Wieso spielt in der deutschen Politik Charisma eine so kleine Rolle?

Ursachenforschung

Charisma in der deutschen Politik

 

Demokratie ist die Herrschaft des Volkes, in der die Mehrheit des Volkes die Entscheidungen trifft – so zumindest in der Theorie. Tatsächlich haben wir eine repräsentative Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland. Jenseits der Parteipolitik gibt es bei den Vertretern etwas Auffälliges zu beobachten. Die Personen, die in den vorderen Reihen der deutschen Politik sitzen, sind heute vergleichsweise frei von Charisma im Sinne persönlicher Ausstrahlung. Vielen fällt es schon schwer den einfachsten Grundlagen der Rhetorik zu genügen. Nicht nur inhaltlich schwächeln viele Politiker in Interviews bei einfachsten Fragen. Manches Gestammel vermittelt gar den Eindruck, da mache sich jemand einen Spaß über menschliche Unzulänglichkeiten. Und sehr oft vermittelt unbeholfene Körpersprache widersprüchliche Botschaften zum verbalen Inhalt. Und, und, und. Dabei wirkt es leider nicht einmal sympathisch menschlich, sondern oft eher lieblos. Da freut sich das Publikum, wenn Gregor Gysi spricht, selbst wenn es seiner Partei misstraut. Leider sind solche Momente selten, in denen das Zuhören unserer politischen Vertreter Freude bereitet.

 

 

 

Aber die aktuellen Volksvertreter …

 

Ja, Charisma spielt in der Politik hierzulande keine große Rolle. Und doch sind das die maßgeblichen Personen, verantwortlich für wesentliche Entscheidungen, die uns alle betreffen. Ist es erlaubt verwundert zu fragen, wieso sie es trotzdem sind? Wäre mehr Ausstrahlung überflüssig oder ist es gar ein Teil deren Erfolgsrezeptes? Die Pfarrerstochter aus Mecklenburg-Vorpommern hat trotzdem oder gerade auf diese Weise alle und alles überstanden. Gibt es da einen Zusammenhang?

Umfrage

 

Politiker mit Ausstrahlung und Profil finde ich …

%

... wünschenswert.

%

... nicht erforderlich.

Nicht repräsentative Umfrage (Januar bis April 2017, n=996)

Überlegungen, die nach Antworten suchen

 

1. These

 

Die deutsche Bevölkerung hat wegen der nationalsozialistischen Vergangenheit tiefe Aversionen vor allzu charismatischen Persönlichkeiten. Es macht sich die Angst bemerkbar, dass sich die Massen an gefährlichen Rattenfängern orientieren und ihnen folgen.

 

 

2. These

 

Wer sich unbeholfen gibt, der wird unterschätzt und seltener angegriffen. Wer in Amt und Würden kommen und bleiben will, macht sich klein, nur nicht anecken oder zu sehr auffallen. Wildwuchs droht der Rückschnitt.

 

 

3. These

 

In politischen Organisationen gelten andere Voraussetzungen für die Karriere, als anderswo. Geklüngel und dergleichen findet besser unbemerkt statt.

Umfrage

 

Was meinen Sie?

Weshalb spielt Charisma hier keine große Rolle? (Mehrfachnennungen sind möglich)

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Zeitgeist

 

War etwas in der Zeit von Brandt, Schmidt und Co anders oder wirken Menschen auf Schwarz-Weiß-Bildern einfach charakteristischer?

Ja, Charisma ist im Wesentlichen sicher eine Zuschreibung und somit an die eigene Betrachtung gekoppelt. Jeder von uns betrachtet die Welt durch die eigenen Augen und Wahrnehmungsfilter. Ist das nur meine Wahrnehmung oder wie sehen Sie das? Vielleicht ist es ja auch besser, weil Verpackung ja nur so viel wert ist wie der Inhalt und wir keine plagiatierenden Blender benötigen. Doch, was ist mit dem Bedürfnis nach Menschen, die Verantwortung übernehmen und Orientierung liefern? In einer Zeit in der die Kluft zwischen Volksvertretern und Wählern immens ist, haben bei allem Frust doch einige die Sehnsucht nach inspirierenden und leidenschaftlichen Persönlichkeiten. Würden von solchen Menschen mehr Risiken oder Chancen ausgehen?

Wem der Begriff Charisma zu belastet erscheint, wie wäre es zumindest mit mehr Einsatz und Leidenschaft in der Politik, mit Diskussionen, die der Meinungsbildung dienen?