Durchhalten oder aufhören? Wann sich welcher Weg lohnt

Eine der schwierigsten Entscheidungen überhaupt
Durchhalten oder aufhören?

Durchhalten oder aufhören?

 

 

Eine der schwierigsten Entscheidungen überhaupt

 

Durchhalten gilt als Tugend.

Wer dranbleibt, wenn es schwierig wird, verdient Respekt.

Viele Ziele werden schließlich erst erreicht, nachdem Zweifel, Rückschläge und Widerstände überwunden wurden.

Die berühmte Extrameile kann tatsächlich den Unterschied machen.

Doch manchmal liegt die klügere Entscheidung darin, aufzuhören.

Ein Projekt.

Eine Strategie.

Eine berufliche Position.

Eine Zusammenarbeit.

Eine Beziehung.

Oder ein Ziel, das einmal richtig erschien und heute kaum noch zu dem Menschen passt, der du geworden bist.

Die schwierige Frage lautet deshalb weniger:

Kann ich noch durchhalten?

Sondern:

Ist es weiterhin sinnvoll, hier meine Zeit, Kraft und Möglichkeiten zu investieren?

 

 

 

Durchhalten ist wertvoll – solange das Ziel trägt

 

Ausdauer kann Außergewöhnliches ermöglichen.

Wir lernen.

Wir überwinden Schwierigkeiten.

Wir entwickeln Fähigkeiten.

Wir entdecken Möglichkeiten, die am Anfang kaum sichtbar waren.

Deshalb wäre es wenig hilfreich, bei jedem Widerstand sofort die Richtung zu wechseln.

Gleichzeitig verdient auch das Gegenteil Aufmerksamkeit:

Ein einmal gewählter Weg muss weniger dadurch richtig werden, dass wir ihn lange genug gehen.

Manchmal verändert sich die Situation.

Manchmal verändern wir uns.

Manchmal waren unsere Annahmen falsch.

Und manchmal stellt sich heraus, dass ein Ziel weniger attraktiv ist, als es aus der Entfernung erschien.

Dann ist Überprüfung kein Zeichen mangelnder Ausdauer.

Sie ist Ausdruck guter Selbstführung.

 

 

 

Weitermachen – bis wohin?

 

Wenn ein Plan funktioniert, ist vieles einfach.

Interessant wird es, wenn die Realität andere Rückmeldungen gibt als erwartet.

Dann entsteht schnell Aktionismus:

Mehr arbeiten.

Mehr investieren.

Mehr versuchen.

Mehr desselben.

Das kann sinnvoll sein.

Es kann den Karren ebenso tiefer in den Schlamm fahren.

Deshalb lohnt sich gelegentlich eine Unterbrechung.

Nicht unbedingt, um aufzuhören.

Sondern um wieder klarer zu sehen.

Funktioniert das Ziel noch?

Funktioniert der Weg?

Was hat sich verändert?

Welche Informationen habe ich heute, die ich zu Beginn noch kaum haben konnte?

Braucht mein Ziel Ausdauer – oder meine Strategie ein Update?

Diese Unterscheidung ist wichtig.

Manchmal stimmt das Ziel weiterhin und der Weg braucht Veränderung.

 

 

 

Die Falle der bisherigen Investition

 

Eine der stärksten Kräfte beim Durchhalten ist überraschenderweise weniger die Hoffnung auf die Zukunft.

Es ist die Vergangenheit.

Wir haben bereits investiert.

Zeit.

Geld.

Energie.

Ansehen.

Gefühle.

Jahre unseres Lebens.

Und genau deshalb fällt Aufhören schwer.

Der Gedanke lautet:

„Jetzt habe ich schon so viel hineingesteckt.“

Das ist menschlich.

Für die nächste Entscheidung ist jedoch eine andere Frage hilfreicher:

Wenn ich heute zum ersten Mal vor dieser Situation stehen würde – würde ich mich mit meinem heutigen Wissen wieder dafür entscheiden?

Vergangene Investitionen lassen sich häufig kaum zurückholen.

Die nächste Stunde, der nächste Euro und das nächste Jahr liegen hingegen noch vor uns.

Mehr zum sogenannten Sunk-Cost-Effekt findest du hier:

→ Wer A sagt, muss auch B sagen? Ein folgenreicher Trugschluss

 

 

 

Aufhören ist mehr als Scheitern

 

Aufhören kann sich wie eine Niederlage anfühlen.

Vor allem dann, wenn wir uns stark mit einem Ziel identifiziert haben.

Vielleicht haben wir anderen davon erzählt.

Uns festgelegt.

Etwas versprochen.

Unsere Identität damit verbunden.

Dann bedeutet ein Kurswechsel scheinbar:

„Ich habe mich geirrt.“

Dabei kann eine andere Aussage ebenso zutreffen:

„Ich habe neue Informationen und ziehe daraus Konsequenzen.“

Das ist etwas anderes.

Eine gute Entscheidung muss weniger beweisen, dass die frühere Entscheidung richtig war.

Sie sollte der Situation dienen, die heute besteht.

 

 

 

Die entscheidende Frage: Ziel oder Weg?

 

Bevor du etwas aufgibst, lohnt sich eine wichtige Unterscheidung:

Will ich das Ziel aufgeben – oder funktioniert lediglich mein bisheriger Weg dorthin kaum?

Vielleicht braucht es:

eine andere Strategie,

mehr Zeit,

weniger Tempo,

andere Menschen,

zusätzliche Fähigkeiten,

neue Informationen,

eine Pause,

oder eine völlig andere Route.

Manchmal ist Aufgeben tatsächlich sinnvoll.

Manchmal reicht ein Kurswechsel.

Und manchmal ist genau jetzt der Moment, weiterzumachen.

 

 

 

 

Beziehungen: Wann wird Durchhalten zum Festhalten?

 

Bei Beziehungen wird diese Frage besonders emotional.

Schließlich gab es Gründe für die Verbindung.

Gemeinsame Erfahrungen.

Nähe.

Hoffnungen.

Vielleicht Jahre gemeinsamer Geschichte.

Und häufig war vieles durchaus gut.

Gerade deshalb kann es schwer sein anzuerkennen, dass eine Beziehung heute anders aussieht.

Die entscheidende Frage lautet weniger:

„War diese Beziehung einmal wertvoll?“

Sondern:

„Was ist sie heute – und welche Entwicklung ist realistisch?“

Dabei lohnt es sich, Wunsch und beobachtbare Realität voneinander zu unterscheiden.

Was verändert sich tatsächlich?

Was wiederholt sich?

Welche Vereinbarungen tragen?

Welche Grenzen werden respektiert?

Welche Bereitschaft zur Entwicklung zeigt sich auf beiden Seiten?

Auch eine Trennung kann respektvoll gestaltet werden.

Und auch ein Bleiben verdient eine bewusste Entscheidung.

 

 

 

Beruf und Karriere

 

Ähnlich ist es im Beruf.

Vielleicht hast du viele Jahre in eine Karriere investiert.

Eine Position erreicht.

Status aufgebaut.

Kompetenz entwickelt.

Und irgendwann entsteht die Frage:

Will ich das eigentlich noch?

Dann kann der bisherige Erfolg die Entscheidung sogar erschweren.

Denn mit jedem erreichten Schritt steigt scheinbar der Preis eines Richtungswechsels.

Doch auch hier lohnt sich der Blick nach vorne:

Welche Zukunft entsteht, wenn ich weitermache?

Welche Zukunft könnte entstehen, wenn ich etwas verändere?

→ Wichtige Karriereentscheidungen

 

 

 

Projekte und Unternehmen

 

Bei Projekten und unternehmerischen Entscheidungen kann Durchhalten teuer werden.

Geld wurde investiert.

Mitarbeiter sind beteiligt.

Versprechen wurden gemacht.

Reputation steht auf dem Spiel.

Und vielleicht scheint der Erfolg immer nur noch einen letzten Schritt entfernt.

Dann braucht es mehr als Optimismus.

Welche Annahmen haben sich bestätigt?

Welche wurden widerlegt?

Welche Kennzahlen sprechen für die Fortsetzung?

Welche Risiken wachsen?

Welche Alternativen existieren?

Und:

Was müsste geschehen, damit wir bewusst sagen: Jetzt ändern wir den Kurs?

Solche Kriterien möglichst früh festzulegen kann verhindern, dass jede weitere Investition automatisch die nächste rechtfertigt.

 

 

 

 

Fünf Fragen für mehr Klarheit

 

Wenn du zwischen Durchhalten und Aufhören schwankst, können diese Fragen hilfreich sein:

  1. Würde ich mich mit meinem heutigen Wissen noch einmal dafür entscheiden?

  2. Stimmt mein Ziel weiterhin – oder halte ich vor allem an meiner bisherigen Entscheidung fest?

  3. Braucht das Ziel mehr Ausdauer oder braucht der Weg Veränderung?

  4. Welche zukünftigen Kosten und Chancen haben beide Möglichkeiten?

  5. Welche Entscheidung würde ich treffen, wenn ich meine bisherigen Investitionen für einen Moment ausblenden könnte?

Eine sechste Frage finde ich bei besonders wichtigen Entscheidungen ebenfalls wertvoll:

Was würde ich einem Menschen empfehlen, den ich sehr schätze, wenn er exakt in meiner Situation wäre?

Der Perspektivwechsel kann erstaunlich viel sichtbar machen.

 

 

 

Durchhalten oder aufhören?

 

Manchmal ist Mut:

noch einen Schritt weiterzugehen.

Und manchmal ist Mut:

die Richtung zu ändern.

Weisheit besteht weniger darin, grundsätzlich durchzuhalten oder grundsätzlich loszulassen.

Sie zeigt sich darin, unterscheiden zu können, was die konkrete Situation verlangt.

Und darin, eine einmal getroffene Entscheidung erneut prüfen zu dürfen, wenn neue Erfahrungen und Informationen dafür sprechen.

 

 

 

Du stehst vor einer wichtigen Entscheidung?

 

Wenn viel von einer Entscheidung abhängt, kann eine zusätzliche unabhängige Perspektive wertvoll sein.

Wir können Möglichkeiten betrachten, Annahmen prüfen, Prioritäten klären und Konsequenzen aus unterschiedlichen Perspektiven durchdenken.

Die Entscheidung bleibt deine. Ziel ist eine bessere Grundlage, auf der du sie treffen kannst.

→ Unterstützung bei wichtigen Entscheidungen

P.S.

 

Wie entscheidest du, wo es gilt durchzuhalten und wo aufzuhören? Ist das immer so einfach?

10 Kommentare

  1. Es selbst zu erkennen wo schon so viel Aufwand betrieben wurde ist schwer.

    Antworten
    • Genau dieses Phänomen macht du bewusste Betrachtung und Entscheidung so wichtig. Sonst neigen wir dazu uns selbst zu täuschen.

      Antworten
  2. Kaum jemand ist heute noch bereit sich anzustrengen und so geben viele Menschen viel zu schnell auf.

    Antworten
    • Leider sind in unserer schnelllebigen Zeit nicht viele Menschen bereit sich zu engagieren und flüchten, sobald es unbequem wird.
      Dann wundern sich die gleichen Menschen, weshalb die Welt so oberflächlich geworden ist.
      Ich habe großen Respekt vor jenen Zeitgenossen, die bereit sind sich beispielsweise für tiefere Beziehungen einzusetzen.

      Antworten
  3. Immer wieder und wieder interessante Anregungen zum Nachdenken.

    Antworten
  4. Nach der Corona-Krise werden wohl viele von uns absteigen müssen. Wobei das auch ohne Corona bei vielen Selbstständigen schon längst der Fall gewesen wäre, wenn man sich nur nicht selbst belügen würde.

    Antworten
  5. Wenn es soweit gekommen ist, dann hat jemand doch oft vorher schon nicht seine Verantwortung getragen, finde ich.

    Antworten
  6. Mir fällt das nicht so leicht, wenn es um Menschen geht. Selbst, wenn es mir nicht gut damit geht tun sie mir leid.

    Antworten
  7. „Die Hoffnung aufgeben bedeutet, nach der Gegenwart auch die Zukunft preisgeben.“

    Pearl S. Buck

    Es finden sich so viele Zitate zum Durchhalten und so wenige dazu, wann es gut ist einen Schlussstrich zu ziehen.

    Antworten
  8. Das sind sehr wertvolle Gedanken!

    Antworten

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Durchhalten oder aufhören?

Die Artikel sind meist kurze Auszüge der umfangreicheren Kursunterlagen, die Teilnehmende im entsprechenden Gruppen- oder Einzeltraining oder im Coaching erhalten.

Autor: Karsten Noack
Erstveröffentlichung: 8. August 2017
Überarbeitung: 14. April 2020
Englische Version:
AN: #123
K: CNB
Ü: