Rhetorik-Check und Körpersprache der Bundeskanzlerin Angela Merkel

Rhetorik-Check und Körpersprache: Analyse Bundeskanzlerin Angela Merkel

Ausstrahlung, Sprache, Redeaufbau, Mimik, Gestik, Stimme, Strategien,...
Rhetorik-Check: Analyse Bundeskanzlerin Angela Merkel

Rhetorik-Check und Körpersprache der Bundeskanzlerin Angela Merkel

 

Wie steht es mit Ausstrahlung, Sprache, Redeaufbau, Mimik, Gestik, Stimme, Strategien, … der Bundeskanzlerin Angela Merkel? Was gibt es zu lernen?

 

 

 

Überblick

 

 

 

 

Wir-schaffen-das!

 

Als Barack Obama „Yes we can!“ rief, lockte das zumindest für eine ganze Weile erstaunlich viele Menschen, auch außerhalb der USA, hinter dem Ofen hervor und verbreitete Aufbruchstimmung. Das merkelsche „Wir-schaffen-das!“ verursacht hingegen zurückhaltendere Reaktionen. Wie steht es um die rhetorischen Qualitäten der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel?

 

 

 

 

Rhetorik-Check: Analyse der Bundeskanzlerin Angela Merkel

 

Wer sich auf der Bühne der Öffentlichkeit bewegt und Einfluss hat, darf damit rechnen, dass jede noch so kleine Äußerung analysiert wird. Dass es da nicht nur wohlwollende Bewertungen gibt, liegt in der Natur der Sache. Unterschiedliche Interessen, Freund und Feind, Neider, …

Böse Stimmen verwenden Angela Merkel (Juli 1954 in Hamburg als Angela Dorothea Kasner geboren) als Beweisstück dafür, dass rhetorisches Handwerk nicht für eine Karriere in der Politik erforderlich ist. Stimmt das oder ist sie nur so clever sich unterschätzen zu lassen? Vielleicht steckt ja eine Strategie dahinter? Schließlich ist es ihr gelungen, am 10. April 2000 zur CDU-Bundesvorsitzenden gewählt zu werden und seit dem 22. November 2005 als Bundeskanzlerin an der politischen Spitze der Bundesrepublik Deutschland zu bleiben, wo andere schon längst wieder von der Bildfläche verschwunden sind. Dieser Artikel konzentriert sich auf die Rhetorik der Bundeskanzlerin und was sich daraus lernen lässt. Wie überzeugend präsentiert sie sich und ihr Angebot?

 

 

 

Körpersprache

 

Diese Bundesregierung ist die erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung.

Angela Merkel am 21. November 2012 im Bundestag

 

Das ist doch mal eine deutliche Ansage, oder? Die Körpersprache der Wissenschaftlerin aus dem protestantischen Theologenhaushalt wirkt hingegen bescheiden und verzichtet auf viele Möglichkeiten, ihre verbalen Aussagen nonverbal zu unterstreichen.

Bei frühen Auftritte von ihr senkte sie selbst ihren Status, machte sich kleiner und zeigte Hinweise auf Unterwürfigkeit in der Körpersprache. Sie schaute ausweichend nach unten, der Kopf war leicht gesenkt und das ganze mit einem Blick der anderen (männlichen) Personen Zugeständnisse machte. Das war damals zu Zeiten von Kohl häufig zu sehen. Doch das ist Geschichte; so etwas habe ich bei ihr so schon lange nicht mehr gesehen, das hat sie abgelegt. Heute ist sie sich ihrer Position viel sicherer.

 

 

1. Mimik und Mikroexpressionen

 

Sie versucht sich zu kontrollieren, doch nicht alles lässt sich unterdrücken. Selbst ihre nur für Sekundenbruchteile im Gesicht aufflackernden Mikroexpressionen lassen sich ganz gut lesen. Ihre Mimik ist allerdings nicht sehr vielfältig, eher monoton und oft negativ. Besonders in der Mundgegend lassen sich häufig Hinweise erkennen. Hinweise für echte Freude (Ducenne-Lächeln) sind selten zu entdecken. Das kann leicht unsympathisch wirken.

 

 

2. Gestik

 

Die Merkel-Raute, mittlerweile nicht mehr so häufig zu sehen, entwickelte sich von der anfänglichen Irritation zum Running Gag und wurde schließlich zu einem Wiedererkennungselement. Selbst Barack Obama (externer Link zu n-tv) kennt sie. Diese Geste solltest du sich allerdings nicht von ihr abschauen. Obwohl das für Frau Merkel funktioniert hat, ist das eher ein negatives Beispiel für Gesten während einer Rede. Schade: Die Hände befinden sich dabei zwar zumindest oberhalb der Hüfte und somit im Einsatzbereich, kleben dann allerdings oft dort. Eine wünschenswerte körpersprachliche Unterstützung der Aussagen unterbleibt so. Nicht gut!

 

Beispiele:

 

 

3. Haltung

 

Auch ihre Körperhaltung bietet Interpretationsspielraum. Ihre Befürworter sehen in ihrer gebückten Haltung einen Hinweis für die schwere Last, die sie zu tragen hat. Andere betrachten sie als fehlende Aufrichtigkeit. Mehr Sicherheit strahlt eine aufrechte Haltung aus.

 

Beispiel:

 

 

 

4. Stimme

 

Ähm: Sie verzichtet auf Pausen und die damit verbundene positive Wirkung. Stattdessen ist sehr oft ein Äh zu hören. Wenn sie Stress hat, beginnt sie zu stottern und verspricht sich. Außerdem kommt sie bei Stress auch leicht außer Atem, was hörbar ist.

Ihre Stimme hätte ein Stimmtraining gut gebrauchen können. Ein möglicher Grund für ihre eigenwillige Betonung könnte die fehlende emotionale Beziehung zum Gesagten sein.

 

Beispiel:

Sprache

 

Angela Merkel spricht oft so, wie manch einer wenig motiviert schreibt. Ob das an ihrem Redenschreiber liegt oder an anderen Gründen, bietet Raum für Spekulationen. Ein aktiverer Sprachstil mit weniger Substantivierungen und ohne Man-Formulierungen wären für das Publikum angenehmer. Auch die schwindelerregend langen und verschlungenen Satzkonstruktionen sorgen dafür, dass es schwerfällt, ihr zu folgen. Das Lustzentrum treffen ihre Worte jedenfalls nicht — ihre Sprache ist nett. Etwas, das in anderen Bereichen selten genügt.

 

Beispiel:

 

 

1. Reaktiver Satzbau

 

Bei ihr dominieren lange Sätze in umständlichen Konstruktionen. Viele ihrer Formulierungen sind reaktiv; Sätze ohne Punkt und Komma, die dann doch nicht konkret werden, sondern viel offen lassen. Nur auf keinen Fall einen Standpunkt beziehen. Etwas, das in den meisten Unternehmen der freien Wirtschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in die Chefetage führen würde. Dort dominieren proaktive Formulierungen.

Vorwiegend wirkt ihre Sprache unnatürlich, formal. Emotionale Wirkung entfaltet sie nicht. Sie ist zu sehr darauf konzentriert, nur nicht anzuecken, anstatt zu begeistern. Ihren verschachtelten Sätzen zu folgen, nimmt dem Publikum die Energie. „Sie hat eine Sprache des Einlullens. Und das macht sie sehr gezielt, da ist sie höchst professionell. Sie ist eigentlich eine hoch qualifizierte Technokratin.” meinte Jutta Ditfurth, Publizistin und Mitbegründerin der Grünen. Stimmt das?

 

Beispiel:

  • Szene bei YouTube (externer Link)

 

 

2. Substantivierungen

 

Was bei Angela Merkel auffällt, sind die vielen Substantivierungen, also die Bildung eines Substantivs aus einer anderen Wortart, vor allem aus Verben und Adjektiven.

 

 

3. Passiv statt aktiv

 

Ihre Reden strotzen vor Passivkonstruktionen und Formulierungen, die nicht passiv sind aber dennoch Passivität ausdrücken.

Machen Sie das besser und formulieren Sie lieber weitgehend aktiv. Das Passiv, deutsch „Leidensform“, bieten sich dann an, wenn wir tatsächlich etwas erleiden, wenn wir nichts gegen etwas tun können und das Leiden betonen wollen. So etwas vermittelt Verständnis, beruhigt kurz, liefert aber keine Sicherheit, keine Orientierung. Außerhalb der Politik ist das nicht förderlich für die Karriere.

 

 

4. Wir-Formulierungen

 

Mitunter verwendet sie Wir-Formulierungen, die verbinden sollen, an Stellen, an denen diese von großen Teilen des Publikums so nicht als Gemeinsamkeit empfunden werden. Das Publikum sieht sich dann nicht als Teil des Wir. Das vertieft den Graben zusätzlich. Außerdem vermeidet das ständige Wir, statt dem beherzten Ich einen eigenen Standpunkt einzunehmen. Das führt in die Beliebigkeit.

 

Beispiel:

  • Szenen bei YouTube (externer Link)

 

 

5. Man-Formulierungen

 

Die Man-Formulierungen wirken schwammig. Sie lassen offen, wer für die anstehenden Aufgaben verantwortlich ist. Sie vermeidet dadurch eindeutige Positionen zu vertreten. Eine Absicht könnte die dadurch größere Flexibilität bei späteren Richtungskorrekturen sein.

 

 

6. Allgemeinplätze

 

Sie bleibt durch Allgemeinplätze und Floskeln meist schablonenhaft abstrakt und unangreifbar. Nur niemanden erregen! Dann schon lieber wiederholen, was schon bekannt ist und keine Wellen macht. Das liefert allerdings keine Orientierung und beruhigt nur kurzfristig.

 

 

 

Versprecher

 

Sie redet viel, das bringt ihr Beruf so mit sich. Sie verheddert sich – das passiert. Sie verspricht sich allerdings oft und wie manche glauben ist gerade das offenbarend. Es verrät, was sie tatsächlich denkt. Es folgen ein paar Beispiele:

 

1. Wasch mich, aber mach mich nicht nass

 

Sie behauptet in einer Gesprächsrunde offen für Verbesserungsvorschlägen zu sein, lädt dazu ein sie ihr zu geben und sagt dann; „… denn Deutschland soll so bleiben, wie es ist!“

 

Beispiel:

  • Szene bei YouTube (externer Link)

 

 

2. Antisemitismus ist staatliche Pflicht

 

Anlässlich der Pariser Terroranschläge gab Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Regierungserklärung ab. Dort erlaubte sie sich einen sehr groben Versprecher und erklärte „Antisemitismus ist staatliche Pflicht“. Die Abgeordneten applaudierten ihr kurz darauf jedoch unbeeindruckt. Ist das ein Hinweis auf besondere Loyalität ihr gegenüber oder dafür, dass ihr nicht sehr aufmerksam zugehört wird?

 

Beispiel:

  • Szene bei YouTube (externer Link)

 

 

3. Wunschkoalitionspartner

 

Ein Versprecher der Kanzlerkandidatin Angela Merkel führte im Sommer 2005 zur Belustigung im Bundestag. In ihrer Rede machte sie auch Angaben über den künftigen Koalitionspartner der Union: „Rot-Grün kann unser Land nicht mehr regieren, die PDS darf unser Land nicht regieren, CDU und CSU gemeinsam mit der SPD…“ Das führte zu lautem Gelächter bei der zu diesem Zeitpunkt noch regierenden Koalition von Rot-Grün. Angela Merkel berichtigte daraufhin ihren Fehler und betonte mehrmals, dass der künftige Koalitionspartner ausschließlich die FDP sei.

 

 

4. Schengen oder Dublin

 

Bei einer anderen Gelegenheit scheint es so, als verwechsle sie das Schengen-Abkommen (externer Link zu Wikipedia) mit dem Dublin-Übereinkommen (externer Link zu Wikipedia). Zufall?

 

Beispiel:

  • Szene bei YouTube (externer Link)

 

 

 

Freudsche Versprecher oder…?

 

Ob unbewusst beeinflusst oder vollkommen zufällige Versprecher, wer weiß das zu sagen? Mit entsprechender Vorbereitung lassen sich solche Patzer reduzieren. Ihre Wortverwechslungen wirken auch deshalb unfreiwillig komisch, weil sie dabei, genau wie beim übrigen Text, emotional unbeteiligt wirkt. Das gilt auch für so manches von ihr wohl schlichtweg nicht verstandene Konzept wie brutto und netto. Sie gibt regelmäßig und unumwunden zu, dass für sie vieles Neuland ist, nicht nur das Internet. Viele andere Redner würden bei einem Blackout panisch werden. Sie bleibt, wie sie ist. Es ist für sie wohl oft einfach kein erwähnenswertes Thema; nichts, das aus ihrer Sicht der Aufmerksamkeit wert ist. Denjenigen, denen das wichtig ist, vermittelt sie so jedoch keinen Vertrauen fördernden Eindruck.

 

 

Mehr Beispiele?

 

Hier sind sie (externe Links zu YouTube und Co.):

Schlagfertigkeit

 

Ihre Aussage „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ ist wohl nicht absichtlich so komisch. Doch Sie kann durchaus schlagfertig sein und Humor an den Tag legen. Beispiele gefällig?

 

1. Barack Obama

 

Merkel hatte Barrack Obama 2008 verwehrt, als damaliger Präsidentschaftskandidat bei einem Berlin-Besuch am Brandenburger Tor zu sprechen. Daraufhin folgt lange Zeit kein entsprechender Besuch mehr in Berlin. Am 7. Juni 2011 entgegnete sie auf die Debatte, dass er einen Bogen um Berlin mache; „Ich kann versprechen, das Brandenburger Tor steht noch eine Weile.“

 

 

2. Kanzlerschaft

 

Am 17. September 2012 beantwortete sie die Frage, wie sich eine Große Koalition von einer schwarz-gelben Koalition unterscheidet: „In einer Großen Koalition gibt es immer noch einen Partner, der möchte auch den Kanzler stellen. … Herr Rösler ist gerne Vizekanzler und das kann ich gut verstehen.“

 

 

3. FDP

 

Am 4. Dezember 2012 sagte sie auf dem CDU-Parteitag zu den Turbulenzen in der Koalition mit dem damaligen Koalitionspartner FDP; „Auch mir hat eine Satiresendung schon einmal richtig aus der Seele gesprochen, als es dort hieß: Gott hat die FDP vielleicht nur erschaffen, um uns zu prüfen.“

 

 

4. CSU

 

Am 19. Oktober 2012 sagte sie in Richtung CSU-Parteivorsitzenden Horst Seehofer: „Wir machen es uns nicht zu jeder Sekunde einfach. Das ist so eine Art Test, wer noch wie viel Kraft hat.“

 

 

5. Durchhaltevermögen

 

Im Gespräch mit der Frauenzeitschrift Brigitte antwortete sie am 2. Mai 2013 auf die Frage, ob sie wirklich nur vier Stunden Schlaf brauche; „Nein. Ich habe gewisse kamelartige Fähigkeiten. Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber dann muss ich mal wieder auftanken.“

 

 

 

Redeaufbau

 

Während manche vermutlich länger vorbereiteten Reden oder Ansprachen eine durchdachte Redestruktur erkennen lassen, ist dies bei spontanen Beiträgen schwer erkennbar oder folgt einem, für sie typischen, unspektakulären Format. Berechenbarer Einstieg, Begrüßung, Themeneinheit, Themeneinheit, Themeneinheit, … , Verabschiedung. Das ist schade, weil sich durch einen strategischen Redeaufbau die Wirkung deutlich steigern lässt; es ist interessante zuzuhören und bringt die Menschen dazu sich für etwas einzusetzen.

 

Beispiel:

  • Szene bei YouTube (externer Link)
    Wenig bewegende Rede mit verhaltenem Applaus beim EPP Congress in Dublin

 

 

 

Ausstrahlung

 

Aufgefordert, sie zu beschreiben, nennen viele ihre Nüchternheit und ihre Reserviertheit  als besonders auffällig. Vor der Flüchtlingskrise war das Bild, das sich die Welt von Angela Merkel macht, eine Mischung aus Bewunderung und Kritik. Ihre Beschreibung hatte große Ähnlichkeit mit dem Bild der Deutschen überhaupt: Effizienz und Bodenständigkeit, gepaart mit unterkühlter Arroganz bei gleichzeitig ungelenken, fast schüchternem Auftreten. Mit der Wirtschaftskrise und Griechenland änderte sich im Ausland die Wahrnehmung von ihr, während ihr Ansehen in Deutschland weitgehend kontinuierlich war. Viele Deutsche betrachteten sie als beständigen Faktor. Seit der Flüchtlingskrise fallen nicht nur im Ausland die Beschreibungen recht unterschiedlich aus. Sie sind oft nicht sehr schmeichelhaft. Aber, das sind ja auch nicht ihre Wähler. Wobei ihr auch innerparteilich nun mitunter Gegenwind entgegenweht.

Nun, das kennt sie ja. Sie sagte am 16. November 2012, nach ihrer Kritik an der Menschenrechtspolitik von Russlands Präsident Wladimir Putin und unter Verweis auf die häufige Kritik an ihr in Deutschland; „Wenn ich da immer gleich eingeschnappt wäre, könnte ich keine drei Tage Bundeskanzlerin sein.“

 

 

1. Selbstkontrolle

 

Zwischenrufe quittiert sie oft nur mit minimalen Regungen. Sie legt viel Selbstdisziplin an den Tag, wenn es darum geht, nicht auf Provokationen zu reagieren. Das und die Bereitschaft des konstruktiven Streitens vermissen allerdings viele Beobachter. Schließlich belebt das die Demokratie. Blutleere Debatten sind die Folge.

„Ja, es ist ein großer Vorteil aus DDR-Zeiten, dass man gelernt hat zu schweigen. Das war eine der Überlebensstrategien“, sagte sie schon einige Zeit vor der Vereidigung zur Kanzlerin zu ihrer Biografin Evelyn Roll.

 

Beispiel:

  • Szene bei YouTube (externer Link)

 

 

2. Emotionen

 

Bei ihren Auftritten wirkt sie bei emotionalen Anforderungen überfordert auf mich. Das scheint ihr unangenehm zu sein. Ich denke da vor allem an die Szene, bei der es eine Diskussionsrunde um die Flüchtlingspolitik gab und ein weinendes Mädchen ihren Auftritt durcheinanderbrachte. Ihr Versuch, mit der Situation umzugehen, wirkte äußerst unbeholfen und aus der Sicht mancher Zuschauer sogar zynisch. Ist sie in dieser Situation ihrer Rolle als Bundeskanzlerin treu und somit authentisch geblieben, weil sie nichts versprochen hat, dass nicht in die Strategie passte?

Gerade emotionale Moment stecken voller Chancen. Wer die Massen bewegen will, nutzt solche Momente.

Beispiel:

 

 

 

Entwicklung

 

Unser Anspruch heißt: Wir wollen Volkspartei bleiben, auch im 21. Jahrhundert. … Wir wollen die große Volkspartei der Mitte sein.

Angela Merkel am Wahlabend des 27. September 2009

 

Die in vielen Augen als so konturlose geltende Kanzlerin gehört zu den wenigen Politikern, die sich ihre Persönlichkeit weitgehend bewahrt haben. Merkel war bereits 35 Jahre alt, als sie in die Politik ging. In diesem Alter ändert sich nicht mehr so leicht die gesamte Persönlichkeit.

Im Laufe der Jahre hat sich die Rhetorik der Bundeskanzlerin trotz offensichtlich ungenutzter Potenziale nur relativ wenig entwickelt. Ihr Auftreten ist hingegen im Laufe der Zeit souveräner geworden.

 

 

 

Gesamteindruck

 

Sie ist sich treu geblieben. Die Bundeskanzlerin verzichtet auf viele klassische Möglichkeiten, um sich und ihr Angebot überzeugend zu präsentieren. Sie vermeidet, was sonst als erstrebenswert gilt; eine Beziehung zum Publikum zu fördern, es zu aktivieren. Sie erklärt, wie die Dinge sind, anstatt für etwas zu werben oder gar zu streiten. So wirken ihre Auftritte unnatürlich und mitunter sogar befremdlich. Wer sein Publikum für sich gewinnen will, findet hier mehr Beispiele dafür, was im üblichen Sinne hinsichtlich wirksamer Rhetorik fehlt.

 

 

 

Fazit

 

Sie ist wahrlich flexibel:

We­der ein ge­ne­rel­les Tem­po­li­mit auf Au­to­bah­nen noch eine Maut für Pkw sind mit der Union zu ma­chen.

Angela Merkel zu Spie­gel on­line am 31. Au­gust 2005

 

Wer kann ihr übelnehmen, wenn sie möglichst der öffentlichen Meinung folgt? Wenn sie merkt, wie tief unsere Angst vor den tödlichen Risiken der Atomkraftwerke verwurzelt ist, dann lässt sie die Reaktoren abschalten. Wenn ihr jemand sagt, wie ungern die Bevölkerung die Bundeswehr in Krisenregionen schickt, dann stimmt sie neuen Einsätzen nicht mehr zu. Wenn sie bemerkt, wie kritisch große Teile der Bevölkerung manches Wirtschaftsgebahren empfindet, dann schreibt sie den Mindestlohn in das Wahlprogramm. So strebt sie an, wie sie es nach der Bundestagswahl ankündigte, die Kanzlerin aller Deutschen zu sein. Und das hat für sie eine Weile recht gut funktioniert und sie zumindest bis zur Flüchtlingskrise oben gehalten.

Auf den ersten Blick ist unverständlich, weshalb sie so viele Möglichkeiten der Rhetorik ungenutzt lässt. Allerdings spricht einiges dafür, dass Angela Merkels Rhetorik durchaus Teil einer Strategie ist, die sich allerdings nur für spezielle Bereiche wie politische Organisationen eignen dürfte. Schließlich dürfen wir ihr den Zugang zu rhetorischen Beratern und Redenschreibern unterstellen.

Anmerkungen

 

In den Beiträgen der Serien Körpersprache und Rhetorik-Check geht es darum, die rhetorische Wirkung ausgewählter Personen zu analysieren. Jegliche politische Bewertung bleibt dabei außen vor und ist auch in den Kommentaren nicht erwünscht. Stattdessen geht es darum, anhand der Beispiele zu erkennen, was unter welchen Umständen funktioniert und was nicht, was lässt sich für eigene Zwecke lernen. Mit anderen Worten; es geht nicht um das Nörgeln, sondern das Aufdecken von Potenzialen.

Umfrageergebnis

 

Wie schätzen Sie die rhetorischen Fähigkeiten von Frau Angela Merkel ein?

%

Sehr gut

%

Gut

%

Befriedigend

%

Ausreichend

%

Mangelhaft

%

Ungenügend

Ergebnis einer nichtrepräsentativen Umfrage auf www.karstennoack.de (2016, n= 1308)

P.S.

 

Was ist Ihre Meinung dazu? Was ist Ihnen an der Rhetorik und den Auftritten der Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgefallen?

Die Artikel sind meist kurze Auszüge der umfangreicheren Kursunterlagen, die Teilnehmende im entsprechenden Gruppen- oder Einzeltraining oder im Coaching erhalten.

Autor: Karsten Noack
Erstveröffentlichung: 8. Oktober 2016
Überarbeitung: 8. August 2019
Englische Version:
AN: #62116
K: CNB
Ü:

Bundeskanzlerin Angela Merkel im ZDF-Sommerinterview 2016

Bundeskanzlerin Angela Merkel im ZDF-Sommerinterview 2016

Kurze Analyse des Interviews vom 10. Juli 2016 im ZDF
Bundeskanzlerin Angela Merkel im ZDF-Sommerinterview 2016

Im ZDF-Sommerinterview am 10. Juli 2016 stellte Bettina Schauten der Bundeskanzlerin Angela Merkel Fragen zu Themen wie Brexit, Flüchtlingskrise, Gauck-Nachfolge und Kanzlerkandidatur 2017.

Im ZDF-Hauptstadtstudio geschieht, was in solchen Situationen meist geschieht: Angela Merkel lässt provokante Fragen zu heiklen Themen unbeantwortet und umschifft weitgehend unbeeindruckt schwierige Themen. Und was sagt ihre Körpersprache?

 

 

 

Stichworte

 

So richtig spannend war es aus meiner Sicht nicht. Allerdings ist das selbst für eine erfahrene Journalistin wie Frau Schausten nur selten möglich Spitzenpolitiker aus der Reserve zu locken. Hier folgen ein paar Gedanken und den ausführlicheren Artikel zur Körpersprache und einen Rhetorik-Check finden Sie auf www.karstennoack.de im Blog.

 

 

 

Wo ist die Merkelraute geblieben?

 

Es mag auch an der Sitzhaltung und der Kameraführung gelegen haben; die Merkelraute ist mir nicht aufgefallen. Ich habe mir zwischendurch allerdings auch einen anregenden Kaffee geholt, da ich das Interview ansonsten als etwas unspektakulär empfand.

 

 

 

Brexit

 

Angela Merkel hält den Brexit für unumkehrbar und ihre Körpersprache sagt nichts Widersprüchliches dazu.

 

 

 

Kanzlerkandidatur 2017

 

Auf die Frage, ob sie sich bereits entschieden habe, ob sie 2017 wieder als Kanzlerkandidatin der Union antritt, antwortete sie nicht. Von ihrer Mimik lässt sich keine eindeutige unbewusste Entscheidung ablesen.

 

 

 

Doktorarbeit

 

Als sie mit dem Thema Promotion konfrontiert wird, taucht für einen Sekundenbruchteil eine Veränderung im Gesichtsausdruck auf; die Lippen sind nach außen gezogen und die Augenbrauen hochgezogen. Kurz darauf zeigt sie Anzeichen von Erleichterung.

 

 

 

Gesamteindruck

 

Insgesamt wirkt Angela Merkel recht souverän in diesem Interview. Sie lässt sich nur darauf ein, worauf sie will. Dabei sind kaum Hinweise als Stressreaktionen zu finden, sogar Hinweise für echte Freude sind erkennbar, an denen gleich zahlreiche Muskeln im Gesicht (Ducenne-Lächeln) einschließlich der Augen beteiligt sind. Wenn Sie angestrengt ist, verspricht sie sich etwas und wir hören so manches Äh beispielsweise bei den Arbeitsplatzzahlen. „Schauen Sie…” Auf die meisten Fragen antwortet sie wie üblich, indem sie die Dinge erklärt, so wie sie nun mal (aus ihrer Sicht) sind. Es gelingt ihr sich nicht das Heft aus der Hand nehmen zu lassen.

 

 

 

Sie wollen sich eine eigene Meinung machen?

 

Schauen Sie sich doch in Ruhe das gesamte Sommerinterview an. Der ausführliche Artikel Rhetorik-Check und Körpersprache der Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt Ihnen Hinweise, worauf Sie hinsichtlich Ausstrahlung, Sprache, Redeaufbau, Mimik, Gestik, Stimme, und Strategien achten können. Viel Spaß!

 

 

 

P.S.

 

Und was fällt Ihnen auf? Was hat Sie verbal und insbesondere körpersprachlich überzeugt und was nicht?

Ergänzende Artikel

 

Interviewabbruch: Und Tschüss! Ein Interview abbrechen.

Interviewabbruch: Und Tschüss! Ein Interview abbrechen.

Ist das so eine gute Idee?
Ein Interview abbrechen. Ist das so eine gute Idee?

Interview abbrechen? Wann ein Abbruch sinnvoll ist – und wie du souverän bleibst

 

Das Interview läuft.

Die ersten Fragen entsprechen ungefähr dem, was vereinbart war.

Dann verändert sich etwas.

Der Journalist wechselt das Thema.

Eine Frage überschreitet eine Grenze.

Eine Behauptung steht plötzlich im Raum.

Vielleicht werden Absprachen verletzt.

Und du denkst:

Soll ich dieses Interview abbrechen?

Eine schwierige Entscheidung.

Denn einfach aufzustehen kann dramatischer wirken als die Frage, die den Abbruch ausgelöst hat.

Gleichzeitig gibt es Situationen, in denen es vollkommen angemessen sein kann, ein Interview zu beenden.

Entscheidend ist deshalb weniger:

„Darf ich abbrechen?“

Die bessere Frage lautet:

„Welche Reaktion dient meiner Situation, meiner Botschaft und meiner Glaubwürdigkeit jetzt am besten?“

 

 

 

Ein Interviewabbruch ist selbst eine Botschaft

 

Das ist der erste Punkt, den du berücksichtigen solltest.

Sobald du ein Interview abbrichst, entsteht ein neues Ereignis.

Plötzlich lautet die Geschichte möglicherweise weniger:

„Was wurde gefragt?“

Sondern:

„Warum wollte diese Person darauf keine Antwort geben?“

Der Abbruch kann gefilmt werden.

Er kann zitiert werden.

Er kann zum Ausschnitt in sozialen Medien werden.

Und er kann stärker im Gedächtnis bleiben als alles, was du vorher gesagt hast.

Deshalb ist ein Interviewabbruch selten einfach das Ende der Kommunikation.

Er ist Kommunikation.

 

 

 

Unangenehme Fragen sind noch kein Grund zum Abbruch

 

Journalisten dürfen kritisch fragen.

Das gehört zu ihrer Aufgabe.

Eine Frage kann:

unangenehm,

hartnäckig,

skeptisch,

provokant

oder überraschend sein.

Das allein macht sie noch keineswegs unangemessen.

Gerade Menschen in verantwortungsvollen oder öffentlichen Positionen sollten damit rechnen, dass auch schwierige Themen angesprochen werden.

Deshalb gilt:

Unangenehm ist etwas anderes als unzulässig.

Diese Unterscheidung ist wichtig.

 

 

 

Wann ein Abbruch erwogen werden kann

 

Es gibt Situationen, in denen ein Abbruch durchaus sinnvoll sein kann.

Zum Beispiel, wenn wesentliche Vereinbarungen über das Format bewusst verletzt werden.

Wenn ein Gespräch in eine Form übergeht, der du so niemals zugestimmt hast.

Wenn rechtliche, persönliche oder sicherheitsrelevante Grenzen betroffen sind.

Wenn ein Gesprächspartner wiederholt beleidigend oder übergriffig wird.

Wenn die Situation so verändert wurde, dass eine faire Kommunikation kaum noch möglich ist.

Oder wenn du erkennst:

Die Fortsetzung richtet voraussichtlich größeren Schaden an als ein klar begründeter Abbruch.

Das ist eine Abwägungsentscheidung.

Keine Reflexhandlung.

 

 

 

Erst prüfen: Muss ich wirklich abbrechen?

 

Zwischen „weiterreden wie bisher“ und „aufstehen und gehen“ gibt es zahlreiche Möglichkeiten.

Und häufig sind sie besser.

Du kannst eine Frage zurückweisen.

Du kannst eine falsche Voraussetzung korrigieren.

Du kannst eine Grenze benennen.

Du kannst zum vereinbarten Thema zurückführen.

Du kannst eine Unterbrechung verlangen.

Du kannst die Frage neu rahmen.

Oder sagen:

„Dazu kann ich Ihnen heute keine belastbare Auskunft geben.“

Deshalb würde ich vor einem Abbruch innerlich prüfen:

Gibt es eine souveränere Zwischenstufe?

 

 

 

Schwierige Frage oder falsche Voraussetzung?

 

Manche Fragen enthalten bereits eine Behauptung.

Zum Beispiel:

„Warum haben Sie Ihre Mitarbeiter über diese Entscheidung getäuscht?“

Wer jetzt unmittelbar antwortet, akzeptiert möglicherweise bereits die Voraussetzung, dass eine Täuschung stattgefunden hat.

Dann ist Klärung sinnvoll:

„Diese Voraussetzung teile ich nicht. Lassen Sie uns zunächst klären, worauf Sie diese Behauptung stützen.“

Damit beantwortest du keineswegs blind die gestellte Frage.

Du prüfst zuerst ihren Rahmen.

Das ist häufig wesentlich souveräner als ein Abbruch.

 

 

 

Du musst keineswegs jede Frage beantworten

 

Auch das wird manchmal vergessen.

Ein Interview ist kein Verhör.

Du kannst sagen:

„Dazu äußere ich mich derzeit nicht.“

Oder:

„Über persönliche Angelegenheiten meiner Familie spreche ich in diesem Interview nicht.“

Oder:

„Dazu läuft derzeit ein Verfahren. Deshalb werde ich diesen Punkt hier nicht kommentieren.“

Oder schlicht:

„Diese Frage kann ich Ihnen heute nicht beantworten.“

Wichtig ist, dass du anschließend bei deiner Position bleibst.

 

 

 

Grenzen brauchen Klarheit

 

Eine schwammige Grenze lädt häufig zu weiteren Versuchen ein.

„Darüber würde ich eigentlich lieber nicht sprechen …“

klingt verhandelbar.

Wenn du eine echte Grenze meinst, darf sie eindeutig sein:

„Dieses Thema gehört nicht zu diesem Gespräch. Dazu werde ich mich nicht äußern.“

Ruhig.

Kurz.

Ohne Angriff.

Ohne lange Rechtfertigung.

Je länger du deine Grenze erklärst, desto mehr Material lieferst du häufig für die nächste Frage.

 

 

 

Die gefährlichste Phase: emotional reagieren

 

Eine überraschende Frage kann innerhalb weniger Sekunden viel auslösen.

Ärger.

Angst.

Empörung.

Scham.

Den Wunsch, sich sofort zu verteidigen.

Dann steigt das Risiko, etwas zu sagen, das du wenige Minuten später anders formulieren würdest.

Deshalb ist Selbststeuerung ein wesentlicher Teil guter Medienkommunikation.

Ein kurzer Moment hilft.

Atmen.

Blickkontakt halten.

Frage verstehen.

Dann antworten.

Du musst das Tempo des Journalisten keineswegs zu deinem inneren Tempo machen.

 

 

 

Was du bei einem Abbruch möglichst vermeiden solltest

 

Besonders ungünstig ist ein halbherziger Abbruch.

Du kündigst an zu gehen.

Stehst auf.

Antwortest trotzdem weiter.

Drehst dich wieder um.

Diskutierst im Gehen.

Kommst noch einmal zurück.

Jetzt hast du einen Teil der Kontrolle abgegeben und gleichzeitig den Abbruch dramatisiert.

Wenn du dich nach sorgfältiger Abwägung entscheidest, ein Interview zu beenden, sollte die Entscheidung möglichst klar sein.

Entscheiden. Begründen. Beenden.

 

 

 

Wie kann ein professioneller Interviewabbruch aussehen?

 

Eine mögliche Struktur besteht aus drei Schritten.

 

1. Grenze benennen

„Wir hatten für dieses Gespräch einen anderen thematischen Rahmen vereinbart.“

 

2. Konsequenz formulieren

„Unter diesen Bedingungen möchte ich das Interview nicht fortsetzen.“

 

3. Beenden

„Deshalb beende ich das Gespräch an dieser Stelle. Vielen Dank.“

 

Dann Ende.

Keine zusätzliche Debatte.

Keine Rechtfertigungsschleife.

Keine Bemerkung im Weggehen, die anschließend zur Schlagzeile wird.

 

 

 

Bleib professionell, gerade wenn du dich unfair behandelt fühlst

 

Vielleicht bist du vollkommen überzeugt:

Das war unfair.

Gerade dann ist Vorsicht hilfreich.

Denn dein Publikum kennt möglicherweise die Vorgeschichte kaum.

Es sieht einen Ausschnitt.

Und bewertet dein Verhalten.

Deshalb sollte deine Reaktion auch für Menschen nachvollziehbar sein, die deine Sicht der Dinge noch gar nicht teilen.

Souveränität zeigt sich besonders dann, wenn du dich provoziert fühlst.

 

 

 

Körpersprache wird plötzlich besonders sichtbar

 

Bei einem schwierigen Interview steigt die Aufmerksamkeit für jede Veränderung.

Stimme.

Sprechtempo.

Atmung.

Blickkontakt.

Gesichtsausdruck.

Bewegungen.

Das bedeutet keineswegs, dass du Körpersprache künstlich kontrollieren solltest.

Der bessere Ansatz liegt vorher:

Innere Orientierung reduziert äußere Unruhe.

Wenn du weißt, welche Themen schwierig werden könnten, welche Grenzen gelten und welche Botschaften du vertreten möchtest, besitzt du im entscheidenden Moment mehr Handlungsmöglichkeiten.

 

 

 

Keine Körpersprache-Diagnosen

 

Ein wichtiger Punkt:

Nervosität beweist keine Lüge.

Blickverhalten beweist keine Schuld.

Lippenbewegungen beweisen keine Täuschung.

Menschen reagieren unter Druck unterschiedlich.

Deshalb würde ich Körpersprache weniger als Lügendetektor betrachten.

Interessanter sind Veränderungen:

Wann verändert sich das Verhalten?

In welchem Zusammenhang?

Und welche alternativen Erklärungen gibt es?

Beobachten ist sinnvoll. Gedankenlesen weniger.

 

 

 

Vorbereitung entscheidet häufig vor dem Interview

 

Viele schwierige Interviews werden lange vor der ersten Frage gewonnen oder verloren.

Eine gute Vorbereitung klärt:

Was ist der Anlass?

Wer führt das Interview?

Für welches Medium?

Welche Zielgruppe?

Live oder aufgezeichnet?

Wie lang?

Welche Themen wurden vereinbart?

Welche aktuellen Entwicklungen könnten angesprochen werden?

Welche kritischen Fragen sind wahrscheinlich?

Welche Informationen sind vertraulich?

Welche Aussagen müssen rechtlich abgestimmt sein?

Welche Botschaften möchtest du unbedingt vermitteln?

Und:

Wo liegen deine Grenzen?

 

 

 

Bereite schwierige Fragen ausdrücklich vor

 

Es bringt wenig, ausschließlich angenehme Fragen zu üben.

Die interessante Vorbereitung beginnt dort, wo du hoffst:

„Das wird hoffentlich niemand fragen.“

Genau diese Frage gehört auf den Tisch.

Was wäre eine faire Antwort?

Welche Fakten brauchst du?

Welche Formulierung ist präzise?

Wo musst du eine Grenze ziehen?

Welche Aussage wäre unnötig riskant?

Was möchtest du keinesfalls spontan improvisieren?

Gute Vorbereitung reduziert keineswegs Spontaneität.

Sie schafft sie.

 

 

 

Kenne deine Kernbotschaften

 

Bei schwierigen Fragen besteht die Gefahr, vollständig in die Agenda des Interviewers zu geraten.

Deshalb solltest du vorher wissen:

Welche zwei oder drei Aussagen sollen von diesem Interview übrig bleiben?

Das bedeutet keineswegs, Fragen zu ignorieren und stumpf vorbereitete Botschaften zu wiederholen.

Menschen merken das.

Es bedeutet:

Du kennst deinen eigenen kommunikativen Kompass.

Du beantwortest die Frage und weißt gleichzeitig, welche Zusammenhänge für deine Botschaft wichtig sind.

 

 

 

Was, wenn eine Frage überraschend kommt?

 

Dann darfst du denken.

Du darfst sagen:

„Lassen Sie mich einen Moment überlegen.“

Oder:

„Ich möchte die Frage präzise beantworten.“

Oder:

„Dazu möchte ich Ihnen lieber eine belastbare Zahl nennen, statt jetzt zu spekulieren.“

Das wirkt häufig souveräner als eine schnelle Antwort, die anschließend korrigiert werden muss.

 

 

 

Was, wenn du die Antwort nicht weißt?

 

Dann gibt es einen bemerkenswert professionellen Satz:

„Das weiß ich derzeit nicht.“

Er kann ergänzt werden:

„Ich kann Ihnen das nachreichen.“

Oder:

„Dafür ist meine Kollegin die bessere Ansprechpartnerin.“

Kompetenz bedeutet keineswegs, alles zu wissen.

Sie zeigt sich auch darin, die Grenzen des eigenen Wissens zu kennen.

 

 

 

Was, wenn du einen Fehler gemacht hast?

 

Dann verändert sich die Aufgabe.

Jetzt geht es weniger darum, eine schwierige Frage „abzuwehren“.

Es geht darum, glaubwürdig Verantwortung zu übernehmen.

Eine klare Antwort kann stärker sein als zahlreiche Ausweichbewegungen.

Was ist geschehen?

Was war dein Anteil?

Was hast du daraus gelernt?

Was geschieht jetzt?

Gerade in Krisensituationen kann der Versuch, einen offensichtlichen Fehler sprachlich verschwinden zu lassen, erheblich mehr Schaden erzeugen als der ursprüngliche Fehler.

 

 

 

Der Interviewabbruch-Kompass

 

Wenn du während eines Interviews ernsthaft über einen Abbruch nachdenkst, helfen sechs Fragen:

 

1. Was genau ist gerade geschehen?

Trenne Überraschung, unangenehme Frage und tatsächliche Grenzüberschreitung.

 

2. Welche Vereinbarung oder Grenze wurde verletzt?

Kannst du sie konkret benennen?

 

3. Gibt es eine mildere und wirksamere Reaktion?

Korrigieren, begrenzen, zurückführen, pausieren?

 

4. Was passiert wahrscheinlich, wenn ich weitermache?

Welche Risiken entstehen?

 

5. Was passiert wahrscheinlich, wenn ich abbreche?

Welche Bilder, Schlagzeilen und Interpretationen können entstehen?

 

6. Welche Entscheidung kann ich anschließend am besten vertreten?

Das ist häufig die wichtigste Frage.

 

 

 

Nach einem Interviewabbruch

 

Mit dem Verlassen des Raumes ist die Kommunikation keineswegs beendet.

Jetzt braucht es möglicherweise eine abgestimmte Reaktion.

Was wird gegenüber dem Medium gesagt?

Was gegenüber Mitarbeitenden?

Was gegenüber Öffentlichkeit oder Kunden?

Gibt es eine sachliche Erklärung?

Muss etwas richtiggestellt werden?

Wer spricht?

Je größer die öffentliche Relevanz, desto wichtiger ist eine abgestimmte Nachbereitung.

 

 

 

Ein Interview abbrechen oder aushalten?

 

Es gibt keine allgemeine Antwort.

Manchmal ist Weiterreden die souveränere Entscheidung.

Manchmal eine klare Grenze.

Manchmal eine Unterbrechung.

Und gelegentlich ist der Abbruch die richtige Konsequenz.

Entscheidend ist:

Handle weniger aus dem ersten Impuls und stärker aus einer geklärten Position.

Denn unter Druck wird Kommunikation schnell zur Reaktion.

Gute Vorbereitung schafft die Möglichkeit, wieder zu entscheiden.

 

 

 

Vorbereitung auf kritische Medienauftritte

 

Bei wichtigen Interviews arbeite ich deshalb weniger mit auswendig gelernten Standardantworten.

Im individuellen Sparring können wir beispielsweise:

wahrscheinliche und unangenehme Fragen identifizieren,

Kernbotschaften schärfen,

kritische Fragen simulieren,

Antworten auf Belastbarkeit prüfen,

Grenzen definieren,

spontane Nachfragen trainieren,

verbale und nonverbale Wirkung betrachten

und verschiedene Eskalationsstufen durchspielen.

Dabei geht es weniger darum, journalistischen Fragen auszuweichen.

Es geht darum, auch unter Druck klar, glaubwürdig und handlungsfähig zu bleiben.

 

 

 

Fazit: Ein Abbruch ist die letzte Eskalationsstufe

 

Ein schwieriges Interview muss keineswegs ein schlechtes Interview sein.

Kritische Fragen gehören dazu.

Überraschungen ebenfalls.

Entscheidend ist, wie du damit umgehst.

Korrigiere falsche Voraussetzungen.

Beantworte berechtigte Fragen.

Benenne Grenzen.

Vermeide Spekulationen.

Bleib bei dem, was du weißt und vertreten kannst.

Und wenn eine Situation tatsächlich einen Abbruch verlangt:

Triff die Entscheidung bewusst. Kommuniziere sie klar. Und ziehe sie ruhig durch.

Denn bei einem Medienauftritt wird auch die Art, wie du eine schwierige Situation beendest, Teil deiner Botschaft.

P.S.​

 

Wie steht es mit Fragen oder Kommentaren dazu?

Autor: Karsten Noack
Erstveröffentlichung: 21. Mai 2004
Überarbeitung: 02. Mai 2026

Der schöne Schein: Körpersprache in der Politik am Beispiel Hillary Clinton

Der schöne Schein: Körpersprache in der Politik am Beispiel Hillary Clinton

Mit Persönlichkeit und Botschaft überzeugen. Was sich von anderen Personen lernen lässt.
Hillary Clinton's Körpersprache

Körpersprache in der Politik

 

Überzeugende Körpersprache ist ein mächtiger Verbündeter für alle, die an der Unterstützung durch andere Menschen interessiert sind. Sie hilft Politikern gewählt zu werden. Das ist spätestens seit der ersten Fernsehdebatte, 1960 zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy Jr., bekannt. Damals erholte sich Nixon gerade von einer Verletzung und verzichtete noch dazu auf etwas Kosmetik, obwohl er nicht fit aussah. Während des Interviews schwitzte er und sah unsicher aus. Kennedy wirkte hingegen jung, leistungsfähig und souverän. Die überwiegende Anzahl der Fernsehzuschauer war von Kennedy überzeugt, während die Zuhörer vor dem Radio Nixon für überzeugender hielten. Zu sehen bei YouTube™ (externer Link).

Also kein Wunder, dass Körpersprache und sonstige nonverbale Kommunikation gerade in solchen Bereichen möglichst nicht dem Zufall überlassen werden. So gibt es im US-Wahlkampf stets eine Menge über Körpersprache zu lernen.

 

 

 

Hillary Clinton’s Körpersprache

 

In diesem Artikel widme ich mich einigen Beobachtungen zur Körpersprache von Hillary Clinton. Material zur Auswertung steht ja reichlich zur Verfügung.

Im Wahlkampf wirken Hillary Clinton’s Auftritte sehr einstudiert. Da wird möglichst nichts dem Zufall überlassen. Aber irgendetwas fehlt trotzdem — oder gerade deswegen. Sie wirkt dabei nicht authentisch, etwas menschliches fehlt. Da ist keine Leichtigkeit die für Souveränität steht. Ihr Lächeln scheint angestrengt und eingefroren. Es drängt sich der Vergleich mit Bill Clinton auf. Bei ihm wirkt alles etwas lockerer, sympathischer. Er wusste und weiß auch heute noch die Menschen für sich einzunehmen. Wenn er sich am gleichen Ort befindet, strahlt er noch immer etwas mehr aus als Hillary, selbst wenn er nichts sagt. Das dürfte sich auf sie wohl auch zwiespältig auswirken und zu manch einer nonverbalen Reaktion beitragen.

 

 

1. Ekstase

 

Schon in früherer Zeit zeigte sie gerne mit dem Finger in die Menge, so, als würde sie lauter bekannte Gesichter im Publikum erkennen. Auch heute wirkt das bei genauerer Betrachtung zu inszeniert. Auf Fotos mag es gut aussehen und für die Medien ist es wohl auch gedacht.

Auch Mimik und Gestik sind maximal ausgeprägt. Bei ihren Anhängern mag das anders wirken, es gib kulturelle Unterschiede. Für den deutschen Beobachter erinnern besonders die oft extrem weit aufgerissenen Augen und der ebenso weit geöffnete Unterkiefer etwas an die eigenartige Art und Weise der Verkaufspräsentationen auf den Tele-Shopping-Kanälen. Auch Ihr Klatschen wirkt in diesem Sinne etwas eigenartig.

 

 

2. Stimme

 

Hillary Clinton passt ihre Sprechgeschwindigkeit dem Publikum an. Sie spricht langsamer bei Reden im Süden und spricht schneller in New York.

 

 

3. Lächeln

 

Ihr Lächeln erreicht oft nicht die Augen. Auch die bei einem herzlichen Lächeln beteiligten Muskeln um die Lippen herum sind selten aktiv. So entsteht kein Duchenne-Lächeln, das als echtes Lächeln gilt. So ein unvollständiges Lächeln wird eingesetzt, um tatsächliche Emotionen zu maskieren.

 

 

4. Mögliche Hinweise auf Unsicherheit

 

Es ist ihr gut anzusehen, wenn sie sich unwohl fühlt. Sie strahlt dann mehrere Hinweise aus. Ein Beispiel: In einigen verfügbaren Interviewsituationen hebt Hilary Clinton wiederholt für einen kurzen Moment ihre Schultern. Es geschieht unbewusst und ist so kurz, dass es nur bei aufmerksamer Beobachtung vom Publikum bewusst registriert wird. Unbewusst wird es trotzdem aufgenommen. Da sie es an Stellen tut, an denen sie sich nicht wohl zu fühlen scheint, ist dies ein möglicher Hinweis auf Unsicherheit. Die persönliche Verbindung zur aktuellen Botschaft ist dann zu hinterfragen.

Ein anderer oft zu sehender Hinweis auf Unsicherheit ist ihr Lippenlecken. Außerdem versteckt sie manchmal ihre Daumen.

 

 

5. Glaubwürdigkeit

 

Sie sagt; „I’m very comfortable” und zieht dabei die äußeren Augenbrauen hoch. Etwas, dass als Hinweis für Unsicherheit gilt. Sie sagt „I want the American people to see everything.” und schließt die Augen.

Nachdem sie in einer Sendung von Anderson Cooper zu einer Zahlung von Goldman Sachs gefragt wurde, machte sie 2 Schritte nach hinten, während sie antwortet. Zu sehen in der Videoreferenz bei YouTube™ (externer Link). Solche Symbolik schadet der Glaubwürdigkeit der in diesem Fall gegensätzlichen Botschaft.

 

 

6. Sie ist routiniert

 

Sie ist ein Profi; routiniert, zu kontrolliert und genau das wird zu sehr deutlich, da es häufiger im Widerspruch zur Körpersprache steht. Auf jede Frage liefert sie eine Antwort. Sie wirkt durchaus kompetent. Doch Sympathie lässt sich so aufgesetzt nur schwer fördern. Es wirkt so zu berechnend, maskiert. Bei der Wahrnehmung Ihrer Auftritte spielen bei vielen Betrachtern sicher auch ältere Erfahrungen mit ihr eine Rolle. Seit der Lewinsky-Affäre haben viele Menschen den Eindruck sie sei zu berechnend und es fehlen ihr die Emotionen. Sie würde sich einen großen Gefallen tun, an diesem Eindruck zu arbeiten.

 

 

7. Aggressivität

 

Ihre Körpersprache ist eher männlich und aggressiv. Oft wirkt es, als wenn einer ihrer Finger wie der Lauf einer Waffe zielt.

 

 

 

Fazit

 

Etwas mehr Menschlichkeit an den Tag zu legen würde ihrer Ausstrahlung gut tun. Und etwas lockerer würde sie souveräner wirken. Sollte sie die Vorwahlen und schließlich auch die Präsidentschaftswahlen in den USA gewinnen, wird es interessant zu beobachten, ob und wenn ja, wie sich ihre Körpersprache verändert. Ich gehe davon aus, dass es in diesem Fall nach kurzer Zeit einige Unterschiede zu beobachten gibt.

 

 

 

Tipp

 

Beim Betrachten der Körpersprache hilft es bei einem Durchlauf den Ton abzustellen. So lassen sich eigenwillige Hinweise bei Gestik und Mimik leichter erkennen. Um die blitzschnellen Mikrohinweise einzufangen ist HD-Video und häufiges Drücken der Pausentaste erforderlich.

 

Anmerkungen

 

In den Beiträgen der Serien Körpersprache und Rhetorik-Check geht es darum, die rhetorische Wirkung ausgewählter Personen zu analysieren. Jegliche politische Bewertung bleibt dabei außen vor und ist auch in den Kommentaren nicht erwünscht. Stattdessen geht es darum, anhand der Beispiele zu erkennen, was unter welchen Umständen funktioniert und was nicht, was lässt sich für eigene Zwecke lernen. Mit anderen Worten; es geht nicht um das Nörgeln, sondern das Aufdecken von Potenzialen.

Von George Clooney’s Körpersprache lernen

Was wir von George Clooney's Körpersprache lernen können

Ausstrahlung und Wirkung
Bild: Janna Falkenstein, Steffi Stoye, Karsten Noack. Was wir von George Clooney's Körpersprache lernen können

Überblick

 

 

 

 

Was wir von Georg Clooney’s Körpersprache lernen können

 

Saul: „Glaubst Du, wir marschieren da einfach so raus, mit 150 Millionen Dollar in der Hand?” Danny: „Ja.”

Danny Ocean (George Clooney in Ocean’s Eleven)

 

Die Berlinale naht, Stars und Sternchen rollen an. Da gibt es durchaus auch für mich etwas zu tun. In einem Beitrag für RBB zur Körpersprache von George Clooney geht es darum, wie er diese Ausstrahlung, diese Wirkung auf das Publikum zustande bringt.

Und weil es diesmal wohl kein persönliches Treffen mit Herrn Clooney geben wird — eigentlich schade, schließlich ist der Zoopalast gleich gegenüber meines Büros — nutze ich für meine Thesen Anschauungsmaterial aus dem Internet. Da gibt es ja einige Videos mit ihm; darunter Interviews und Besuche bei ihm zu Hause.

 

 

Analyse

 

In diesen Aufzeichnungen gibt er sich sehr konsistent. Die meisten für ihn typischen körpersprachlichen Elemente signalisieren einen hohen Status, wobei es ihm gelingt dabei sehr sympathisch, ja sogar charmant zu wirken.

 

Hochstatussignale, die häufig bei George Clooney zu beobachten sind:

  • Körperhaltung ruhig und gelassen
  • Er nimmt auf eine entspannte Weise Raum ein
  • Sprechgeschwindigkeit eher langsamer
  • Tiefere Stimmlage bei entspanntem Sprechrhythmus
  • Bewusste Gestik ausgeprägt im Raum zwischen Hals und Hüfte
  • Sicher auf beiden Beinen stehend
  • Aufrechte Haltung mit angemessener Körperspannung
  • Sicherer Augenkontakt

 

Überhaupt wirkt er so, als würde ihn kaum etwas aus der Ruhe bringen. Selten bei ihm zu sehen sind Hinweise, die auf Unsicherheit und Tiefstatus hinweisen.

Solche Hinweise wären:

  • Unruhige, schnelle Körperbewegungen
  • Sehr häufiges Blinzeln mit den Augenlidern
  • Verschränkte Beine
  • Wenig Raum einnehmen
  • Geringe Körperspannung
  • Wilde Gesten sowohl über dem Kopf als auch unter der Hüfte
  • Schnell und hoch sprechen
  • Auf einem Bein stehen, meist mit gekippter Hüfte und wechselndem Standbein
  • Viele unnötige Bewegungen
  • Hängende Schultern, gebückte Haltung
  • Unruhiger, wandernder Blick

 

Er berührt sich regelmäßig selbst. Und üblicherweise gelten solche Berührungen, insbesondere am Kopf oder im Gesicht, als Hinweise für Unsicherheit. Doch das wirkt in seinem Fall nicht so. Er setzt seine Finger häufig dafür ein, um sich und Dinge, die sich um ihn herum befinden, auf eine ganz eigene vorsichtige, eher achtsame Art zu berühren, als würde er sie erkunden. Es passt zu seiner jungenhaften Art, die sich erstaunlich gut zu den grauen Haaren macht. Er vermittelt gleichzeitig eigentlich gegensätzliche Eigenschaften; beispielsweise diese Verschmitztheit – als wenn er es faustdick hinter den Ohren hat – und gleichzeitig Vertrauenswürdigkeit. Eine interessante Mischung. Und das gelingt nicht vielen!

 

 

 

Wohlfühlfaktor

 

Clooney wirkt als wenn er sich wohlfühlt und das so, das es abfärbt. Er sieht so aus, als wenn er mit sich im Reinen ist. Wobei sich bei der Deutung immer die Zuschreibungen einmischen, die jeder automatisch macht, der schon von ihm gehört oder ihn in seiner Filmrolle beispielsweise als Danny Ocean gesehen hat. Ob das alles so ist? Wer weiß, er wirkt jedenfalls authentisch. Dass er dabei gerne eine Portion Selbstironie zeigt, schadet nicht.

 

 

 

Nachschlag?

 

Alles Weitere gibt es beim RBB in der Sendung zibb. Infos im Pressespiegel. Janna Falkenstein wird prüfen, ob sie mit meinen Hinweisen, als George Clooney verkleidet, auf den roten Teppich kommt.

P.S.

 

Wie finden Sie das Auftreten von George Clooney? Gibt es da etwas zu lernen?

Autor: Karsten Noack 
Erstveröffentlichung: 3. Februar 2016
Überarbeitung: 02. Mai 2026
AN: #43348
K:
Ü:

So erzeugt Ihr Lächeln gute Gefühle und wirkt Wunder

So erzeugt Ihr Lächeln gute Gefühle und wirkt Wunder

Ausstrahlung und Wirkung: Lächeln macht glücklich!

Lächeln erzeugt gute Gefühle und wirkt Wunder

Lächeln erzeugt gute Gefühle und wirkt Wunder

 

Ein echtes Lächeln regt nicht nur das eigene Wohlbefinden an und bringt die Körperchemie in Bewegung, es wirkt auch auf die Umgebung.

 

 

 

Überblick

Kein Medikament ersetzt ein Lächeln.

Sprichwort

Video

Lächeln macht glücklicher

Erst, bei Start des Videos wird eine Verbindung zu YouTube™ hergestellt. Dann gelten die Datenschutzerklärungen von Google. Mehr bei den Hinweisen zum Datenschutz.

Lächeln? Alles kalter Kaffee?

 

Hat das Thema einen Bart? Die Erwähnung des Zusammenhanges zwischen Lächeln und Gefühlen empfinde ich manchmal etwas zwiespältig; er ist ja erstens weitgehend bekannt. Und zweitens wirkt es – als reine Technik – irgendwie etwas oberflächlich. Das ändert nur nichts daran, dass es stimmt! Und gerade das Offensichtliche wird gerne links liegen gelassen. Es ist einfach zu naheliegend, als dass es wertgeschätzt wird.

 

 

 

6 positive Nebenwirkungen

 

 

1. Ein echtes Lächeln wirkt Wunder

 

Ein echtes Lächeln regt nicht nur das eigene Wohlbefinden an und bringt die Körperchemie in Bewegung, es wirkt auch auf die Umgebung. Ein echtes Lächeln strahlt aus, es öffnet Herzen und Türen, hebt die Stimmung. Lächeln ist eine Wunderwaffe in der Kommunikation. Echtes Lächeln natürlich. Ein echtes Lächeln signalisiert Wohlwollen, Kooperationsbereitschaft, Vertrauen und vieles mehr.

Wieso ich so oft auf die Echtheit anspiele? Weil es mit der passenden inneren Haltung wirksamer ist als mit einer Maske.

 

 

 

2. Ansteckungsgefahr

 

Es kann nur dann ein Lächeln aus dem Spiegel schauen, wenn ein Lächelnder hineinschaut.

Chinesisches Sprichwort

 

 

 

3. Echtes Lächeln?

 

Ein echtes Lächeln kommt langsam, zeigt sich an Augenfältchen, erhellt das Gesicht und löst sich langsam wieder auf. Wenn die Augen lächeln, öffnet sich das Herz. Lächeln wir auf diese Weise jemanden an, nehmen wir positiven Einfluss. Wir machen ein unausgesprochenes Angebot. Häufig wird ein echtes Lächeln erwidert und hinterlässt Wirkung. Es ist ansteckend; die meisten Menschen lächeln automatisch zurück, wenn sie angelächelt werden. Lächeln löst dabei oft ein Gefühl der Dankbarkeit aus.

 

 

 

4. Beziehungsförderung: Lachen als Schmiermittel für die Kommunikation

 

Es gibt ein gutes Mittel, einen Freund zu gewinnen: das Lächeln. Ein offenes und freies Lächeln. Lächeln zu können, welche Macht! Es gibt mir die Macht zu beruhigen, zu lindern, auf andere einzuwirken.

Guy de Larigaudie

 

 

 

5. Vom Lächeln zum Lachen

 

Wenn das Gehirn einen entsprechenden Reiz empfängt, löst es das eigene Lachen aus. Es ist ein intensives Ganzkörpererlebnis, an dem über hundert Muskeln beteiligt sind – von der Gesichtsmuskulatur bis zur Atemmuskulatur. Bei vollem Lachen wird der ganze Körper erfasst: Der Kopf wird bewegt, der Körper biegt und krümmt sich vor Lachen. Dabei wird deutlich tiefer geatmet als sonst üblich und das wirkt sich im ganzen Körper aus. Die Körperzellen werden mit mehr Sauerstoff versorgt und die Bronchien durchflutet, Stoffwechselprozesse beschleunigt, Muskeln entspannt sowie Herz und Kreislauf angeregt.

 

 

 

6. Tiefenwirkung

 

Lachen fördert bei der Gelegenheit auch gleich noch Heilungsprozesse im Körper. Das Gehirn bremst beim Lachen beispielsweise die Produktion von Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol. Durch das Lachen werden Anspannung und Stress wie über ein Sicherheitsventil abgelassen. Und beim Lachen wird verstärkt Serotonin ausgeschüttet, das auch gerne vereinfacht, als Glückshormon bezeichnet wird. Rein in den Selbstversuch. Auch der Praxistest zeigt; wer viel lacht, fühlt sich besser. Und das ganz ohne Rezept und unerwünschte Nebenwirkungen!

P.S.

 

Welche Wirkung hat ein Lächeln?

Falten im Gesicht 
sollten nur darauf hinweisen 
wo das Lächeln war.  Mark Twain

Autor: Karsten Noack
Erstveröffentlichung: 2. Januar 2009
Überarbeitung: 8. Januar 2016
AN: #45443
Ü:
K:

Was sagt die Körpersprache von Lance Armstrong bei Oprah Winfrey?

Was sagt die Körpersprache von Lance Armstrong bei Oprah Winfrey?

Lernen Sie von Beispielen, damit Sie und Ihe Botschaft überzeugen — in Gespräche, vor der Kamera, bei Präsentionen
Körpersprache: Lance Armstrong bei Oprah Winfrey

TV-Beichte und Körpersprache: Lance Armstrong bei Oprah Winfrey

 

Von der Presse wurde ich aufgefordert spontan die Lance-Armstrong-Show hinsichtlich der Körpersprache zu betrachten. Teil 1 der von Lance Armstrong durch und durch inszenierten TV-Beichte (manche nennen sie die Häppchen-Beichte) in einer Hotelsuite in Austin / Texas. Was erwartet den Zuschauer? Wenn bei dieser Gelegenheit eine Prise echter Reue durchschimmert, könnte er zusätzliche Punkte holen. Wobei ich das nicht erwartet habe. Wer genauer die Geschichte von Lance Armstrong betrachtet, findet einige der Elemente, die typisch für Narzissmus sind.

 

 

 

Kurze Analyse

 

Ein dunkler Anzug, blaues Hemd. Das linke Bein übergeschlagen; soll das locker wirken oder ist es eine Sicherheitsbarriere?

Chance verpasst: Ich vermisse glaubhafte Signale von Reue, beispielsweise indem er den Blick regelmäßig senkt, sich kleiner macht. Das ist nicht ernsthaft zu sehen.

Er will halbwegs locker dasitzen, Oprah Winfrey direkt gegenüber. Das soll vermutlich Offenheit signalisieren. Aber er nimmt damit auch eine Schutzhaltung ein. So wirkt er sehr kontrolliert. Und wenn er lacht, lachen die Augen nicht mit. Von einem echten Lachen kann nicht die Rede sein (Duchenne-Lächeln). Das hat etwas Gezwungenes an sich.

Der ganz Auftritt ist für ein Alphamännchen wie ihn schon zurückhaltend.

Sein Versuch, die Dopingübertretungen mit seiner Krebserkrankung zu koppeln wirkt zu berechnet. Es sei erst das zweite Mal gewesen, dass er die Kontrolle über das Geschehen nicht mehr gehabt habe. „Das erste Mal war beim Krebs.‟ Doch seine vermutlich sorgfältig ausgearbeitet Argumentationskette leidet unter den zahlreichen inkongruenten körpersprachlichen Hinweisen.

Armstrong griff sich immer wieder ins Gesicht.

Wenn Armstrong im Interview besonders gestresst wirkt, zieht er seine Backenmuskeln sehr stark zusammen.

Er beißt sich häufig auf die Lippen. Hier gibt es zwei Interpretationsmöglichkeiten: Er will in dem Moment etwas nicht sagen oder sein Berater hat ihm dazu geraten, es absichtlich zu tun, um reumütiger zu wirken. So wie es damals Bill Clinton bei seinem Geständnis zu Monica Lewinsky gemacht hat. Der ist aus alledem doch recht gut hervorgegangen, oder?

In diesem Fall, obwohl der Auftritt von Armstrong sehr gut vorbereitet und gut inszeniert war, nehme ich ihm seine Aussagen nicht als echte Reue ab. Es genügt nicht zu sagen, dass es ihm leidtue. Um glaubhaft zu wirken, fehlen entsprechende Hinweise. Indem er Uneinsichtigkeit signalisierte, entwertete er seine Geständnisse.

P.S.​

 

W ?

Christian Wulff im TV-Interview: Körpersprache und Wirkung

Körpersprache von Christian Wulff im TV-Interview: eine historische Analyse

Christian Wulff im TV-Interview: Körpersprache und Wirkung
Überdurchschnittliche Reden halten

Körpersprache von Christian Wulff im TV-Interview: eine historische Analyse

 

Wie wirkte Bundespräsident Christian Wulff in seinem viel beachteten Fernsehinterview vom 4. Januar 2012?

Damals wurde ich von Spiegel Online gebeten, den Auftritt aus der Perspektive von Körpersprache und persönlicher Wirkung zu analysieren.

Das Gespräch fand zu einem Zeitpunkt statt, an dem Christian Wulff öffentlich erheblich unter Druck stand. In dem Interview von ARD und ZDF stellte er sich den Fragen von Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten und nahm zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen Stellung.

Dieser Beitrag dokumentiert meine damalige Analyse und ordnet sie zugleich aus heutiger Sicht neu ein.

Wichtig: Körpersprache erlaubt keine zuverlässigen Rückschlüsse auf Gedanken, Motive, Ehrlichkeit oder innere Zustände. Einzelne Gesten besitzen keine feste universelle Bedeutung. Seriöser ist die Frage: Welche Wirkung kann das Zusammenspiel von Haltung, Blick, Stimme und Verhalten in einem bestimmten Kontext erzeugen?

 

 

 

Historischer Kontext

 

Am 4. Januar 2012 gaben ARD und ZDF Bundespräsident Christian Wulff Gelegenheit, sich in einem ausführlichen Fernsehinterview zu den damaligen Vorwürfen zu äußern.

Das Gespräch fand im ARD-Hauptstadtstudio statt und wurde am selben Abend ausgestrahlt.

Wulff erklärte unter anderem, dass er keinen Rücktritt plane und weiterhin davon überzeugt sei, nichts Unrechtes getan zu haben, zugleich jedoch nicht alles richtig gemacht zu haben.

Der öffentliche Druck war zu diesem Zeitpunkt erheblich.

Für die Betrachtung seines Auftritts ist dieser Kontext wichtig.

Denn Körpersprache entsteht nicht im luftleeren Raum.

Ein Mensch, der in einer hochkritischen Situation öffentlich befragt wird, befindet sich in einer vollkommen anderen Lage als bei einer vorbereiteten Rede oder einem Routineinterview.

 

 

 

Die Fragen meiner damaligen Analyse

 

Im Mittelpunkt standen drei Fragen:

  • Wie wirkt Christian Wulff in diesem Interview?
  • Wie passen verbale Botschaft und nonverbale Wirkung zusammen?
  • Welche Wirkung können Haltung, Blick und Verhalten beim Publikum erzeugen?

Genau diese dritte Frage halte ich auch heute für die interessanteste.

Weniger:

„Was verrät diese Geste über den Menschen?“

Mehr:

„Welche Wirkung entsteht beim Betrachter?“

 

 

 

Körpersprache lesen: Wirkung statt Gedankenlesen

 

Frühere Körperspracheanalysen wurden häufig sehr direkt formuliert.

Eine verschränkte Haltung galt als Abwehr.

Wenig Blickkontakt als Unsicherheit.

bestimmte Augenbewegungen als Hinweis auf innere Vorgänge.

Solche eindeutigen Zuschreibungen halte ich heute für zu weitgehend.

Menschen bewegen sich aus vielen Gründen.

Eine Person kann die Arme verschränken, weil ihr kalt ist.

Sie kann nach unten schauen, weil sie nachdenkt.

Sie kann unruhig wirken, weil eine Situation ungewöhnlich belastend ist.

Ohne zusätzlichen Kontext kennen wir die Ursache nicht.

Was wir jedoch beschreiben können, ist die wahrnehmbare Wirkung.

 

 

 

Ein Auftritt unter außergewöhnlichem Druck

 

Christian Wulff saß im Interview mit leicht nach vorn geneigtem Oberkörper am Tisch.

Seine Haltung wirkte über längere Strecken kompakt und zurückgenommen.

Die Hände lagen häufig eng zusammen.

Auch die Beine und Füße wirkten in Teilen des Gesprächs eher zurückgezogen.

In der Gesamtwirkung entstand dadurch weniger das Bild eines offensiven, raumgreifenden Auftritts.

Der Auftritt wirkte über weite Strecken kontrolliert, ernst und angespannt.

Das ist zunächst eine Beschreibung der Wirkung.

Warum genau diese Haltung entstand, lässt sich daraus allein nicht sicher ableiten.

 

 

 

Amt und Person

 

Besonders interessant war damals der Kontrast zwischen zwei Rollen.

Christian Wulff trat einerseits als Privatperson auf, die sich zu persönlichen Vorwürfen äußern musste.

Gleichzeitig war er Bundespräsident.

Dieses Amt besitzt eine stark repräsentative Funktion.

Das Publikum betrachtet deshalb nicht nur:

Was sagt Christian Wulff?

Sondern auch:

Wie wirkt ein Bundespräsident in einer solchen Situation?

Damit steigen die Erwartungen an Ruhe, Klarheit, Würde und persönliche Präsenz.

 

 

 

Die Wirkung der Körperhaltung

 

Eine aufrechte, entspannte Haltung wird häufig mit Präsenz und Sicherheit verbunden.

Im Interview wirkte Wulffs Haltung dagegen phasenweise stärker nach innen orientiert.

Er richtete sich zwischendurch auf und veränderte seine Position.

In der Gesamtwirkung entstand dadurch ein Wechsel zwischen Aufrichtung und Rückzug.

Aus heutiger Sicht würde ich daraus keine Aussage über einen inneren Zustand ableiten.

Interessant ist die Wirkung:

Der Auftritt vermittelte weniger körperliche Weite und Selbstverständlichkeit, als viele Menschen möglicherweise mit einem repräsentativen Staatsamt verbinden.

 

 

 

Raum einnehmen

 

Menschen unterscheiden sich darin, wie viel Raum sie körperlich beanspruchen.

Auch Situation, Möbel, Kleidung und Gesprächsformat spielen eine Rolle.

Wulff wirkte in Teilen des Interviews eher kompakt.

Diese kompakte Haltung kann beim Betrachter einen zurückgenommenen Eindruck erzeugen.

Das ist etwas anderes als die Behauptung:

„Er wollte möglichst wenig Raum beanspruchen.“

Seine Absicht kennen wir nicht.

Wir können lediglich die sichtbare Wirkung beschreiben.

 

 

 

Blickkontakt

 

Auch beim Blickkontakt ist Vorsicht mit eindeutigen Interpretationen sinnvoll.

Menschen unterbrechen Blickkontakt beispielsweise beim Nachdenken, beim Erinnern oder beim Formulieren komplexer Antworten.

Im Interview wandert Wulffs Blick wiederholt.

Teilweise hält er den Kontakt zu den Journalisten, teilweise löst er ihn.

In einer ohnehin angespannten Situation kann dieser Wechsel beim Publikum Nervosität oder innere Belastung vermitteln.

Er beweist jedoch weder Unsicherheit noch Unehrlichkeit.

 

 

 

Unruhige Augen sind kein Lügendetektor

 

Diesen Punkt würde ich heute besonders deutlich formulieren.

Aus Augenbewegungen lässt sich kaum zuverlässig erkennen, ob ein Mensch die Wahrheit sagt.

Auch vermeintliches „Augenflackern“ erlaubt keine seriöse Aussage darüber, ob Worte und Gefühle übereinstimmen.

Was wir beschreiben können:

Unruhige Blickbewegungen können beim Publikum den Eindruck von Nervosität, hoher Konzentration oder Belastung verstärken.

Mehr sollten wir daraus ohne weitere Informationen nicht ableiten.

 

 

 

Worte und Wirkung

 

Spannend ist bei öffentlichen Auftritten häufig weniger eine einzelne Geste als das Zusammenspiel verschiedener Ebenen.

Zum Beispiel:

  • Wortwahl
  • Stimme
  • Sprechtempo
  • Pausen
  • Blick
  • Haltung
  • Mimik

Wenn diese Ebenen ähnlich wirken, entsteht beim Publikum häufig ein stimmiger Gesamteindruck.

Wenn sie sehr unterschiedlich wirken, kann Irritation entstehen.

 

 

 

Was bedeutet Kongruenz?

 

In der Kommunikationsarbeit wird häufig von Kongruenz gesprochen.

Gemeint ist:

Wirken Worte, Stimme und Körpersprache stimmig miteinander?

Auch hier sollte eine wichtige Grenze beachtet werden.

Fehlende Kongruenz beweist keine Täuschung.

Ein Mensch kann überzeugt von seiner Aussage sein und gleichzeitig:

nervös sein.

erschöpft sein.

unter enormem Druck stehen.

oder sich in einer ungewohnten Situation befinden.

Die Wirkung beim Publikum kann trotzdem widersprüchlich sein.

 

 

 

Die Stimme

 

Neben Körpersprache spielt Stimme eine erhebliche Rolle.

Eine Stimme vermittelt unter anderem:

  • Tempo
  • Spannung
  • Energie
  • Ruhe
  • Entschlossenheit

Gerade in Kriseninterviews entsteht Wirkung deshalb kaum ausschließlich durch das, was gesagt wird.

Wie etwas ausgesprochen wird, prägt die Wahrnehmung mit.

 

 

 

Warum solche Interviews so anspruchsvoll sind

 

Ein vorbereitetes Statement lässt sich proben.

Ein kritisches Interview ist dialogisch.

Fragen kommen.

Nachfragen folgen.

Antworten werden unterbrochen.

Ein Journalist greift einen Widerspruch auf.

Die nächste Frage entsteht aus der vorherigen Antwort.

Damit steigt die Belastung.

Und gleichzeitig wird spontane Selbstregulation wichtiger.

 

 

 

Executive Presence unter Druck

 

Heute würde ich den Auftritt deshalb auch unter dem Gesichtspunkt der Executive Presence betrachten.

Executive Presence zeigt sich besonders dann, wenn eine Situation schwierig wird.

Zum Beispiel:

  • bei kritischen Fragen
  • bei öffentlichem Widerspruch
  • unter Zeitdruck
  • bei persönlicher Betroffenheit
  • bei unvollständiger Kontrolle über das Gespräch

Dann wird sichtbar:

Wie stabil bleibt die Person?

Wie klar formuliert sie?

Wie geht sie mit Unsicherheit um?

Wie reagiert sie auf Druck?

 

 

 

Ruhe bedeutet nicht Emotionslosigkeit

 

Eine Person muss in einer solchen Situation kaum völlig entspannt wirken.

Das wäre möglicherweise sogar unglaubwürdig.

Ein ernstes Thema darf sich in Mimik und Stimme spiegeln.

Entscheidend ist eher:

Bleibt trotz Belastung ausreichend Klarheit und Handlungsfähigkeit erhalten?

 

 

 

Der Rahmen beeinflusst die Wahrnehmung

 

Auch das Interviewformat selbst spielt eine Rolle.

Ein Tisch.

zwei Journalisten.

ein Staatsoberhaupt.

kritische Fragen.

Großaufnahmen.

wenig Ablenkung.

Jede kleine Bewegung wird sichtbarer.

Eine Haltung, die in einem normalen Gespräch kaum auffallen würde, kann im Fernsehen erheblich stärker wirken.

 

 

 

Die Kamera vergrößert Signale

 

Vor der Kamera gilt:

Kleine Veränderungen werden groß.

Ein kurzer Blick nach unten.

ein tiefes Ausatmen.

eine Bewegung der Hände.

eine Pause.

All das bekommt durch Nahaufnahmen zusätzliche Bedeutung.

Das bedeutet allerdings erneut:

Sichtbarkeit ist nicht gleich Bedeutung.

Nur weil eine Bewegung deutlich zu sehen ist, kennen wir ihre Ursache noch nicht.

 

 

 

Welche Rolle spielen Erwartungen?

 

Menschen betrachten öffentliche Personen nicht neutral.

Sie bringen Erwartungen mit.

An einen Bundespräsidenten bestehen andere Erwartungen als an:

einen Unternehmer.

einen Wissenschaftler.

einen Schauspieler.

oder einen privaten Gesprächspartner.

Diese Erwartungen prägen die Wirkung.

Dasselbe Verhalten kann deshalb je nach Rolle vollkommen unterschiedlich bewertet werden.

 

 

 

Die Würde des Amtes als Erwartung

 

Beim Bundespräsidenten spielen symbolische Erwartungen eine besondere Rolle.

Das Amt soll repräsentieren.

integrieren.

Orientierung bieten.

Dadurch steigt auch die Erwartung an öffentliche Auftritte.

In einem Kriseninterview entsteht deshalb eine doppelte Aufgabe:

persönliche Fragen beantworten.

und gleichzeitig die Rolle des Amtes sichtbar tragen.

 

 

 

Warum Körperspracheanalysen schnell zu weit gehen

 

Öffentliche Auftritte laden zu schnellen Deutungen ein.

„Er schaut weg – also lügt er.“

„Sie verschränkt die Arme – also lehnt sie etwas ab.“

„Er berührt sein Gesicht – also ist er unsicher.“

Solche Aussagen klingen eindeutig.

Sie sind fachlich häufig kaum haltbar.

Eine einzelne Geste besitzt selten eine einzige eindeutige Bedeutung.

 

 

 

Was lässt sich sinnvoll analysieren?

 

Hilfreicher sind Fragen wie:

  • Welche Gesamtwirkung entsteht?
  • Welche Signale treten wiederholt auf?
  • Wann verändert sich das Verhalten?
  • Wie passt es zum Gesprächskontext?
  • Wie wirken Stimme, Sprache und Körper zusammen?
  • Welche Alternativerklärungen gibt es?

Damit wird aus Körpersprachebeobachtung weniger Gedankenlesen und stärker Wirkungsanalyse.

 

 

 

Was können Führungskräfte daraus lernen?

 

Auch wenn dieser Fall aus der Politik stammt, lassen sich einige kommunikative Prinzipien auf andere High-Stakes-Situationen übertragen.

Zum Beispiel:

  • Vorstandspräsentationen
  • Medieninterviews
  • Krisengespräche
  • Townhalls
  • kritische Mitarbeiterveranstaltungen
  • Verhandlungen

Je höher der Druck, desto wichtiger wird die Vorbereitung auf die Situation selbst.

 

 

1. Inhalt allein reicht nicht

 

Du kannst sachlich gute Antworten geben und trotzdem eine widersprüchliche Wirkung erzeugen.

Deshalb sollte Vorbereitung auch berücksichtigen:

  • Stimme
  • Tempo
  • Blick
  • Haltung
  • Pausen

 

2. Unter Druck wird Selbstregulation sichtbar

 

Stress verändert:

Atmung.

Stimme.

Sprechtempo.

Körperhaltung.

Aufmerksamkeit.

Wer solche Situationen vorbereitet, sollte deshalb kaum nur Antworten formulieren.

Auch der Umgang mit eigener Anspannung gehört dazu.

 

 

3. Schwierige Fragen sollten tatsächlich geprobt werden

 

Eine Liste möglicher Fragen zu lesen reicht wenig.

Hilfreicher ist eine realistische Simulation.

Jemand fragt kritisch.

hakt nach.

unterbricht.

stellt eine unangenehme Nachfrage.

Dann zeigt sich, ob die Vorbereitung trägt.

 

 

4. Weniger Rechtfertigung, mehr Klarheit

 

Unter Druck entsteht leicht der Wunsch, immer ausführlicher zu erklären.

Das kann die Wirkung schwächen.

Oft ist hilfreicher:

Frage verstehen.

direkt antworten.

kurz begründen.

Pause.

 

 

5. Körpersprache lässt sich weniger kontrollieren als Haltung

 

Wer während eines kritischen Interviews ständig denkt:

„Was mache ich mit meinen Händen?“

verliert Aufmerksamkeit.

Die bessere Vorbereitung beginnt tiefer.

Was ist meine Position?

Was weiß ich?

Was kann ich nicht beantworten?

Welche Verantwortung übernehme ich?

Welche Grenze setze ich?

Innere Klarheit unterstützt häufig auch eine ruhigere äußere Wirkung.

 

 

 

Rückblick auf Christian Wulffs Auftritt

 

Aus heutiger Sicht würde ich den damaligen Auftritt vorsichtiger interpretieren, als ich es in meiner ursprünglichen Analyse getan habe.

Ich würde kaum behaupten, einzelne Bewegungen würden eine bestimmte innere Haltung beweisen.

Was ich weiterhin interessant finde, ist die Gesamtwirkung.

Der Auftritt vermittelt über weite Strecken hohe Belastung und eine eher kompakte, kontrollierte körperliche Präsenz.

Das stand im Spannungsfeld mit den hohen Erwartungen an die repräsentative Rolle des Bundespräsidenten.

Ob und was Christian Wulff innerlich empfand, lässt sich daraus nicht zuverlässig ableiten.

 

 

 

Was danach geschah

 

Christian Wulff blieb nach dem Interview zunächst im Amt.

Am 17. Februar 2012 erklärte er seinen Rücktritt als Bundespräsident.

Der Rücktritt erfolgte nach weiteren Entwicklungen und wachsendem politischen und öffentlichen Druck.

Aus der späteren Entwicklung lässt sich jedoch rückwirkend kaum ableiten, dass bestimmte Gesten im Interview bereits etwas „verraten“ hätten.

Das wäre genau jene Überinterpretation, vor der eine seriöse Körperspracheanalyse schützen sollte.

 

 

 

Körpersprache ist kein Lügendetektor

 

Vielleicht ist das die wichtigste Ergänzung zu meiner damaligen Analyse.

Wer Körpersprache beobachtet, sollte bescheiden bleiben.

Wir sehen Verhalten.

Wir erleben Wirkung.

Wir kennen den Kontext teilweise.

Was wir nicht unmittelbar sehen:

Gedanken.

Motive.

Wahrheit.

innere Gewissheit.

Körpersprache kann Wirkung sichtbar machen. Sie erlaubt uns kaum, zuverlässig in einen Menschen hineinzuschauen.

 

 

 

Was gute Körperspracheanalyse leisten kann

 

Sie kann helfen zu verstehen:

  • wie ein Auftritt wirkt
  • wo verbale und nonverbale Signale unterschiedlich wahrgenommen werden
  • wie Stress die Wirkung verändert
  • welche Rolle Kontext spielt
  • wie Menschen ihre eigene Präsenz verbessern können

Das ist bereits sehr viel.

Dafür brauchen wir keine vermeintlichen Geheimcodes.

 

 

 

Was Führungskräfte für eigene Auftritte mitnehmen können

 

Vor einem kritischen Gespräch oder öffentlichen Auftritt lohnt sich deshalb weniger die Frage:

„Welche Körpersprache muss ich zeigen?“

Hilfreicher sind:

Was ist meine zentrale Botschaft?

Welche Verantwortung übernehme ich?

Welche Fragen werden schwierig?

Wie bleibe ich unter Druck klar?

Wie möchte ich wirken?

Passt mein Verhalten zu meiner Botschaft?

 

 

 

Der entscheidende Gedanke

 

Körpersprache beeinflusst die Wirkung eines Auftritts.

Gerade unter hohem Druck.

Doch sie ist keine geheime Sprache mit einem eindeutigen Wörterbuch.

Ein gesenkter Blick besitzt nicht automatisch eine bestimmte Bedeutung.

Verschränkte Arme beweisen keine Abwehr.

Unruhige Augen beweisen keine Unehrlichkeit.

Interessant ist das Gesamtbild.

Der Kontext.

Die Veränderung.

Und vor allem:

die Wirkung.

Beobachte Körpersprache aufmerksam. Interpretiere sie vorsichtig. Und unterscheide konsequent zwischen dem, was du siehst, und dem, was du nur vermutest.

 

 

 

Hinweis zur Entstehung dieses Beitrags

 

Die ursprüngliche Fassung dieses Artikels entstand 2012 im Zusammenhang mit einer Anfrage von Spiegel Online zur Körpersprache Christian Wulffs in seinem Fernsehinterview.

Ich habe den Beitrag später überarbeitet und aus heutiger Sicht fachlich neu eingeordnet.

Der politische Inhalt steht dabei nicht im Mittelpunkt.

Mich interessiert an diesem Beispiel die kommunikative Wirkung eines Menschen in einer außergewöhnlich anspruchsvollen öffentlichen Situation.

Solche Auftritte zeigen besonders deutlich, wie eng Sprache, Stimme, Körpersprache, Rolle, Erwartungen und Verhalten unter Druck miteinander verbunden sind.

 

 

 

Körpersprache und Executive Presence in wichtigen Situationen

 

Wenn du selbst vor einem wichtigen Auftritt, einem kritischen Gespräch oder einer Präsentation mit hoher Tragweite stehst, können wir unmittelbar an deiner tatsächlichen Situation arbeiten.

Zum Beispiel bei:

  • Vorstands- und Geschäftsführungsmeetings
  • kritischen Präsentationen
  • Medienauftritten
  • schwierigen Gesprächen
  • öffentlichen Auftritten
  • Kommunikation unter Druck

Im persönlichen 1:1 betrachten wir je nach Situation:

  • Kernbotschaft
  • Argumentation
  • Stimme
  • Körpersprache
  • persönliche Präsenz
  • kritische Fragen
  • Umgang mit Druck
  • Gesamtwirkung

Dabei geht es weniger darum, Gesten einzustudieren.

Das Ziel ist eine stimmige, glaubwürdige und tragfähige Präsenz.

Online oder persönlich in Berlin.

P.S.​

 

Fragen, Sichtweise, …? ?

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