Murphys Gesetze (Murphy's Law)
Gute Vorbereitung auf das Unerwartete
Murphys Gesetz: Warum gute Vorbereitung mit dem Unerwarteten rechnet
Der Beamer funktioniert.
Bis die Präsentation beginnt.
Der Akku hält den ganzen Tag.
Bis du ihn wirklich brauchst.
Die Straße ist immer frei.
Bis du einen wichtigen Termin hast.
Und natürlich fällt dir die perfekte Antwort auf eine schwierige Frage ein.
Zwanzig Minuten später.
Willkommen bei Murphys Gesetz.
Es wird häufig so zusammengefasst:
Was schiefgehen kann, wird irgendwann schiefgehen.
Das klingt pessimistisch.
Dabei lässt sich daraus eine ausgesprochen konstruktive Haltung entwickeln.
Denn die interessante Frage lautet weniger:
Was könnte alles schiefgehen?
Sondern:
Was davon sollte ich sinnvollerweise vorher bedenken – und wie bleibe ich handlungsfähig, wenn trotzdem etwas Unerwartetes geschieht?
Was ist Murphys Gesetz?
Murphys Gesetz wird auf den US-amerikanischen Ingenieur Edward A. Murphy Jr. zurückgeführt.
Der Ursprung liegt im technischen Umfeld und wird sinngemäß mit dem Gedanken verbunden:
Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, etwas zu tun, und eine davon zu einem unerwünschten Ergebnis führt, wird irgendwann jemand genau diese Möglichkeit wählen.
Daraus entstand die populäre Kurzfassung:
„Anything that can go wrong will go wrong.“
Natürlich ist das kein Naturgesetz.
Der Satz beschreibt vielmehr auf humorvolle Weise eine Erfahrung, die viele Menschen kennen:
Komplexe Systeme besitzen Schwachstellen.
Menschen machen Fehler.
Technik kann ausfallen.
Annahmen können falsch sein.
Und die Wirklichkeit kennt unseren Plan nicht.
Murphy ist kein Pessimist
Zumindest müssen wir ihn so nicht verstehen.
Es gibt einen großen Unterschied zwischen:
„Bestimmt geht alles schief.“
und:
„Was könnte realistischerweise schiefgehen und was möchte ich dafür vorbereiten?“
Der erste Gedanke erzeugt Sorge.
Der zweite erzeugt Risikokompetenz.
Gute Vorbereitung versucht keineswegs, jede denkbare Katastrophe vorherzusagen.
Sie sucht die relevanten Schwachstellen.
Drei Arten, mit Unsicherheit umzugehen
Vor wichtigen Situationen begegnen mir drei typische Strategien.
1. Wird schon gutgehen
Das kann funktionieren.
Manchmal erstaunlich lange.
Der Nachteil zeigt sich, wenn eine vorhersehbare Schwierigkeit tatsächlich eintritt.
2. Alles könnte schiefgehen
Jetzt wird jedes theoretische Risiko durchgespielt.
Das erzeugt leicht endlose Vorbereitung und wachsende Anspannung.
3. Was ist wahrscheinlich und relevant?
Das ist die interessantere Variante.
Welche Störungen sind realistisch?
Welche Folgen hätten sie?
Was lässt sich mit vertretbarem Aufwand verhindern?
Und wofür brauche ich einen Plan B?
Das ist weder Sorglosigkeit noch Katastrophendenken.
Es ist vorausschauende Selbstführung.
Nicht jedes Risiko verdient einen Plan B
Du kannst dich auf nahezu unendlich viele Möglichkeiten vorbereiten.
Vielleicht fällt der Strom aus.
Vielleicht streikt der Zug.
Vielleicht wird der Termin verschoben.
Vielleicht erkrankt eine entscheidende Person.
Vielleicht funktioniert das Internet nicht.
Vielleicht landet ein Satellit auf deinem Konferenztisch.
Irgendwann wird Vorsorge absurd.
Deshalb braucht Risikovorsorge Prioritäten.
Zwei Fragen helfen:
Wie wahrscheinlich ist das?
Und:
Wie groß wären die Folgen?
Hohe Wahrscheinlichkeit plus große Auswirkungen?
Vorbereiten.
Geringe Wahrscheinlichkeit plus minimale Auswirkungen?
Gelassen bleiben.
Gute Vorbereitung sucht Single Points of Failure
Besonders interessant sind Dinge, von denen alles andere abhängt.
Du besitzt deine wichtige Präsentation ausschließlich auf einem Notebook.
Das Notebook fällt aus.
Ende.
Du brauchst für einen wichtigen Termin genau eine Zugverbindung.
Der Zug fällt aus.
Problem.
Nur eine Person kennt das entscheidende Passwort.
Diese Person ist unerreichbar.
Problem.
Solche Abhängigkeiten nennt man im technischen Kontext gerne einen Single Point of Failure.
Auch im Alltag lohnt sich die Frage:
Wovon hängt hier gerade ungewöhnlich viel ab?
Genau dort kann ein Plan B besonders wertvoll sein.
Murphy bei wichtigen Präsentationen
Präsentationen sind ein wunderbarer Spielplatz für Murphy.
Der Adapter fehlt.
Die Präsentationssoftware verhält sich anders.
Das Mikrofon streikt.
Ein Video läuft ohne Ton.
Der Vortrag wird kurzfristig von 30 auf 15 Minuten gekürzt.
Eine erwartete Person fehlt.
Oder das Publikum stellt genau die Frage, auf die du dich kaum vorbereitet hast.
Deshalb lautet gute Vorbereitung:
Kenne deine Botschaft auch ohne Technik.
Was möchtest du vermitteln?
Welche drei Gedanken müssen ankommen?
Welche Beispiele tragen sie?
Was kannst du streichen, wenn die Zeit halbiert wird?
Was sagst du, wenn die Folien verschwinden?
Dann besitzt du etwas Wertvolleres als einen Ersatzadapter:
Orientierung.
Plan B ist gut. Flexibilität ist besser.
Du kannst einen Plan B vorbereiten.
Vielleicht sogar C.
Doch irgendwann kommt Variante Q.
Eine Möglichkeit, die vorher niemand bedacht hat.
Dann reicht Vorbereitung allein kaum aus.
Jetzt brauchst du:
Ruhe,
Orientierung,
Improvisationsfähigkeit,
Entscheidungsfähigkeit
und die Bereitschaft, den ursprünglichen Plan loszulassen.
Deshalb besteht Souveränität aus zwei Fähigkeiten:
vorher sinnvoll vorbereiten und im Moment flexibel reagieren.
Der Plan ist ein Werkzeug
Manchmal klammern wir uns gerade deshalb an einen Plan, weil etwas anders läuft.
„So war das nicht vorgesehen.“
Das stimmt vielleicht.
Die Situation interessiert sich allerdings wenig dafür.
Dann hilft die Frage:
Was braucht die Situation jetzt?
Vielleicht eine andere Reihenfolge.
Eine kürzere Präsentation.
Eine Entscheidung.
Eine Pause.
Eine Improvisation.
Oder die Erkenntnis:
Dieser Plan funktioniert unter den neuen Bedingungen kaum noch.
Gute Vorbereitung macht dich deshalb keineswegs abhängig vom Plan.
Sie macht dich freier, ihn anzupassen.
Murphy und Entscheidungen
Auch Entscheidungen profitieren von dieser Perspektive.
Angenommen, du möchtest eine Möglichkeit wählen.
Dann frage:
Was müsste passieren, damit diese Entscheidung problematisch wird?
Welche Annahmen müssen stimmen?
Welche davon sind unsicher?
Welche Folgen wären schwer reversibel?
Und:
Was könnte ich heute tun, um meinen Handlungsspielraum später zu erhalten?
Damit wird aus Murphys Gesetz eine Form des vorausschauenden Denkens.
Was kann ich verhindern?
Manche Probleme lassen sich mit erstaunlich wenig Aufwand vermeiden.
Backup erstellen.
Zeitpuffer einplanen.
Adresse überprüfen.
Technik vorher testen.
Alternative Verbindung kennen.
Dokumente zusätzlich verfügbar halten.
Zuständigkeiten klären.
Eine schwierige Frage vorher durchdenken.
Das ist wenig spektakulär.
Genau deshalb funktioniert es.
Viele Krisen entstehen weniger durch völlig unvorhersehbare Ereignisse als durch bekannte Schwachstellen, die lange unbeachtet bleiben.
Was kann ich auffangen?
Andere Schwierigkeiten lassen sich kaum vollständig verhindern.
Dann lautet die Frage:
Wie begrenze ich die Auswirkungen?
Vielleicht fällt die Technik aus.
Du kannst trotzdem sprechen.
Vielleicht verspätet sich jemand.
Du kannst die Reihenfolge verändern.
Vielleicht fehlen Informationen.
Du kannst die Entscheidung vertagen.
Vielleicht wird dein Zeitfenster gekürzt.
Du kennst deine Kernbotschaft.
Das ist Resilienz im Kleinen:
Eine Störung tritt ein.
Das System funktioniert trotzdem weiter.
Was darf einfach passieren?
Das ist die dritte Kategorie.
Manches ist unangenehm und gleichzeitig vollkommen verkraftbar.
Ein kleiner Versprecher.
Eine kurze Verzögerung.
Eine Folie weniger.
Ein anderer Sitzplatz.
Eine Frage, auf die du später antwortest.
Dafür brauchst du keinen ausgeklügelten Notfallplan.
Hier braucht es eher:
Gelassenheit.
Wer jedes kleine Problem verhindern möchte, investiert irgendwann mehr Energie in Kontrolle als in die eigentliche Aufgabe.
Vorbereitung kann selbst zum Risiko werden
Das ist ein interessanter Murphy-Effekt.
Aus Angst vor Überraschungen wird immer mehr vorbereitet.
Noch eine Variante.
Noch eine Absicherung.
Noch eine Checkliste.
Noch ein Szenario.
Irgendwann steigt die Komplexität so stark, dass die Vorbereitung selbst störanfällig wird.
Deshalb gilt:
So viel Vorbereitung wie sinnvoll. So wenig Komplexität wie möglich.
Der Murphy-Check
Vor einer wichtigen Entscheidung, Präsentation oder Situation helfen sechs Fragen:
1. Was muss unbedingt funktionieren?
Identifiziere das Wesentliche.
2. Was könnte realistischerweise schiefgehen?
Denke wahrscheinlich statt katastrophisch.
3. Welche Folgen hätte das?
Unterscheide lästig von wirklich problematisch.
4. Was kann ich mit wenig Aufwand verhindern?
Erledige genau das.
5. Wo brauche ich einen Plan B?
Sichere kritische Abhängigkeiten ab.
6. Was tue ich, wenn etwas vollkommen anderes geschieht?
Hier beginnt Flexibilität.
Risikokompetenz statt Katastrophendenken
Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Vorbereitung und Sorge.
Sorge wiederholt häufig:
„Was, wenn …?“
Gute Vorbereitung ergänzt:
„Dann kann ich …“
Was, wenn der Zug ausfällt?
Dann kenne ich eine Alternative.
Was, wenn die Präsentation nicht läuft?
Dann kann ich meinen Kern auch ohne Folien vermitteln.
Was, wenn eine wichtige Information fehlt?
Dann weiß ich, welche Entscheidung ich vertage.
Damit wird aus einer Befürchtung eine Handlungsoption.
Was Murphy mit Souveränität zu tun hat
Souveränität zeigt sich kaum darin, dass immer alles funktioniert.
Das wäre vor allem Glück.
Interessanter wird es, wenn etwas anders läuft.
Kannst du unterscheiden:
Was ist jetzt wirklich wichtig?
Was kann warten?
Was lässt sich improvisieren?
Was braucht eine Entscheidung?
Und was darfst du einfach mit Humor nehmen?
Genau dort wird aus Vorbereitung Kompetenz.
Wenn etwas tatsächlich schiefgeht
Dann gilt zunächst:
Es ist jetzt die Realität.
Vielleicht ärgerlich.
Vielleicht teuer.
Vielleicht peinlich.
Vielleicht vollkommen unerheblich.
Jetzt hilft die Frage:
Was ist der nächste sinnvolle Schritt?
Erst später kannst du auswerten:
Was lernen wir daraus?
War das vorhersehbar?
Brauchen wir künftig eine andere Absicherung?
Oder gehört dieses Restrisiko einfach zum Leben?
Murphys Gesetz und Gelassenheit
Auf den ersten Blick passen Murphy und Gelassenheit kaum zusammen.
Für mich gehören sie zusammen.
Wer akzeptiert, dass sich kaum alles kontrollieren lässt, kann sinnvoller auswählen, was Kontrolle verdient.
Vorbereiten, was wichtig ist.
Absichern, was kritisch ist.
Flexibel bleiben, wo Überraschungen möglich sind.
Und den Rest dem Leben überlassen.
Das ist wesentlich entspannter als der Versuch, eine vollkommen störungsfreie Welt zu organisieren.
Fazit: Bereite dich auf das Wesentliche vor – und bleib beweglich
Murphys Gesetz muss keine Einladung zum Pessimismus sein.
Es kann uns an etwas sehr Praktisches erinnern:
Pläne treffen auf Wirklichkeit.
Manchmal funktioniert alles.
Manchmal kommt etwas dazwischen.
Deshalb:
Erkenne kritische Risiken.
Beseitige unnötige Schwachstellen.
Halte Alternativen bereit.
Kenne deine Prioritäten.
Und bewahre genug Flexibilität für das, was sich vorher kaum planen lässt.
Denn gute Vorbereitung bedeutet keineswegs:
Ich habe an alles gedacht.
Gute Vorbereitung bedeutet:
Ich habe an das Wesentliche gedacht – und kann damit umgehen, wenn trotzdem etwas anders kommt.
5 Kommentare
Einen Kommentar abschicken
Autor: Karsten Noack
Erstveröffentlichung: 10. Januar 2014
Überarbeitung: 02. Mai 2026
Kommentar eines Kursteilnehmers:
Wenn die Chance 50% ist, etwas richtig zu machen, geht es in 96 % aller Fälle schief.
Murphy war halt kein Mathematiker.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung als Techniker. und bin immer wieder überrascht, wo er zuschlägt :-)
Insofern ist auf Murphys Gesetz wohl Verlass.
Kennt wohl jeder der praktisch aktiv ist.
Ja!