Selbsterfüllende Prophezeiungen: Husten, Krampf, klassische Konzerte, Psychiater, Placebos

Es kommt selten etwas Gutes dabei heraus,
wenn wir Schlechtes erwarten.
Selbsterfüllende Prophezeiungen: Husten, Druck, Krampf, klassische Konzerte, Psychiater und Placebos

Die Berliner Philharmoniker und dieses unsägliche Husten

 

Es ist mir schon beim ersten Besuch der Berliner Philharmonie aufgefallen, dieses eigentümliche Phänomen. Damals zeigte es sich als Husten, seitdem ist es mir in vielerlei Formen begegnet.

Wer in klassische Konzerte geht, kennt das vermutlich. Je leiser und zarter die Musik ertönt, je konzentrierter das Publikum darin glücklich versunken ist, vor allem zwischen den Sätzen einzelner Sinfonien oder Sonaten: herzhaft, ja erschreckend lustvoll, intensiv und gerne wird hinein gehustet, geröchelt und geräuspert. Und weil gerade Konzertsäle eine ausgezeichnete Akustik bieten, klingt auch der Husten gleich noch dramatischer.

Ist es reine Bosheit und Rache für schlechte Leistung der Musiker oder gar die zu gewagte Inszenierung, die das Husten befeuert? Manch einer unterstellt sogar unbewusste Selbstdarstellungssehnsüchte.

Ich glaube, das ist eher seltener der Fall. Absichtlich husten wohl die wenigsten Besucher. Manche Zuhörer atmen an leisen Stellen unbewusst flacher, um nur keine Geräusche von sich zu geben, was den Hals jedoch reizt. Wer dann schon mal versucht hat, den aufkeimenden Hustenreiz zu unterdrücken, der weiß, wie schwer es fällt. Irgendwann ist es dann soweit und der Husten ist nur um so heftiger.

Dieser Husten scheint äußerst ansteckend zu sein. Kaum räuspert sich der Nachbar, schon kratzt es ganz plötzlich im eigenen Hals. Vielleicht liegt es auch an der trockenen Luft an solchen Orten.

Ich vermute allerdings, es hat einen anderen Grund und der hat mit dem angedeuteten Phänomen zu tun.

Das Phänomen

 

Verbieten wir uns selbst eine Reaktion, schon verkrampfen wir und ein Großteil der Aufmerksamkeit wandert genau dorthin, wo wir nicht hinwollen. Es sind sich selbst erfüllende Prophezeiungen. Was wir erwarten, befürchten und von uns wegschieben wollen bekommt dadurch Brennstoff. Wir würden ein Strohfeuer ja auch nicht mit Benzin löschen wollen, oder?

Wenn es um die eigenen Gedanken geht, ignorieren wir solcherlei Zusammenhänge leichtfertig. Doch sobald sich die Wahrnehmung, wie das Kaninchen auf die Schlange starrend, kaum noch frei bewegen kann, nimmt das Unheil seinen Lauf. Wobei das gerade eine sehr einseitige Betrachtung ist, schließlich funktioniert das Prinzip auch in die positive Richtung. Es kommt halt darauf an, in welche Richtung unsere Gedanken weisen. Himmel oder Hölle? Gemäß dem sogenannten Thomas-Theorem: „Wenn die Menschen Situationen als real definieren, sind sie in ihren Konsequenzen real.“

Selbsterfüllende Prophezeiung

 

Der US-amerikanische Soziologe Robert K. Merton 1948 beschrieb das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung (englisch self-fulfilling prophecy) in einem wegweisenden Artikel mit dem Titel The Self-Fulfilling Prophecy wie folgt:

The self-fulfilling prophecy is, in the beginning, a false definition of the situation evoking a new behavior which makes the original false conception come true. This specious validity of the self-fulfilling prophecy perpetuates a reign of error. For the prophet will cite the actual course of events as proof that he was right from the very beginning.

In Deutsch:

Die sich selbsterfüllende Prophezeiung ist am Anfang eine falsche Definition der Situation, die ein neues Verhalten hervorruft, das dazu führt, dass die ursprünglich falsche Auffassung wahr wird. Die trügerische Gültigkeit der sich selbsterfüllenden Prophezeiung bestärkt die Fortführung des Irrtums fort. Der Vorhersager wird die Entwicklung der Eignissse als Beweis dafür anführen, dass er von Anfang an recht hatte.

Merton betrachte die selbsterfüllende Phrophezeiung als einen sozialen Mechanismus mit dem sich die Auswirkungen bestimmter Einstellungen und Handlungsweisen erklären lassen.

Thomas-Theorem

 

Das Thomas-Theorem wurde von den US-amerikanischen Soziologen William Issac Thomas und Dorothy Swaine Thomas definiert:

If men define situations as real, they are real in their consequences.

In Deutsch:

Wenn die Menschen Situationen als real definieren, sind sie in ihren Konsequenzen real.

 

Diese Aussage geht davon aus, dass jedes menschliche Handeln reale Konsequenzen zur Folge hat, ganz gleich wie unsinnig die Interpretation der Ausgangssituation war, die zu der entsprechenden Handlung geführt hat. Es geht um die Differenz zwischen subjektiver Wirklichkeit und objektiver Realität sowie die Folgen. Das kannte schon Epiktet, der behauptete: „Was den Menschen stört und in Schrecken versetzt, sind nicht Handlungen, sondern Meinungen und Vermutungen über Handlungen.“ Was wir erwarten oder befürchten, neigt dazu, wahr zu werden.

Beispiele und praktische Relevanz

 

Im positiven wie negativem Sinne wirkt sich das Phänomen an vielerlei Stellen aus. Hier folgen Beispiele:

 

 

1. Erwartungen an andere Menschen

 

Unsere Erwartungen beeinflussen unser Verhalten. Haben wir im Vorfeld von negativen und sogar gefährlichen Charaktereigenschaften neuer Gesprächspartner gehört, verändert das Wahrnehmung, Interpretation und somit unser Denken und Handeln. Das geschieht sogar sehr häufig selbst dann, wenn die Informationen falsch waren.

Stellen Sie sich vor zwei Psychiater würden für die Teilnahme an einer Studie eingeladen. Jeder der beiden hochgelobten Experten soll einen wahnhaften Patienten, der sich für einen Psychiater hält, nach einem Gespräch beurteilen. Das wird nun allerdings beiden Psychiatern getrennt bei der Vorbereitung erklärt. Dann werden sie aufeinander losgelassen. Was meinen Sie wohl, was geschieht? Jeder wird sich so verhalten, wie ein Psychiater und der andere wird ihn für verrückt halten. Je mehr ein Versuchsteilnehmer dann erklärt, er wäre der Psychiater und der andere der Patient, desto deutlicher wird für den anderen Teilnehmer dessen krankhaftes Denken. Na, viel Spaß!

 

 

 

2. Placebo-Effekt

 

Placebos, also Mittel oder Maßnahmen ohne Wirkstoff, führen nicht nur in der Medizin dazu, das eine erhoffte Wirkung auf psychologischem Wege beim Klienten erreicht wird. Dadurch bekommen sogar Zuckerpillen eine intensive suggestive Wirkung, ja sogar Selbstheilungskräfte können so aktiviert werden.

 

 

 

3. Mentaltraining

 

Durch Mentaltraining werden verborgene oder zumindest unterschätze Kräfte und Fähigkeiten geweckt. Wurde bisher nicht an deren Potenzial geglaubt, wird es leichter, sobald die konstruktive Überzeugung gestärkt und entfaltet wird. Selbstsabotage wird dadurch beendet und überzeugt geht es konzentriert ans Werk.

P.S.

 

Kennen Sie das Phänomen in seinen positiven, negativen oder beiden Formen? Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht und nehmen Sie Einfluss auf das Phänomen?

Es kommt selten etwas Gutes dabei heraus, wenn wir Schlechtes erwarten. - Karsten Noack