Recht haben oder freundlich sein?
Klug mit Streit umgehen
Recht haben oder Beziehung erhalten?
Warum es manchmal klüger ist, auf einen Sieg zu verzichten
Du hast recht.
Ziemlich eindeutig sogar.
Jetzt musst du dein Gegenüber davon lediglich noch überzeugen.
Und genau hier beginnt manchmal das Problem.
Denn ein Gespräch kann sachlich gewonnen und menschlich verloren werden.
Du kannst das bessere Argument haben und trotzdem Vertrauen beschädigen.
Du kannst einen Fehler nachweisen und gleichzeitig dafür sorgen, dass dein Gegenüber künftig weniger offen mit dir spricht.
Deshalb lohnt sich neben der Frage:
„Wer hat recht?“
noch eine zweite:
„Was möchte ich mit diesem Gespräch erreichen?“
Recht haben und Recht bekommen sind zwei verschiedene Dinge
Eine überzeugende Argumentation macht aus einer falschen Aussage keine richtige.
Und eine schlechte Argumentation macht aus einer richtigen Aussage keine falsche.
Trotzdem erleben wir täglich:
Menschen entscheiden weniger ausschließlich nach der Qualität eines Arguments.
Sympathie spielt eine Rolle.
Status.
Interessen.
Erfahrungen.
Emotionen.
Gruppendynamik.
Vertrauen.
Und manchmal schlicht die Frage, von wem ein Argument kommt.
Wer überzeugend kommunizieren möchte, braucht deshalb mehr als Fakten.
Was ist dein eigentliches Ziel?
Vor einer Auseinandersetzung lohnt sich eine einfache Frage:
Was möchte ich anschließend erreicht haben?
Möchtest du:
eine Entscheidung beeinflussen?
einen Fehler korrigieren?
eine Grenze setzen?
Informationen austauschen?
eine Beziehung erhalten?
eine Lösung finden?
oder beweisen, dass du recht hast?
Diese Ziele können miteinander vereinbar sein.
Manchmal konkurrieren sie.
Dann braucht es Priorität.
Der Preis des Sieges
Stell dir vor, du beweist deinem Gegenüber zweifelsfrei, dass es falschliegt.
Jeder im Raum erkennt es.
Du hast gewonnen.
Und was geschieht anschließend?
Ist die Entscheidung besser?
Ist das Problem gelöst?
Kann dein Gegenüber sein Gesicht wahren?
Ist Zusammenarbeit weiterhin möglich?
Wurde Vertrauen gestärkt?
Ein argumentativer Sieg ist weniger automatisch ein gutes Ergebnis.
Menschen verteidigen mehr als Positionen
In einer Diskussion geht es häufig irgendwann um mehr als die ursprüngliche Sache.
Kompetenz.
Status.
Selbstbild.
Zugehörigkeit.
Autorität.
Gesichtswahrung.
Je stärker sich jemand persönlich angegriffen fühlt, desto schwieriger wird es, die eigene Position zu verändern.
Das bedeutet:
Wer jemanden öffentlich in die Ecke argumentiert, kann Widerstand verstärken.
Selbst mit hervorragenden Argumenten.
Gesichtswahrung ist kein Nebenthema
Menschen brauchen Wege, ihre Position verändern zu können, ohne sich dabei gedemütigt zu fühlen.
Das ist besonders in beruflichen Situationen wichtig.
Statt:
„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass das falsch ist.“
kann eine Formulierung wie:
„Mit den neuen Informationen ergibt sich jetzt eine andere Bewertung.“
den gleichen sachlichen Schritt ermöglichen und deutlich weniger Widerstand erzeugen.
Das ist weniger Manipulation.
Es ist soziale Intelligenz.
Frage mehr
Manchmal versuchen wir zu überzeugen, bevor wir verstanden haben.
Dann liefern wir Argumente gegen eine Position, deren eigentlichen Hintergrund wir kaum kennen.
Fragen können hier erstaunlich viel verändern.
„Was ist dir daran besonders wichtig?“
„Welche Sorge hast du bei dieser Lösung?“
„Was spricht aus deiner Sicht dagegen?“
„Was müsste gegeben sein, damit diese Möglichkeit interessant wird?“
Plötzlich diskutierst du weniger gegen eine Behauptung.
Du verstehst das Anliegen dahinter.
Zuhören bedeutet weniger Zustimmung
Du kannst eine Position vollständig verstehen und trotzdem zu einem anderen Ergebnis kommen.
Das ist eine wichtige Unterscheidung.
Zuhören bedeutet:
Ich möchte nachvollziehen, wie du zu deiner Sicht gelangst.
Erst dann entscheidest du, was du davon überzeugend findest.
Diese Haltung kann Gespräche erheblich verändern.
Der stärkste Satz kann sein: „Da hast du recht.“
Manchmal entdecken wir mitten in einer Diskussion:
Das Gegenüber hat einen Punkt.
Vielleicht sogar den besseren.
Dann zeigt sich kommunikative Souveränität weniger darin, die eigene Position irgendwie zu retten.
Sondern darin, sagen zu können:
„Ja. Das überzeugt mich.“
Das kostet manchmal Überwindung.
Und schafft häufig Vertrauen.
Du darfst deine Meinung ändern
Eine Diskussion ist weniger ein Vertrag mit der eigenen Ausgangsposition.
Neue Informationen dürfen etwas verändern.
Ein gutes Argument darf wirken.
Eine Perspektive darf sich erweitern.
Wer seine Meinung niemals verändert, wirkt vielleicht konsequent.
Es könnte ebenso bedeuten, dass neue Erkenntnisse wenig Chancen bekommen.
Die Fähigkeit, sich überzeugen zu lassen, gehört zur Fähigkeit zu überzeugen.
Wann Klarheit wichtiger ist als Harmonie
Freundlichkeit bedeutet weniger, jede Auseinandersetzung zu vermeiden.
Manche Situationen brauchen eine klare Position.
Eine Grenze.
Ein Nein.
Eine Entscheidung.
Eine Korrektur.
Oder Widerspruch.
Besonders wenn:
Menschen geschädigt werden,
wesentliche Fakten verdreht werden,
Verantwortung verschoben wird,
Grenzen überschritten werden,
oder eine wichtige Entscheidung auf falschen Annahmen beruht.
Dann kann Klarheit ausgesprochen respektvoll sein.
Freundlich und klar
Wir behandeln Freundlichkeit und Durchsetzungsfähigkeit manchmal wie Gegensätze.
Das müssen sie weniger sein.
Du kannst freundlich sprechen und eine klare Grenze setzen.
Du kannst respektvoll widersprechen.
Du kannst ruhig sagen:
„Das sehe ich anders.“
Du kannst ein Argument zurückweisen, ohne die Person abzuwerten.
Das ist häufig wesentlich wirkungsvoller als Aggressivität.
Bei unfairer Argumentation
Manche Gesprächspartner interessieren sich weniger für einen fairen Austausch.
Sie verdrehen Aussagen.
Wechseln das Thema.
Unterstellen Motive.
Greifen persönlich an.
Oder erzeugen Rechtfertigungsdruck.
Dann hilft mehr Argumentation manchmal wenig.
Die wichtigere Frage lautet:
Welche Art von Gespräch findet hier eigentlich statt?
Vielleicht braucht es eine Grenze.
Eine Unterbrechung.
Dokumentation.
Eine andere Gesprächsform.
Oder die Entscheidung, diese Diskussion weniger weiterzuführen.
Du musst weniger jede Einladung zur Diskussion annehmen
Jemand stellt eine provokante Behauptung auf.
Du könntest sie widerlegen.
Du hast Argumente.
Du hast sogar Lust darauf.
Trotzdem darfst du dich fragen:
Ist dieses Gespräch meine Zeit und Energie wert?
Kommunikative Souveränität zeigt sich auch darin, bewusst zu entscheiden, welche Diskussion du führst.
Besonders heikel: Recht haben vor Publikum
Sobald andere Menschen zuhören, verändert sich die Dynamik.
Jetzt geht es leichter um Status.
Gesichtswahrung.
Kompetenz.
Gewinnen und Verlieren.
Deshalb braucht öffentlicher Widerspruch Fingerspitzengefühl.
Du kannst eine Position korrigieren und gleichzeitig dem Gegenüber Raum lassen.
Das erhöht häufig sogar die Wahrscheinlichkeit, dass deine Argumente angenommen werden.
In Partnerschaften
Kaum irgendwo wird deutlicher, wie teuer Rechtbehalten werden kann.
Wer räumt mehr auf?
Wer hat welchen Satz gesagt?
Wer hat angefangen?
Wer erinnert sich richtig?
Vielleicht lässt sich manches tatsächlich klären.
Die wichtigere Frage kann trotzdem lauten:
Was braucht unsere Beziehung gerade?
Verständnis?
Verantwortung?
Eine Entschuldigung?
Eine Grenze?
Eine Lösung?
Nähe?
Ein Gerichtsverfahren über die vergangenen 17 Minuten bringt Beziehungen selten besonders weit.
Im Beruf
Im beruflichen Kontext kann die Sache anders aussehen.
Falsche Entscheidungen haben Konsequenzen.
Verantwortlichkeiten müssen geklärt werden.
Risiken brauchen Aufmerksamkeit.
Dann ist es wichtig, die eigene Position nachvollziehbar zu vertreten.
Auch hier gilt:
Ziel ist weniger der rhetorische Sieg als die bessere Entscheidung.
In Verhandlungen
Eine Verhandlung ist ebenfalls weniger der Ort, an dem eine Seite beweisen muss, dass sie recht hat.
Interessen sind häufig wichtiger als Positionen.
Was braucht die andere Seite?
Was brauchst du?
Welche Möglichkeiten gibt es?
Wo liegen Grenzen?
Welche Alternative hast du?
Wer ausschließlich argumentiert, kann wichtige Verhandlungsdimensionen übersehen.
→ Wichtige Gespräche und Verhandlungen vorbereiten
Wenn Argumentieren wichtig ist
Es gibt Situationen, in denen du deine Position sehr klar vertreten können solltest.
Dann helfen:
eine klare Kernbotschaft,
eine nachvollziehbare Argumentationsstruktur,
gute Belege,
Vorbereitung auf Einwände,
Ruhe unter Druck,
und die Fähigkeit, unfaire Argumentation zu erkennen.
Fünf Fragen vor der nächsten Diskussion
Bevor du dich in eine Auseinandersetzung stürzt, frage dich:
1. Was möchte ich erreichen?
2. Wie wichtig ist die Sache tatsächlich?
3. Wie wichtig ist mir die Beziehung?
4. Ist mein Gegenüber an einem echten Austausch interessiert?
5. Was wäre hier ein gutes Ergebnis?
Diese fünf Fragen können mehr bewirken als der nächste brillante Konter.
Noch ein Gedanke
Manchmal ist es wichtig, recht zu haben.
Manchmal ist es wichtig, das bessere Argument durchzusetzen.
Manchmal ist es wichtiger, zuzuhören.
Und manchmal besteht die klügste Entscheidung darin, eine Diskussion ziehen zu lassen.
Kommunikative Stärke zeigt sich weniger darin, jede Auseinandersetzung zu gewinnen.
Sie zeigt sich darin, zu erkennen, welche Auseinandersetzung sich überhaupt lohnt.
Vorbereitung wichtiger Gespräche und Verhandlungen
(Keinerlei Rechtsberatung!)
Ein wichtiges Gespräch lässt sich selten vollständig planen.
Du kannst dich jedoch so vorbereiten, dass du mit Klarheit, Orientierung und Handlungsspielraum hineingehst.
Wir können gemeinsam beispielsweise:
- Ziele und Prioritäten klären
- Interessen und mögliche Motive der Beteiligten betrachten
- Argumentationen entwickeln und prüfen
- Gesprächsstrategien vorbereiten
- kritische Fragen und Einwände antizipieren
- schwierige Gesprächsverläufe simulieren
- Formulierungen ausprobieren
- Grenzen und Alternativen klären
- persönliche Wirkung und Präsenz betrachten
- den Umgang mit Druck und überraschenden Wendungen vorbereiten
Dabei geht es weniger um ein auswendig gelerntes Gesprächsskript.
Du sollst wissen, was du erreichen möchtest, worauf es ankommt und wie du auch bei unerwarteten Entwicklungen beweglich bleiben kannst.
Je nach Anliegen verbinde ich Coaching, Beratung, Einzeltraining und Sparring.
Welcher Rahmen passt?
PRIVAT 1:1
Für wichtige Gespräche im persönlichen Kontext, beispielsweise in Partnerschaft, Familie oder im Umgang mit schwierigen Personen.
BUSINESS 1:1
Für berufliche Gesprächssituationen und die gezielte Entwicklung deiner Gesprächs- und Verhandlungskompetenz.
EXECUTIVE SPARRING
Für konkrete Gespräche und Verhandlungen mit hoher wirtschaftlicher, beruflicher oder strategischer Tragweite.
Aktuelle Honorare und Rahmenbedingungen findest du jeweils auf den entsprechenden Angebotsseiten.
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Erstveröffentlichung: 22. Mai 2006
Überarbeitung: 6. März 2019
AN: #43349
K:CNB
Ü:









Wenn nur das Ego nicht wäre …
JA!
Das mischt sich da gerne ein bei de Entscheidung zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Das ist ein ständiger Lernprozess!
Für mich eine leichte Wahl, theoretisch zumindest.
Gut!
Ich hoffe für …
Das entscheide ich mit Hinsicht auf die langfristigen Konsequenzen.
Bei meinen Kollegen wäre das keine gute Idee. Die würden das ausnutzen.
Schöner Gedanke und unrealistisch.
Das „be kind“ liegt in meiner Natur. Ich ziehe es meist vor, freundlich zu sein, als auf meiner Meinung zu beharren. Oft stoße ich damit an Grenzen, weil ich von Menschen umgeben bin, die genau andersrum agieren. Aber ich kann nicht anders! Finde Menschen sehr unsympathisch, die immer Recht haben wollen.