stadt der Welt, Mumbai, während der wilden Festzeit und andere auditive Exzesse. Besinnliche Momente und Kyoto, rauschende Felder und andere inspirierende Bilder berauschen die Zuschauer, doch so richtig interessant wird es nach dem Kinobesuch. Sind wir bereit, uns für die Ruhe in uns selbst einzusetzen? Ich wünsche es uns.

Auch wenn wir sie in der Hektik des Alltags manchmal nicht wahrnehmen können, ist die Stille erreichbar. Nur, wo ist sie?

Das Gute liegt oft so nah. Es geht nicht darum, die Stille in der äußeren Welt zu suchen, sondern im Inneren zu finden. Wenn wir Zugang zur Stille finden, können wir uns erholen und dem Leben mit mehr Leichtigkeit begegnen. Es tut gut, sie zu pflegen, beziehungsweise sich wieder mit ihr vertraut zu machen. Geben wir der Stille in unserem Inneren den nötigen Raum, steigern wir dadurch unsere Lebensqualität.

 

Manchem glückt es, überall ein Idyll zu finden: und wenn er’s nicht findet, so schafft er’s sich.

Theodor Fontane

Zahlen, Daten zum Film

 

Originaltitel: In Pursuit of Silence
Produktionsland: USA
Produktionszahl: 2016
Regie: Patrick Shen
Sprache: Englisch
Untertitel: Deutsch
FSK: o. Altersbeschränkung
Laufzeit:  81 Min.
Kinostart: 30. November 2017
DVD VÖ: April 2018
Homepage: www.zeit-fuer-stille.de

Aus der Stille werden die wahrhaft großen Dinge geboren. Thomas Carlyle