Die Reden von Andrea Nahles und Martin Schulz auf dem SPD-Parteitag

Rhetorik und Körpersprache auf dem Sonderparteitag am 21. Januar 2018 in Bonn
 
Martin Schulz und Andrea Nahles auf dem Sonderparteitag der SPD

SPD-Sonderparteitag: „Die Wähler zeigen uns doch ’nen Vogel!“

 

Die SPD hat auf ihrem Sonderparteitag die Frage diskutiert, ob sie in Koalitionsverhandlungen mit der Union eintreten soll. In dieser Frage ist die Partei zerrissen, wird es einem Redner gelingen sie wieder zu einen?

Nein, am Ende stimmte eine knappe Mehrheit von rund 56 Prozent dafür. Ich wurde gebeten vor der Kamera die Reden von Andrea Nahles und Martin Schulz auf dem Parteitag der SPD zu kommentieren. Da mein Kalender das Interview leider nicht hergab, folgen hier ein paar Anmerkungen dazu.

1. Martin Schulz

 

Parteichef Martin Schulz (62) wirkte eher unsicher und flehend, wobei das an seiner Stimme lag. Heiser und leise beginnt er seine Rede. Stimmlich und körpersprachlich vermittelt er wie gewohnt einen tendenziell eher wenig kraftvollen angeschlagenen Eindruck.

Menschen in ganz Europa schauten jetzt nach Bonn, sagt er. Doch eine rhetorische Sternstunde folgt nicht. Er blieb in seiner viel zu langen Rede zu abstrakt, schaute zu viel zurück und lieferte keine Orientierung. Das Fehlen unterstützender Mimik und Gestik nimmt all dem Ausdruck und Kraft. Der ausweichende Blick baut so keine Beziehungen auf. Das Publikum wird er so kaum mitnehmen.Der häufige Wechsel des Standbeins wird zumindest unbewusst auf die Zuschauer unsicher wirken. Ein Anführer sieht anders aus.

Er warnt seine Partei vor Neuwahlen und zählt die Erfolge in den Sondierungsverhandlungen auf. Doch seine Körpersprache unterstützt die Warnungen nicht, im Gegenteil. Zögerlich kurz den mahnenden Zeigefinger zu erheben ist keine eindrucksvolle Gestik. Große Gesten sind bei ihm nicht zu erkennen, er wirkt auf mich eher lustlos.

So bleibt es in den Pausen seiner Rede weitgehend still. Nur, wenn er auf die Gefahr rechter Politik hinweist, wird etwas mehr Klatschen, wohl vor allem von den Gegnern der großen Koalition, hörbar.

Wird unterstellt, dass er unter besonderer Beobachtung und unter dem Druck der Basis steht, dann hat er die Chance nicht genutzt sich hier besser zu positionieren. Seinen Einfluss dürfte der Beitrag nicht gedient haben. Er erhält auch nur mäßigen Applaus nach seiner Rede.

2. Andrea Nahles

 

Der SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles (47) gelingt nach wenigen Minuten, was Martin Schulz in seiner langen Rede nicht geschaft hat, zumindest etwas Begeisterung im Saal.

Sie wirkt durchaus authentisch und engagiert. Sie versprach Verhandlungen, „bis es quietscht auf der anderen Seite, alles andere kann ich euch nicht versprechen“. Die emotionale kämpferische Ansprache passt zum Thema. Inhaltlich und körpersprachlich setzt sie auf kraftvolle Gesten. Wer wie sie Zähne zeigt, will führen. Das kommt gerade auf Parteitagen meist gut an. Allerdings wirkte sie auch so, als wenn ihr bald die Luft ausgeht, sie verausgabt sich zu sehr. Ihr Stimmeinsatz geht über ihre natürliche Grenze hinaus, entsprechendes Stimmtraining würde ihr helfen. Sie muss nur vorsichtig sein, wenn ihre Äusserungen als übertriebn wahrgenommen werden, wirkt das gegebenenfalls verzweifelt und nicht mehr souverän.

Ihre Betonung beim Satz „… die zeigen uns doch ’nen Vogel!“ ist schon recht eigenwillig. So redet im Grunde niemand.

Konzentration auf wenige Themen macht es leichter zu folgen. Die deutlich kürzere Dauer ihres Beitrags ist eine gute Entscheidung. So gelingt es eher, das Publikum mitzunehmen und nicht wie so oft bei Martin Schulz, auf der Reise zu verlieren.  Anders als Martin Schulz wurde Andrea Nahles begeistert beklatscht.

Wer diesen Auftritt mit früheren vergleicht, erkennt einen Wandel. Sie stellt sich heute deutlich breiter auf.

P.S.

 

Wa gibt es bei diesen beiden Reden für die eigenen rhetorischen Fähigkeiten zu lernen?

Anmerkungen

 

In Beiträgen der Serien Körpersprache und Rhetorik-Check geht es darum die rhetorische Wirkung ausgewählter Personen zu analysieren. Jegliche politische Bewertung bleibt dabei außen vor und ist auch in den Kommentaren nicht erwünscht. Stattdessen geht es darum anhand der Beispiele zu erkennen was unter welchen Umständen funktioniert und was nicht, was lässt sich für eigene Zwecke übertragen. Mit anderen Worten; es geht nicht um das Nörgeln, sondern das Aufdecken von Potenzialen.