Rhetorik-Check: Nur wer verstanden wird, kann auch überzeugen

Klipp und klar, dann klingt es wahr. Was sagt der Kauderwelsch-Test?
Rhetorik & Sprache: Nur wer verstanden wird, kann auch überzeugen

Rede- und Redneranalysen

 

Für mich gehört es zum Alltag Reden zu analysieren und bei entsprechendem Auftrag zu optimieren. Dabei geht es um inhaltliche und formale Aspekte, sowie die Wirkung der Persönlichkeit einschließlich der Körpersprache.
Die Universität Hohenheim analysiert ebenfalls Reden der Spitzenmanager deutscher DAX-Unternehmen und bewertet sie anhand formaler Kriterien. Professor Dr. Frank Brettschneider und sein Team untersuchen mittels EDV, wie verständlich die Vorstandsvorsitzenden der DAX-30-Unternehmen auf den Hauptversammlungen ihrer Unternehmen reden. In einer Pressemitteilung vom 11. Juli 2016 sieht er insgesamt die Verständlichkeit der ausgewerteten Reden als deutlich verbessert. Aus seiner Sicht sind die Reden deutscher Vorstände stetig besser zu verstehen. So steht es jedenfalls im Fazit einer Studie der Universität Hohenheim in Zusammenarbeit mit dem Handelsblatt.

Im Durchschnitt erreichen die Bewertungen in diesem Jahr 14,3 Punkte auf einer Skala von 0 bis 20. 2015 waren es noch durchschnittlich 13,1 Punkte. Damit hat sich zum vierten Mal in Folge die formale Verständlichkeit verbessert. Dem entwickelten Verständlichkeitsindex entsprechend erzielte der Vorstandsvorsitzende Timotheus Höttges (Telekom) mit 19,5 Punkten den höchsten bisher analysierten Wert. Drei Redner teilen sich den zweiten Platz mit je 18,4 Punkten; Frank Appel (Deutsche Post), Harald Krüger (BMW) und Ulf Schneider (Fresenius SE).

Allerdings vergaben laut Auswertung auch einige Spitzenmanager die Chance, mit ihren Reden eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Auf den hinteren Plätzen befinden sich, mit weniger als 11 Punkten, Johannes Thyssen, der Vorstandsvorsitzende von E.ON (10,2 Punkte), SAP-Vorstandssprecher Bill McDermott (10,3 Punkte) sowie der CEO von ProSiebenSat.1, Thomas Ebeling (10,8 Punkte). Das Schlusslicht bildet der Vorstandsvorsitzende von Beiersdorf Stefan F. Heidenreich (9,2 Punkte).

Die Studie (externer Link) nennt Bandwurmsätze, abstrakte Begriffe, zusammengesetzte Wörter und nicht erklärte Fachbegriffe als häufige Ursachen für die Unverständlichkeit von Reden. Überlange Sätze und zusammengesetzte Wortungetüme wurden dieses Mal seltener gezählt.

 

Pure Theorie?

 

Insgesamt deckt sich die Studie mit eigenen Praxisbeobachtungen. In einigen Bereichen steigt das rhetorische Niveau, während es  aus meiner Sicht allerdings in vielen Bereichen keine nennenswerten Entwicklungen gibt. Von Steve Jobs und Co. sind selbst die meisten Top-Manager in Deutschland noch ein gutes Stück entfernt. Um das zu erkennen braucht es keinen Supercomputer. Zu offensichtlich sind die brachliegenden Potentiale. Reden und Präsentationen werden als Marketinginstrumente noch immer unterschätzt.

 

 

 

Kompliziert, komplizierter, am kompliziertesten

 

Viele Chancen zu überzeugen bleiben unausgeschöpft. Statt mit lebendiger Sprache präsentiert werden Reden allzu oft mit unnötigen Phrasen und komplizierten Strukturen aufgebläht. Weshalb meinen so viele Redner, ihre Rede mit all diesen exotischen Begriffen würzen und sich kompliziert ausdrücken zu müssen?

Gegen etwas Würze ist ja nichts einzuwenden. Aber weder unbekannte Fachbegriffe, Buzzwords oder besonders trockene Formulierungen fördern die Aufnahmebereitschaft des Publikums. So etwas macht die Rede nicht schmackhafter, sondern nur schwerer verdaulich.

Außerdem: Wer es an der Bereitschaft mangeln lässt in der Sprache der Zielgruppe zu sprechen, vermittelt damit auch Desinteresse und fehlenden Respekt ihr gegenüber. Der Beziehung und dem Vertrauen dient das nicht. Die fehlende Glaubwürdigkeit wirkt dann wie Sand im Getriebe.

 

 

 

Buzzwas?

 

Oh! Widerspreche ich mir selbst mit der Verwendung des Wortes Buzzwords? Zumindest erinnert es mich daran, wie sich Begriffe einschleichen und überlege, ob ich Buzzword mit Schlagwort ersetze. Und bevor ich diesem Gedanken jetzt weiter folge, verweise ich stattdessen auf den Artikel Floskeln: Ihre Meinung ist uns wichtig und anderer Unfug.

 

 

 

Authentizität

 

Wollen wir heute mal extra elaboriert die Botschaft kundtun? Wo ist das Handbuch mit dem Titel Wie sage ich es kompliziert? Der Verständlichkeit dient das jedenfalls nicht. Außerdem spürt das Publikum, ob es sich um den Wortschatz des Redners handelt. Nimmt es dem Redner die gewählte Sprache nicht ab, nimmt auch noch dessen Authentizität und damit Glaubwürdigkeit ab.

 

 

 

Klipp und klar, dann klingt es wahr

 

Die besten Redner sind in der Lage selbst komplizierteste Zusammenhänge mit einfachen Worten verständlich zu machen. Bei vielen verklausulierten Formulierungen zweifelt das Publikum hingegen schnell daran, dass der Redner selbst verstanden hat, wovon er redet. Ist der Zweifel erst gesät, färbt die damit verbundene Unsicherheit auf das gesamte Publikum ab. Keine gute Voraussetzung!

Bleiben Sie lieber natürlich, auch wenn Sie eine Rede vor Publikum halten.

 

 

 

Fazit

 

Der Autor der genannten Studie Professor Dr. Brettschneider erinnert daran, die Grundregeln für verständliche Reden einzuhalten: kurze Sätze, gebräuchliche Begriffe, Fachbegriffe in verständliche Sprache übersetzen und zusammengesetzte Wörter vermeiden. Denn nur wer verstanden wird, kann auch überzeugen. Recht hat er! Schließlich sollte eine gute Rede ja nicht nur kurz dem eigenen Ego schmeicheln, sondern etwas in die gewünschte Richtung bewegen.

 

 

 

P.S.

 

Auf was legen Sie bei einer guten Rede Wert und ist das rhetorische Niveau aus Ihrer Sicht gestiegen?

Verständlichkeit