Lobbying und Interessenvertretung: Einfluss, Transparenz und Kommunikation

Lobbying und Interessenvertretung: Wie Interessen in politische Entscheidungen einfließen

Einfluss, Transparenz und Kommunikation
Lobbying

Lobbying und Interessenvertretung: Wie Interessen in politische Entscheidungen einfließen

 

Politische Entscheidungen entstehen selten im Informationsvakuum.

Unternehmen.

Verbände.

Gewerkschaften.

Nichtregierungsorganisationen.

Wissenschaft.

Berufsgruppen.

Initiativen.

Sie alle bringen Perspektiven, Erfahrungen und Interessen in politische Prozesse ein.

Diese Interessenvertretung wird häufig als Lobbying bezeichnet.

Der Begriff löst unterschiedliche Reaktionen aus.

Für die einen gehört Lobbying selbstverständlich zu demokratischer Interessenvertretung.

Andere verbinden damit vor allem verdeckten Einfluss, ungleichen Zugang und Macht hinter verschlossenen Türen.

Beides berührt reale Aspekte des Themas.

Entscheidend ist weniger, ob Interessen vertreten werden. Entscheidend ist, wie transparent, nachvollziehbar und integer dies geschieht.

 

 

 

Was ist Lobbying?

 

Lobbying bezeichnet die organisierte Vertretung von Interessen gegenüber politischen Entscheidungsträgern und Institutionen.

Das kann beispielsweise bedeuten:

  • Informationen bereitzustellen
  • Auswirkungen geplanter Regelungen zu erläutern
  • Positionen eines Verbandes vorzutragen
  • praktische Erfahrungen aus einer Branche einzubringen
  • auf Probleme aufmerksam zu machen

Das Lobbyregister beim Deutschen Bundestag beschreibt Interessenvertretung als Einflussnahme auf Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse von Bundestag und Bundesregierung.

Gleichzeitig betont das Register ausdrücklich, dass die Vertretung gesellschaftlicher Interessen gegenüber der Politik zu demokratischen Prozessen gehört.

 

 

 

Lobbying ist nicht automatisch illegitim

 

Politische Entscheidungsträger können kaum sämtliche Folgen jeder möglichen Regelung selbst kennen.

Sie brauchen Informationen.

Zum Beispiel aus:

  • Wirtschaft
  • Wissenschaft
  • Zivilgesellschaft
  • Gewerkschaften
  • Berufsverbänden
  • Betroffenenorganisationen

Interessenvertretung kann deshalb wichtige Informationen liefern.

Sie kann auf praktische Konsequenzen hinweisen.

Und sie kann Perspektiven sichtbar machen, die sonst leicht fehlen würden.

 

 

 

Der problematische Teil beginnt bei Intransparenz und ungleichem Einfluss

 

Lobbying wird dort kritisch, wo beispielsweise:

  • Interessen verschleiert werden
  • Auftraggeber unklar bleiben
  • Informationen bewusst einseitig präsentiert werden
  • einzelne Gruppen deutlich besseren Zugang besitzen als andere
  • persönliche oder institutionelle Abhängigkeiten entstehen

Deshalb gehören Interessenvertretung und Transparenz eng zusammen.

 

 

 

Das deutsche Lobbyregister

 

Das Lobbyregister beim Deutschen Bundestag soll nachvollziehbarer machen, wer auf politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse Einfluss nehmen möchte.

Interessierte sollen erkennen können:

  • wer Interessen vertritt
  • in wessen Auftrag dies geschieht
  • welche Ziele verfolgt werden
  • welche personellen und finanziellen Ressourcen eingesetzt werden

Das Ziel ist mehr Transparenz über mögliche Einflussnahme auf Bundestag und Bundesregierung.

 

 

 

Offenheit, Transparenz, Ehrlichkeit und Integrität

 

Das Lobbyregistergesetz nennt vier zentrale Grundsätze für Interessenvertretung:

  • Offenheit
  • Transparenz
  • Ehrlichkeit
  • Integrität

Interessenvertreter müssen beim Kontakt grundsätzlich ihre Identität und ihr Anliegen offenlegen und zutreffende Angaben über sich und gegebenenfalls ihre Auftraggeber machen. Für registrierte Interessenvertreter gelten zusätzlich entsprechende Verhaltensregeln.

 

 

 

Interessenvertretung ist älter als der Begriff Lobbying

 

Menschen vertreten seit jeher Interessen.

Unternehmen tun es.

Arbeitnehmervertretungen tun es.

Berufsverbände tun es.

Umweltorganisationen tun es.

Patientenvertretungen tun es.

Auch Bürgerinitiativen tun es.

Der Begriff Lobbying sollte deshalb weniger automatisch mit einem bestimmten gesellschaftlichen Lager verbunden werden.

Die entscheidende Frage lautet:

Welche Interessen werden vertreten, wie geschieht das und wie transparent ist der Prozess?

 

 

 

Wer betreibt Lobbying?

 

Zum Beispiel:

  • Unternehmen
  • Wirtschaftsverbände
  • Gewerkschaften
  • Berufsverbände
  • NGOs
  • Stiftungen
  • Kirchen und Religionsgemeinschaften
  • Kommunen
  • Hochschulen
  • Forschungsorganisationen
  • Bürgerinitiativen

Die Interessen können dabei sehr unterschiedlich sein.

 

 

 

Was unterscheidet Lobbying von Public Affairs?

 

Die Begriffe werden teilweise synonym verwendet.

Public Affairs ist meist breiter.

Dazu können gehören:

  • politisches Monitoring
  • Stakeholderanalyse
  • Beziehungsarbeit
  • Positionierung
  • Verbandsarbeit
  • politische Kommunikation
  • Beobachtung regulatorischer Entwicklungen

Lobbying bezeichnet innerhalb dieses Feldes stärker die konkrete Interessenvertretung gegenüber politischen Entscheidungsträgern.

 

 

 

Lobbying beginnt selten erst beim Gespräch mit Politik

 

Bevor eine Position vertreten werden kann, braucht es Klarheit.

Zum Beispiel:

Was wollen wir?

Warum?

Wen betrifft das?

Welche Konsequenzen hätte unsere Position?

Welche Gegenargumente gibt es?

Wer darauf keine guten Antworten besitzt, hat weniger ein Kommunikationsproblem als ein Positionsproblem.

 

 

 

Eine belastbare Position braucht mehr als ein Eigeninteresse

 

Natürlich darf eine Interessenvertretung eigene Interessen vertreten.

Genau darum geht es.

Glaubwürdiger wird sie jedoch, wenn sie auch beantworten kann:

  • Welche Auswirkungen entstehen für andere?
  • Welche Risiken bestehen?
  • Welche Gegenargumente sind berechtigt?
  • Welche Alternativen gibt es?

Damit wird aus einer Forderung eine nachvollziehbare Position.

 

 

 

Eigene Interessen transparent machen

 

Ein Unternehmen darf sagen:

„Diese Regelung würde unsere Kosten erhöhen.“

Ein Verband darf sagen:

„Unsere Mitglieder wären davon stark betroffen.“

Das Eigeninteresse muss kaum hinter einer vermeintlich vollkommen neutralen Position versteckt werden.

Transparenz erhöht häufig die Glaubwürdigkeit.

 

 

 

Vorsicht mit dem Argument des Gemeinwohls

 

Nahezu jede Interessengruppe kann ihre eigene Position als gesellschaftlich besonders wertvoll darstellen.

Manchmal stimmt das.

Manchmal profitieren vor allem die eigenen Mitglieder.

Deshalb lohnt sich eine klare Trennung:

Was ist unser Interesse?

Welche darüber hinausgehenden Auswirkungen erwarten wir?

Diese Differenzierung macht Argumentation sauberer.

 

 

 

Stakeholderanalyse gehört dazu

 

Wer Interessen vertritt, sollte verstehen, wer an einem Thema beteiligt ist.

Zum Beispiel:

  • Wer entscheidet?
  • Wer bereitet Entscheidungen vor?
  • Wer ist betroffen?
  • Wer unterstützt?
  • Wer widerspricht?
  • Welche Gruppen besitzen relevante Informationen?

Damit gehört Lobbying eng zum Stakeholdermanagement.

 

 

 

Stakeholder verstehen bedeutet nicht Stakeholder manipulieren

 

Die Frage sollte weniger lauten:

„Wie bringe ich diesen Menschen dazu, meiner Position zuzustimmen?“

Interessanter ist:

„Welche Interessen, Verantwortlichkeiten und Einwände prägen seine Perspektive?“

Erst wenn diese verstanden sind, entsteht ein sinnvoller Dialog.

 

 

 

Die politische Perspektive ernst nehmen

 

Ein Unternehmen betrachtet ein Thema häufig durch:

Kosten.

Markt.

Wettbewerb.

Investitionen.

Eine politische Entscheidung muss möglicherweise zusätzlich berücksichtigen:

  • unterschiedliche Bevölkerungsgruppen
  • langfristige Auswirkungen
  • rechtliche Grenzen
  • Verteilungseffekte
  • andere Branchen

Interessenvertretung wird stärker, wenn sie diese Unterschiede versteht.

 

 

 

Information ist ein wichtiger Teil von Interessenvertretung

 

Politische Entscheidungen können von Fachinformationen profitieren.

Zum Beispiel:

Welche Auswirkungen hätte eine Regelung in der Praxis?

Welche Kosten entstehen?

Welche Übergangsfristen wären realistisch?

Welche unbeabsichtigten Folgen sind möglich?

Solche Informationen können wertvoll sein.

 

 

 

Information sollte überprüfbar sein

 

Gerade wenn ein Absender eigene Interessen besitzt, sollten Daten möglichst:

  • nachvollziehbar
  • überprüfbar
  • vollständig eingeordnet

sein.

Ein Diagramm mit ausgewählten Zahlen kann sehr überzeugend aussehen.

Das macht es noch nicht vollständig.

 

 

 

Fakt, Interpretation und Forderung trennen

 

Eine hilfreiche Struktur:

Fakt:

Was wissen wir?

Interpretation:

Was bedeutet das aus unserer Sicht?

Forderung:

Welche politische Entscheidung halten wir deshalb für sinnvoll?

Diese Trennung macht Interessenvertretung nachvollziehbarer.

 

 

 

Gegenargumente gehören dazu

 

Eine starke Position kennt die relevante Gegenposition.

Weniger:

„Wer dagegen ist, versteht die Realität nicht.“

Stärker:

„Für die Gegenposition sprechen A und B. Wir gewichten dennoch C stärker, weil …“

Das zeigt:

Die eigene Position ist aus einer Abwägung entstanden.

 

 

 

Steelman statt Strohmann

 

Wenn du Gegenpositionen beschreibst, formuliere sie fair.

Die stärkste Version.

Nicht eine leicht widerlegbare Karikatur.

Dann wird deine Antwort darauf tatsächlich interessant.

 

 

 

Lobbying und Verbände

 

Verbände spielen in der Interessenvertretung eine besondere Rolle.

Sie bündeln unterschiedliche Mitgliederinteressen.

Das ist anspruchsvoll.

Denn Unternehmen innerhalb einer Branche verfolgen kaum immer dieselben Ziele.

Ein Verband muss deshalb fragen:

Was verbindet unsere Mitglieder tatsächlich?

 

 

 

Eine Verbandsposition braucht Substanz

 

Die Position sollte weniger nur lauten:

„Wir lehnen die geplante Regelung ab.“

Interessanter sind:

Warum?

Welche konkrete Folge erwarten wir?

Wen betrifft sie?

Welche Alternative schlagen wir vor?

So wird Interessenvertretung konstruktiver.

 

 

 

Lobbying und Issue Management

 

Issue Management erkennt Entwicklungen früh.

Zum Beispiel:

  • eine regulatorische Debatte
  • einen politischen Richtungswechsel
  • veränderte gesellschaftliche Erwartungen
  • neue Branchenstandards

Dann stellt sich irgendwann die Frage:

Beobachten wir weiter oder bringen wir unsere Perspektive in den Prozess ein?

Damit können Issue Management und Interessenvertretung unmittelbar aufeinander folgen.

 

 

 

Nicht jedes Issue braucht Lobbying

 

Vielleicht reicht:

Beobachtung.

interne Anpassung.

Dialog mit Kunden.

eine Veränderung des eigenen Geschäftsmodells.

Politische Interessenvertretung ist nur eine mögliche Reaktion.

 

 

 

Manchmal muss sich das Unternehmen verändern

 

Dieser Punkt wird gern übersehen.

Wenn sich gesellschaftliche oder regulatorische Rahmenbedingungen verändern, lautet die Antwort nicht automatisch:

„Wir müssen verhindern, dass sich die Regeln ändern.“

Vielleicht lautet die bessere Frage:

„Wie müssen wir uns anpassen?“

 

 

 

Kommunikation ersetzt kein verantwortliches Handeln

 

Wenn eine Unternehmenspraxis berechtigte Kritik auslöst, reicht eine bessere Argumentation kaum.

Vielleicht muss sich die Praxis verändern.

Das gilt für Public Affairs ebenso wie für Unternehmenskommunikation.

Eine überzeugende Interessenvertretung kann schlechte Substanz nicht dauerhaft ersetzen.

 

 

 

Wann sollte ein Unternehmen selbst sprechen?

 

Unternehmen können politische Positionen selbst vertreten.

Sie können ebenso:

  • über Verbände
  • über Fachorganisationen
  • in Konsultationsverfahren
  • über öffentliche Stellungnahmen

kommunizieren.

Die Wahl hängt von Thema und Situation ab.

 

 

 

Direkte Unternehmensposition oder Verband?

 

Eine Verbandsposition kann sinnvoll sein, wenn:

  • eine ganze Branche betroffen ist
  • Mitglieder ähnliche Interessen besitzen
  • gemeinsame Daten vorliegen
  • eine gebündelte Perspektive hilfreicher ist

Eine eigene Unternehmensposition kann stärker sein, wenn:

  • die Interessen deutlich abweichen
  • das Unternehmen besondere Expertise besitzt
  • eine spezifische Betroffenheit besteht

 

 

 

Öffentliche und nichtöffentliche Interessenvertretung

 

Nicht jede Interessenvertretung findet öffentlich statt.

Gespräche.

Stellungnahmen.

Anhörungen.

Fachdialoge.

gehören ebenso dazu.

Gerade deshalb sind Transparenzregeln wichtig.

 

 

 

Das Problem ungleichen Zugangs

 

Nicht jede Interessengruppe besitzt dieselben Ressourcen.

Große Organisationen können:

Fachleute beschäftigen.

Studien finanzieren.

kontinuierliche Kontakte pflegen.

Kleinere Gruppen besitzen diese Möglichkeiten weniger.

Das ist eine der zentralen Herausforderungen von Interessenvertretung.

Transparenz beseitigt diese Unterschiede nicht vollständig.

Sie macht Einfluss jedoch nachvollziehbarer.

 

 

 

Lobbying und Reputation

 

Auch die Art der Interessenvertretung kann Reputation beeinflussen.

Stakeholder beobachten:

Welche Position vertritt ein Unternehmen?

Wie transparent geschieht das?

Passt die politische Forderung zu den öffentlich kommunizierten Werten?

Widersprüche können problematisch werden.

 

 

 

Was öffentlich gesagt wird und politisch gefordert wird, sollte zusammenpassen

 

Ein Unternehmen kann öffentlich Klimaschutz unterstützen und gleichzeitig gegen nahezu jede konkrete Maßnahme lobbyieren.

Oder Vielfalt betonen und politische Positionen unterstützen, die dazu im Widerspruch wahrgenommen werden.

Solche Differenzen werden heute schneller sichtbar.

Deshalb braucht Public Affairs Abstimmung mit:

  • Strategie
  • Unternehmenskommunikation
  • Nachhaltigkeit
  • Compliance
  • Geschäftsführung

 

 

 

Interessenvertretung ist Managementaufgabe

 

Bei relevanten politischen Themen sollte weniger eine einzelne Kommunikationsabteilung allein entscheiden:

Was vertreten wir?

Die Position kann Auswirkungen haben auf:

  • Strategie
  • Reputation
  • Kunden
  • Mitarbeitende
  • Investoren

Deshalb braucht es Managementverantwortung.

 

 

 

Welche Position können wir langfristig vertreten?

 

Das ist eine wichtige Frage.

Nicht nur:

„Was hilft uns kurzfristig?“

Sondern:

„Können wir diese Position auch öffentlich erklären und in zwei Jahren noch vertreten?“

Das erhöht strategische Qualität.

 

 

 

Lobbying und C-Level-Kommunikation

 

Wenn Geschäftsführer oder Verbandsvertreter politische Entscheider treffen, ist Zeit häufig knapp.

Deshalb braucht die Kommunikation Klarheit.

Zum Beispiel:

Was ist unser Anliegen?

Warum ist es relevant?

Welche Auswirkungen erwarten wir?

Welche Alternative schlagen wir vor?

Das ist keine besondere „Lobbyistensprache“.

Es ist präzise Kommunikation.

 

 

 

Ein Anliegen in einem Satz

 

Eine gute Übung:

Was genau wollen wir?

Ein Satz.

Wenn dieser Satz nicht klar ist, wird ein Gespräch schnell diffus.

 

 

 

Dann: Warum?

 

Welche zwei oder drei Gründe tragen die Position?

Mehr braucht der Einstieg häufig kaum.

Details bleiben verfügbar.

 

 

 

Eine Forderung braucht eine Alternative

 

Besonders hilfreich wird Interessenvertretung, wenn sie weniger nur sagt:

„Das geht nicht.“

Sondern:

„Unser Vorschlag lautet …“

Damit entsteht ein konstruktiver Beitrag.

 

 

 

Zuhören gehört dazu

 

Ein Gespräch mit politischen Entscheidern ist weniger ein Vortrag.

Vielleicht besitzt das Gegenüber:

andere Informationen.

andere Zwänge.

eine andere Bewertung.

Dann sollte Interessenvertretung auch zuhören können.

 

 

 

Eine politische Entscheidung muss selten nur eine Perspektive berücksichtigen

 

Das erklärt, warum eine sachlich nachvollziehbare Forderung trotzdem abgelehnt werden kann.

Es existieren möglicherweise:

  • gegenläufige Interessen
  • rechtliche Grenzen
  • Haushaltsfragen
  • andere gesellschaftliche Prioritäten

Eine Ablehnung bedeutet deshalb weniger automatisch, dass die eigene Argumentation nicht verstanden wurde.

 

 

 

Respekt vor unterschiedlichen Rollen

 

Ein Unternehmensvertreter vertritt Unternehmensinteressen.

Ein Verbandsvertreter Mitgliederinteressen.

Ein gewählter Politiker trägt eine andere Verantwortung.

Ein Beamter wiederum eine andere.

Professionelle Interessenvertretung respektiert diese Unterschiede.

 

 

 

Lobbying ist kein Verkaufsgespräch mit einem Politiker

 

Politische Entscheidungen besitzen andere Bedingungen als ein gewöhnlicher Verkauf.

Es geht weniger nur um:

„Wie überzeuge ich mein Gegenüber?“

Sondern auch:

Welche anderen Interessen müssen berücksichtigt werden?

Welche Regeln gelten?

Welche Verantwortung trägt die andere Seite?

 

 

 

Transparenz schützt beide Seiten

 

Wenn klar ist:

wer spricht.

für wen.

mit welchem Anliegen.

kann die Information besser eingeordnet werden.

Genau darauf zielen die Transparenzregeln des deutschen Lobbyregisters.

 

 

 

Integrität ist mehr als Regeltreue

 

Eine Handlung kann formal zulässig sein und trotzdem fragwürdig wirken.

Deshalb lohnt sich zusätzlich die Frage:

Ist unser Vorgehen auch dann vertretbar, wenn es öffentlich bekannt wird?

Das ist ein guter Integritätstest.

 

 

 

Sieben Fragen für verantwortungsvolle Interessenvertretung

 

1. Was ist unser tatsächliches Interesse?

Formuliere es klar.

 

2. Welche Fakten tragen unsere Position?

Trenne Daten und Interpretation.

 

3. Wer wäre von unserer Forderung betroffen?

Betrachte auch andere Stakeholder.

 

4. Was ist das stärkste Gegenargument?

Formuliere es fair.

 

5. Welche Alternative bieten wir an?

Nur Ablehnung reicht selten.

 

6. Ist unser Vorgehen transparent?

Absender, Auftrag und Interesse sollten klar sein.

 

7. Können wir unsere Position auch öffentlich vertreten?

Wenn nicht, lohnt sich eine genauere Prüfung.

 

 

 

Häufige Fragen

 

Was bedeutet Lobbying?

Lobbying bezeichnet die organisierte Vertretung von Interessen gegenüber politischen Entscheidungsträgern und Institutionen mit dem Ziel, Informationen, Perspektiven oder Positionen in politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse einzubringen.

 

Ist Lobbying erlaubt?

Interessenvertretung ist grundsätzlich ein legitimer Bestandteil demokratischer Prozesse. In Deutschland gelten dabei gesetzliche Transparenz- und Verhaltensregeln, unter anderem durch das Lobbyregistergesetz.

 

Was ist das Lobbyregister?

Das Lobbyregister macht Informationen über Interessenvertretung gegenüber Deutschem Bundestag und Bundesregierung öffentlich zugänglich. Ziel ist mehr Transparenz darüber, wer mit welchen Zielen und Ressourcen Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse nehmen möchte.

 

Ist Lobbying dasselbe wie Public Affairs?

Nicht vollständig. Public Affairs umfasst häufig ein breiteres Feld aus politischem Monitoring, Stakeholdermanagement, Kommunikation und Beziehungsarbeit. Lobbying bezeichnet stärker die konkrete Interessenvertretung gegenüber politischen Entscheidungsträgern.

 

Wer betreibt Lobbying?

Neben Unternehmen und Wirtschaftsverbänden vertreten beispielsweise Gewerkschaften, NGOs, Berufsverbände, Wissenschaftsorganisationen und Bürgerinitiativen Interessen gegenüber Politik und Verwaltung.

 

Wann wird Lobbying problematisch?

Besonders problematisch wird Interessenvertretung bei Intransparenz, verdeckten Auftraggebern, irreführenden Informationen oder stark ungleichem Zugang zu politischen Entscheidern.

 

Was hat Lobbying mit Stakeholdermanagement zu tun?

Interessenvertretung setzt voraus, relevante Akteure, ihre Rollen, Interessen und Verantwortlichkeiten zu verstehen. Deshalb gehören Stakeholderanalyse und Public Affairs eng zusammen.

 

Kann ein Unternehmen politische Positionen vertreten?

Ja. Unternehmen können ihre Perspektive in politische Debatten einbringen. Dabei sollten geltende Regeln, Transparenz, eigene Verantwortung und mögliche Auswirkungen auf weitere Stakeholder berücksichtigt werden.

 

 

 

Der entscheidende Gedanke

 

Politische Entscheidungen betreffen unterschiedliche Interessen.

Deshalb werden Interessen vertreten.

Das allein ist weder überraschend noch automatisch problematisch.

Entscheidend ist:

Wer spricht?

für wen?

mit welchem Interesse?

mit welchen Informationen?

und wie transparent?

Legitime Interessenvertretung gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn Interessen offen benannt, Argumente nachvollziehbar und Einflusswege transparent sind.

 

 

 

Wenn komplexe Interessenlagen geklärt werden müssen

 

Führungskräfte und Verbandsvertreter stehen gelegentlich vor Situationen, in denen:

  • unterschiedliche Stakeholderinteressen aufeinandertreffen
  • eine Position intern noch nicht ausreichend geklärt ist
  • Gegenargumente geprüft werden sollten
  • eine sensible Kommunikation bevorsteht
  • eine öffentliche oder institutionelle Position vertreten werden muss

Dann kann eine unabhängige Gegenperspektive hilfreich sein.

Im vertraulichen Executive Sparring können wir beispielsweise prüfen:

Was ist unsere eigentliche Position?

Welche Interessen stehen dahinter?

Welche Gegenposition müssen wir ernst nehmen?

Welche Argumentation trägt?

Welche Stakeholderperspektive haben wir übersehen?

Wie lässt sich eine schwierige Position klar und glaubwürdig kommunizieren?

Dabei geht es weniger um politische Fachberatung.

Es geht um Denkqualität, Argumentation und Kommunikation in komplexen Interessenlagen.

Vertraulich, online oder persönlich in Berlin.

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Donald Trumps erste Pressekonferenz seit der Wahl

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Sprache, Körpersprache, Impulskontrolle
Donald Trumps erste Pressekonferenz seit der Wahl

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Die Tagesschau berichtet. Mit „Guten Abend!“ fängt es an und dann folgen 15 Minuten, um zu erklären, dass es kein guter Abend ist.

In wenigen Tagen ist Donald Trump der mächtigste Mann der Welt. Da haben die Medien viele Fragen. Schlag auf Schlag folgte auf der Pressekonferenz ein Thema dem anderen. Dramatisch wurde es, als Trump anwesende Journalisten angriff, die aus seiner Sicht mit Nachrichten in Verbindung stehen, die er als „Fake News“ bezeichnete. Er erklärte, dass er aus diesem Grund auch deren Fragen weder hören noch beantworten würde. Über die Berichte, Russland hätte belastendes Material über ihn gesammelt, war er nicht sehr erfreut. Die Frage, ob er als Präsident vonseiten Russlands erpressbar sei, empörte ihn heftig. Auch Achilles war nur so stark wie seine Ferse. Seine Reaktion dürfte alle irritieren, die dachten, er würde sich nach der Wahl staatsmännischer verhalten.

 

 

 

Trumps Reaktionen und was es zu lernen gibt

 

 

1. Verharmlosen

 

So, als wäre das nichts Besonderes, erklärt Trump; „Wenn es um die Hacker-Angriffe geht, denke ich, dass es Russland war.“ Offenbar hatten die Russen Einfluss auf die amerikanischen Präsidentschaftswahlen zugunsten Trumps genommen. Bisher wollte er das nicht einräumen, sondern lieber aus dem Weg räumen. Aus seiner Sicht hätten aber auch andere Staaten schon Hackerangriffe auf die USA unternommen. Er betont das so als, wenn es das normalste der Welt ist, na und! Auf diese Weise der Erwähnung nimmt er etwas Druck heraus, was ihm sehr recht sein dürfte. Die Gefahr als Lakai Wladimir Putins wahrgenommen zu werden ist gefährlich

 

 

 

2. Angriff ist die beste Verteidigung, wer braucht schon Impulskontrolle

 

„Ihr Nachrichten-Sender ist schrecklich. Ihr bekommt keine Frage. Ihr seid Fake-News. Seien Sie leise.“ Das durfte der Journalist Jim Acosta des Nachrichtensenders CNN hören. So etwas ist recht typisch für Trump. Er reagiert auf Angriffe mit aggressiver Herabsetzung und Verletzung der Gegner und das sind in diesem Fall Journalisten. Auf Fragen, die ihm missfallen reagiert er dünnhäutig, wie es bei Personen mit narzisstischen Tendenzen üblich ist.

Eine solche leichte Kränkbarkeit wird meist von der Angst gespeist, selbst entwertet zu werden und spricht für ein sehr wackliges Selbstwertgefühl. Wobei es schon sehr unangenehm sein dürfte, ständig von so einem hohen Anteil von Landsleuten angefeindet zu werden.

Diese Pressekonferenz fördert erneut den Eindruck, er könne seine Affekte nicht kontrollieren. Das Vertrauen und die Sympathien wird er damit kaum fördern. Auch ein US-Präsident braucht Unterstützung. Doch so impulsgesteuert wird es ihm nicht leicht fallen, sich auf Gesprächspartner einzulassen, wenn diese nicht nach seiner Pfeife tanzen. Drohungen verbessern gute Kommunikation nur selten. In einem Bereich, in dem wir nicht erst seit Francis Underwood und House of Cards wissen, dass es immer wieder um den Ausgleich von Interessen und um Kompromisse geht, wird er es schwer haben. Irgendwann wird Trump die Presse brauchen. Wenn er dann genauso auf Gegenwind reagiert, wird es heikel.

Szene ansehen bei YouTube (externer Link)

 

 

So etwas gibt es doch nur in Amerika, oder?

 

Wenn ich mir vorstelle, unser Bundeskanzlertitelinhaber würde auf diese Weise reagieren, wäre der Aufschrei groß. Wobei auch deutsche Politiker nicht dafür bekannt sind, auf ihnen unangenehme Fragen zu antworten. Doch sie reagieren noch etwas vorsichtiger und drohen nicht offen mit Vergeltung. Hoffen wir, dass wir trotz Globalisierung noch eine Weile von diesem Phänomen verschont bleiben. Wetten werde ich dazu jedoch nicht annehmen.

 

 

 

3. Körpersprache

 

 

Status

 

Mit großen Schritten schreitet er voran. Ein US-Präsident repräsentiert die militärische Supermacht USA. Die Bürger dieses potenten Landes haben entsprechende Erwartungen; Selbstbewusstsein und Status gehören dazu. US-Präsidenten sind üblicherweise etwas dominanter, als andere Staatsoberhäupter. Das zeigt sich auch in der Körpersprache. Sie ist halt größer, er nimmt Raum ein, macht ausladende Gesten und erlaubt sich ein lebhaftes Minenspiel. Ja, er hat eine ausgeprägte Körpersprache. Wiederkehrende kraftvolle Gesten unterstreichen seine Aussagen und vermitteln Glaubwürdigkeit. Handkantenschläge, die bei ihm allerdings oft etwas weiblicher aussehen, weil er die Ellbogen nahe an den Körper drückt, sollen seine Aussagen verstärken. Das, und die aufrechte Körperhaltung signalisieren; ich habe keine Angst vor Konfrontationen, Widerstand ist zwecklos. Wer braucht schon vornehme Zurückhaltung? Mit solchem Quatsch halten wir uns nicht auf, das ist was für Looser. Habt euch nicht so! Und seine Körpersprache wirkt authentisch, vermutlich auch, weil er keinen Wert darauf legt sich zu verstellen, wie diese Warmduscher.

 

 

Rapport und Beziehungen

 

Immer wieder zeigt er seine Handflächen, um Offenheit und Ehrlichkeit zu vermitteln. Das ist eine freundliche Geste. Doch wo andere vorsichtiger sind, verwendet er den ausgestreckten Zeigefinger. Es wirkt wie eine Anklage, als würde er eine Pistole auf den Gegner richten. Na und!

Trump bleibt gerne am Rednerpult, wo andere Redner sich hervorwagen, um den Kontakt mit dem Publikum suchen. Er bleibt unverrückbar, zeigt Stärke und Kontrolle, statt Rapport und Beziehung zu fördern. Da gibt es nur Trump und alle anderen sind Publikum.

 

 

 

 

Fazit

 

Trumps Erfolg hat bestätigt, dass es sich lohnen kann, Aufmerksamkeit zu erzeugen, selbst wenn es keine nennenswerte Botschaft gibt. Viele B-Promis haben ihre Erfahrung damit gemacht, doch er hat es so bis ins Weiße Haus geschafft. Doch, je höher der Berg, desto tückischer der Pfad.

Wird er seine Macht dafür einsetzen, die eigenen Eitelkeit zu pflegen, richtet das weitere Schäden an. Haltung lässt sich leichter bewahren als wiedergewinnen. Er wird eine Menge Berater zur Verfügung haben. Dass er ihnen aufmerksam zuhört, erscheint aus gegebenen Gründen unwahrscheinlich. Vorgeschmack gefällig? In der MSNBC-Sendung Morning Joe hat er auf die Frage geantwortet, welche Berater er bei außenpolitischen Fragen nutzt; „Zunächst mal spreche ich mit mir selbst, denn ich habe ein sehr gutes Hirn und ich habe viele Dinge gesagt.“ und über die anderen Politiker in Washington sagt er; „Sie sind dumm. Nicht böse, aber dumm. Sie haben keine Ahnung.“ Na dann…

Es tut mir nicht leid, meine Antworten sind begrenzt. Sie müssen die richtigen Fragen stellen. Für eine Liebesbeziehung zwischen Trump und der Presse müsste ein Paartherapeut nun wohl eine Weile ziemlich strampeln. Drei sind einer zu viel; Trump hat ja ohnehin schon eine enge Beziehung zu Twitter. 140 Zeichen sind mehr als genug. Dort hat er sein Publikum. Und so erinnerte auch seine Sprachwahl sehr an den dort von ihm praktizierten Stil. Staatsmännisch war bisher anders. Er ist noch nicht einmal im Amt und gerät schon aus dem Gleichgewicht. Mal sehen, wer den zu erwartenden diplomatischen Schaden klein hält.

 

 

 

 

Nachsitzen?

 

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Obamologie: Was Redner wirklich von Barack Obama lernen können

Obamologie: Was Redner wirklich von Barack Obama lernen können

Barack Obamas Abschiedsrede, was bleibt? Mindestens 22 Tipps!
Obamologie: Was Redner wirklich von Barack Obama lernen können

Barack Obama: Rhetorik und Körpersprache

 

Was Redner von Barack Obama lernen können. Mindestens 22 Tipps, von denen jeder Redner profitiert.

 

 

 

Überblick

 

 

 

 

 

Was Redner von Barack Obama lernen können

 

Thank you, everybody!

 

Am 10. Januar 2017 gab Barack Obama in Chicago seine offizielle Abschiedsrede als US-Präsident. Everybody have a seat: „Es war die größte Ehre meines Lebens, Euch zu dienen“, sagte er. Und „Wir sind noch nicht dort, wo wir hinwollen.“ Sein gesamter Auftritt vermittelte, dass ihm der Moment naheging. Was bleibt; befriedigend oder unbefriedigend, gerade so geschafft oder viel mehr als gedacht?

 

 

 

Zeit für einen rhetorischen Rückblick jenseits der Politik

 

 

Kraftvoller Start mit vielen Vorschusslorbeeren

 

Bejubelt von den Massen und als Vorbild für Ausstrahlung, Rhetorik und Visionen in den Himmel gehoben. Von Charisma und magnetischer Anziehungskraft wurde bei Barack Obama gesprochen. Es wohnte all dem der Zauber des Anfangs bei. Endlich ein neuer John Fitzgerald Kennedy, riefen einige Stimmen. Davon inspiriert katapultierten ihn die Massen an die Macht.

2009 gab es sogar vorab den Friedensnobelpreis. Obama war wohl selbst überrascht darüber und sagte:

Ich werde diesen Preis als einen Auftrag zum Handeln akzeptieren.

 

Hohe Erwartungen führen zu hoher Fallhöhe, wenn es scheitert. Und die Latte lag hoch, sehr hoch.

 

 

 

Was ist geblieben?

 

Wenn die Voraussetzungen stimmen, ist Charisma oft eine typische Anfangserscheinung religiöser oder politischer Persönlichkeiten, die schnell dem Alltag weicht. Was ist geblieben von der Aufbruchstimmung und der Wahrnehmung des Barack Obama? Was gibt es hier für Redner zu lernen?

 

 

Ursachenforschung

 

Was genau ist der Grund, weshalb sich so viele Menschen mit Barack Obama identifizierten? Hier bei uns konnten wir ihn ja noch nicht einmal wählen. Und doch bewegte er so viele Menschen in aller Welt.

These: Menschen lieben es ihre Sehnsüchte auf Persönlichkeiten zu projizieren, die signalisieren, sich für sie einzusetzen.

 

 

Rückblick: Barack Obama bei seinem Besuch in Berlin am 24. Juli 2008

 

Werfen wir die Zeitmaschine an. Mehr als 200.000 Berliner waren am 24. Juli 2008 zur Siegessäule gekommen, um Barack Obama reden zu hören. Schließlich waren damals viele Hoffnungen mit dem Präsidentschaftskandidaten der Demokraten verbunden. Entsprechend groß waren Neugier und Zuspruch. Außerdem war das Ansehen des damaligen US-Präsidenten Georg W. Bush besonders negativ in der deutschen Bevölkerung. Entsprechend groß waren die positiven Projektionen, die Erwartungen, dass mit Barack Obama vieles besser werden würde.

 

 

Barack Obama bei seinem Besuch in Berlin am 24. Juli 2008:

 

This city of all cities knows the dream of freedom …
The fall of the Berlin wall brought new hope.
But that very closeness has given rise to new dangers — dangers that cannot be contained within the borders of a country or by the distance of an ocean …
The greatest danger of all is to allow new walls to divide us from one another.
The walls between old allies on either side of the Atlantic cannot stand.
The walls between the countries with the most and the least cannot stand.
The walls between races and tribes, natives and immigrants, Christian and Muslim and Jew cannot stand.
These are now the walls we must tear down.

Bei seiner Rede wirkte er jung, motiviert und die Begeisterung, die von ihm ausging, war ansteckend.

Lasst uns mit einem Blick auf die Zukunft, mit Zuversicht in unseren Herzen uns an diese Geschichte erinnern, dem Schicksal antworten und die Welt erneuern.

Er verbreitete eine ansteckende Aufbruchstimmung, eine Verheißung! So dauerte es nicht lange, bis zahlreiche Autoren ihn als rhetorisches Vorbild bezeichneten und in ihren Büchern vermarkteten. 
Das Podest, auf das er gehoben wurde, war sehr hoch.

 

 

Rhetorischer Betrachtung: Was gibt es für Redner zu lernen?

 

Es sind nun ein paar Jahre ins Land gegangen. Zeit für einen rhetorischen und praktischen Rückblick.

Obama und seine Redenschreiber haben seit seiner ersten Präsidentschaftskampagne einige zentrale und ausgefallene rhetorische Instrumente wieder und wieder erfolgreich eingesetzt. Jenseits der Politik, was ist geblieben von der Begeisterung, was lässt sich vom Redner Barack Obama tatsächlich lernen?

 

 

1. Ausstrahlung

 

Ich liebe Politiker auf Wahlplakaten. Sie sind tragbar, geräuschlos und einfach zu entfernen.

Loriot

 

 

Was für eine Ausstrahlung vermittelt Obama? Auch hier kommt es darauf an, wer gefragt wird.

Seine Unterstützer haben ihn an die Macht gebracht, viel Hoffnung, mit ihm verbunden. Erwartungen sind ein zweischneidiges Schwert; Projektionen und übersteigerte Erwartungen an Veränderungen lassen sich nicht durch eine Person realisieren, nicht jede Versprechung erfüllen. Für seine Anhänger verkörperte Barack Obama Lebensfreude, weshalb sie mit ihm eine Zukunft sahen. So hilfreich das bei der Wahl war; wer derartig auf ein Podest gehoben wird, hat wenig Spielraum nach oben. Es ist dann eher eine besonders große Fallhöhe. Und die macht die Ankunft im Alltag härter.

So hat es auch nicht lange gedauert und die jugendliche Art war mit der Zeit im Amt seltener zu sehen. Es hat Spuren hinterlassen. Die Faszination, die von ihm ausging, hat sich relativiert.

 

 

 

2. Mission

 

Die Zukunft, die wir wollen – Möglichkeiten und Sicherheiten für unsere Familien; ein gestiegener Lebensstandard und ein nachhaltiger, friedlicher Planet – all das liegt in unserer Reichweite. Aber das wird nur passieren, wenn wir zusammenarbeiten. … Das wird nur passieren, wenn wir unsere Politik in den Griff bekommen. Eine bessere Politik muss nicht heißen, dass wir uns in allem einig sind. Es ist ein großes Land mit unterschiedlichen Regionen, Ansichten und Interessen. Das ist auch eine unserer Stärken.

 

Redner wachsen mit ihren Herausforderungen. Wer sich als Redner der Öffentlichkeit stellt, sollte mit Recht davon überzeugt sein, dass es dafür eine Berufung gibt. Diese Überzeugung haben nur wenige, aber alle, die herausragend sind. Die persönliche Haltung entscheidet mehr als alles andere über den Redeerfolg. Und er wirkte meist, als hätte er sichtlich Spaß auf seiner Mission. Er verzichtete oft auf ein Pokerface, sondern hatte den Mut zu lächeln und Humor an den Tag zu legen. Seine Begeisterung steckte viele an. Die Revolution ist machbar, Herr Nachbar.

 

Die Welt hat sich verändert. Und deshalb müssen auch wir uns ändern.

 

 

 

3. Körpersprache

 

Obama hat die Körpersprache eines Siegers. Sein Körper strahlt Kraft, Elan und Vitalität aus. Er gestikuliert viel, doch es wirkt nicht hektisch, sondern er überträgt eine unglaubliche Ruhe auf seine Zuhörer. Diese Ruhe unterstreicht er durch große Gesten, einen sicheren Augenkontakt und dynamischen, entschlossenen Gang. All das sagt, ich kenne meinen Weg. Und das auch, obwohl ihm häufiger die Last des Amtes anzusehen ist.

 

 

 

4. Emotionen

 

Wenn Brandt, Wehner oder Geisler ans Pult getreten sind, da hab‘ ich mein Essen stehen lassen. Wenn sonst jemand ans Pult tritt, koch ich mir was.

Dieter Hildebrandt

 

Was uns emotional nicht berührt, wird uns nie erreichen. Emotionen verankern Botschaften tiefer. Erst was uns emotional bewegt, erlangt unsere Aufmerksamkeit.

Vor allem die Tatsache, dass Obama immer wieder Gefühle zeigt und eigene Überzeugungen zum Vorschein kommen lässt, verstärkt seine Wirkung als integre Person, die in gewisser Weise über den Dingen steht.

5. Knackiger Slogan und ein Motto

 

Die beiden zentralen Motive bei Obama waren Hoffnung und Veränderung. Das packte er in den Slogan Yes, we can! Es dauerte nicht lange, bis er sich einprägte. Bei John Fitzgerald Kennedys Rede, 1963 vor dem Schöneberger Rathaus, ist, im Gegensatz zum Rest der Rede, noch immer „Ich bin ein Berliner!“ im Gedächtnis geblieben.

Da die wenigsten Redner hierzulande mit einem ähnlichen Budget gesegnet sein dürften, gilt es die Idee für sich anzupassen; packen Sie die emotionale Kernbotschaft Ihrer Rede in wenige Worte und wiederholen Sie diese an geeigneten Stellen. Angela Merkel hat es mit der Google-Übersetzung versucht, aber ihr „Wir können das!“ erntete wenig Begeisterung. Etwas mehr Gedanken dürfen Sie sich ruhig machen.

 

 

 

6. Einfache Kernbotschaften

 

Jawohl, wir können!

 

Reden, die Obama hält, sind darauf ausgerichtet, die große Masse zu begeistern. Sie sind einfach gestrickt, weil sie mit ihrer Kernbotschaft im Kopf hängen bleiben sollen. Es gibt keine komplizierte Argumentation, bei der der Kopf raucht.

 

 

 

7. Klare Strukturen

 

Obamas Beiträge sind strukturiert und durch eine klare Reihenfolge sind seine Gedanken gut nachvollziehbar.

 

 

 

8. Kurze und verständliche Sätze

 

Wahlen allein machen noch keine Demokratie.

 

Viele seiner Sätze sind kurz und verständlich, ohne dabei zu schlicht zu wirken. Die Wortwahl klingt selbst bei der Verwendung von Telepromptern oder Manuskriptreden natürlich. Dadurch wirkt er sehr dynamisch. Seine Redenschreiber folgen dem Grundsatz; schreiben fürs Reden, nah an der Umgangssprache, um so ein möglichst breites Publikum anzusprechen.

 

 

 

9. Bescheidenheit und Anerkennung für andere

 

Wer am meisten Macht hat, muss am demütigsten sein.

 

Für einen US-Präsidenten war Barack Obama durchaus zurückhaltend. Bei Staatsbesuchen machte er es zwar seinen früheren Kollegen oft gleich, aber er hielt sich auch mitunter zurück. Wobei auch das relativ ist, schließlich erwarten viele seiner Landsleute, dass er eine Supermacht repräsentiert. Da fällt die Körpersprache von Hause aus oft etwas kerniger aus.

Sehr oft würdigte er gleich am Anfang andere Personen und signalisiert damit eigene Bescheidenheit und Anerkennung für die Beiträge anderer. Das kommt gut an.

 

 

 

10. Storytelling

 

Spannende Geschichten werden gerne gehört und die erzählte er. In seinen Geschichten finden sich die Argumente seiner Gegenspieler wieder, die er bei dieser Gelegenheit gleich entkräftet.

 

 

 

11. Gemeinsamkeiten betonen

 

There’s not a liberal America and a conservative America. There’s the United States of America. There’s not a black America and white America and Latino America and Asian America; there’s the United States of America.

 

Obama bewegt sein Publikum, indem er es direkt anspricht und aus dessen Sicht heraus argumentiert. Auf diese Weise steigert er die Bereitschaft des Publikums zum Zuhören, Mitdenken und Mitfühlen. Er macht sich so zum Anwalt der Zuhörer. Dabei schließt er alle Zuhörer in seine Rede ein, indem er fast immer in der Wir-Form spricht, beziehungsweise das Publikum direkt anspricht.

 

Wir lassen uns die falsche Wahl zwischen Sicherheit und unseren Idealen nicht aufzwingen.

 

Wir sind eine Nation, wir sind ein Volk, und unsere Zeit für Veränderungen ist gekommen.

 

Ich spreche heute Abend nicht als Präsidentschaftskandidat zu Ihnen, sondern als Bürger – als stolzer Bürger der USA, und als Weltbürger.

 

Gemeinsamkeiten herauszustellen, ist sehr wirksam, um eine tragfähige Basis für eigene Anliegen zu schaffen. Er betont deswegen gemeinsame Erfahrungen, Werte, Ziele, Wurzeln und Verantwortung,

 

 

 

12. Geschichtsbewusstsein

 

Mahatma Gandhi meinte; „Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt“. Doch Obama zeigt sich trotzdem geschichtsbewusst, um dann an ein aktuelles Thema anzuknüpfen. Das vermittelt Sicherheit durch Kontinuität und dass es gründliche logische Überlegungen gibt.

 

 

 

13. Wiederholte Wiederholungen und weitere rhetorische Stilmittel

 

Steter Tropfen höhlt den Stein. Mit rhetorischen Wiederholungen bringt Obama Rhythmus in die Rede und verstärkt die Aussage. Überhaupt befinden sich in seinen Reden viele rhetorische Wirkfiguren. Seine Redenschreiber haben ihr Handwerk gelernt.

 

 

 

 

14. Humor

 

Manche sagen, ich bin zu arrogant. Ich habe ein großartiges Mittel dagegen gefunden: Meine Umfragewerte.

 

Er liefert eine angemessene Prise Humor. Der Musik-Sender MTV (ja, ich wusste auch nicht, dass es den noch irgendwo gibt!) hat Barack Obama im vergangenen Jahr zum coolsten Präsidenten gekürt, der sich immer wieder mal Gags, witzige Sprüche und ungewöhnliche Aktionen erlaubt – zur großen Freude der politikverdrossenen Jugend.

 

 

 

15. Bildhafte Sprache und Metaphern

 

Diese Stadt (Berlin) kennt den Traum von Freiheit.

 

Obama bevorzugt eine bildhafte Sprache, mit Bildern emotionalisiert er und die Botschaften bleiben länger in der Erinnerung.

 

 

 

16. Hoffnung vermitteln

 

Anstatt nur im Problemzustand zu baden, vermittelt Obama Hoffnung.

 

Lasst uns wenigstens den Weltuntergang verhindern.
Es ist fünf vor zwölf und wir haben nicht mehr viel Zeit.

 

Kleingeist hat uns in die gegenwärtige Lage geführt.

 

Dies ist nicht der Beginn vom Ende der Krise, sondern das Ende vom Beginn.

 

 

 

17. Menschlichkeit

 

Zu den wenigen Dingen, die ich in meiner Präsidentschaft bedaure, gehört, dass Verbitterung und Verdächtigungen zwischen den Parteien schlimmer geworden sind und nicht besser. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Präsidenten mit der Begabung von Lincoln oder Roosevelt die Kluft besser überwunden hätten. Und ich garantiere, dass ich weiterhin versuchen werde, besser zu sein, so lange ich dieses Amt habe. Aber das kann nicht meine Aufgabe – oder jedes Präsidenten – allein sein.

 

Obama präsentierte sich menschlich und durchaus auch verletzlich. Wer bereit ist, die eigenen Schwächen einzugestehen, beweist die Fähigkeit zur realistischen Einschätzung und den Respekt für die Erfahrungen der Zuhörer.

 

Egal wie hoch unser Arbeitspensum und wie wichtig unsere Titel sind – keiner von uns ist perfekt und es hilft uns, wenn wir auf den Schöpfer hören.

 

 

 

18. Zielgruppenorientierung

 

Obama redet nicht ins Blaue hinein. Er hält seine Reden für Zielgruppen, über die er sich vorher Gedanken macht. Sie müssen dabei nicht dem direkten Publikum entsprechen. Deren Sprache und sonstigen Eigenarten berücksichtigt er und richtet seinen gesamten Auftritt darauf aus.

 

 

 

19. Stimmeinsatz

 

Obamas tiefe Stimme weckt Vertrauen. Schon mit seiner Stimme demonstriert er Selbstsicherheit und er überträgt diese Sicherheit auf sein Publikum. Er spricht langsam, betont, kann mit Stille umgehen und setzt bedeutungsschwangere Pausen wirkungsvoll ein. Wie auch immer wir es nennen, er betont einzelne Worte, wie es in der hypnotischen Rhetorik gelehrt wird. Bei wichtigen Passagen wird er lauter, baut Spannung auf wie im Konzert bei einem Crescendo. Das nimmt das Publikum mit, erzeugt einen dramatischen Moment.

 

 

 

20. Authentizität

 

Das Thema Authentizität von Rednern erhitzt die Gemüter der Rhetorikexperten, weil sie unterschiedliche Definitionen zugrunde legen. Sie sind sich jedoch einig darüber, dass alles, das an eine Maske erinnert, schadet. Barack Obama wirkt jedenfalls so, als wenn er meint, was er sagt. Das macht die Identifikation leichter und fördert die Glaubwürdigkeit.

 

 

 

21. Referenzen

 

Obama zitiert in seinen Reden Aussagen anderer Menschen. Besonders gut gelingt ihm das, wenn er Äußerungen berühmter Amerikaner, Lebensgeschichten und Anekdoten mit den alltäglichen Erlebnissen der US-Bürger verknüpft. Dadurch erhöht es seine Glaubwürdigkeit und es lässt ihn dabei auch noch auf sympathische Weise bescheiden wirken.

 

 

 

22. Starkes Finale mit Appell

 

Viele Redner packen allen Aufwand in den Inhalt der Rede und am Ende geht ihnen die Luft aus. Obama denkt bei seinen Reden daran, sie mit Handlungsaufforderung abzuschließen. Wer sät, sollte auch ernten.

 

Jetzt ist der Moment, an dem wir gemeinsam diesen Planeten retten müssen.

 

 

 

Fazit

 

Über sein politisches Erbe mögen andere diskutieren. Politik ist die Kunst des Möglichen, meinte Otto von Bismarck. So oder so: Aus meiner Sicht haben Barack Obama und seine Redenschreiber ihren guten Ruf durchaus verdient. Von seinen Auftritten lässt sich für Redner eine Menge lernen. Den rednerischen Erfolg auf seine Berater zu schieben ist nicht ganz fair, da viele andere Politiker in aller Welt trotz Berater meist nur durchschnittliche und noch häufiger schauerliche Reden liefern. Gerade Politiker sind oft beratungsresistent. Auch beim Reden gilt; Talent hilft!

By, bye Mister President!

 

 

 

 
 
 
 

Everybody have a seat: Die Abschiedsrede

 

 

 

Unterstützung bei Reden und Präsentationen

 

Du bereitest eine Rede, Präsentation, einen Vortrag oder einen anderen wichtigen Auftritt vor?

Dann können wir unmittelbar an deinem konkreten Auftritt arbeiten.

Je nach Anliegen geht es beispielsweise um:

  • Ziel und Kernbotschaft

  • Struktur und Dramaturgie

  • Argumentation und Storytelling

  • Sprache und Formulierungen

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  • Stimme, Körpersprache und Präsenz

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  • kritische Fragen und Einwände

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Dabei geht es weniger darum, möglichst viele Präsentationstechniken einzusetzen.

Entscheidend ist, was zu dir, deinem Publikum und deinem konkreten Ziel passt.

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Wie überzeugend bist du und deine Botschaften in Reden und Präsentationen?
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P.S.

 

Was lässt sich von Barack Obama lernen?

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Wahlen allein machen noch keine Demokratie. Barack Obama

Autor: Karsten Noack 
Erstveröffentlichung: 2. Januar 2017
Überarbeitung: 17. März 2019
AN: #43338

Direktkandidat

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Was hat es bei der Bundestagswahl mit den Direktkandidaten auf sich?

Direktkandidat

 

Als Direktkandidaten für den Bundestag werden die Wahlbewerber bezeichnet, die sich um das Direktmandat in einem Wahlkreis bewerben. Gewählt ist der Kandidat, der in diesem Wahlkreis die meisten Erststimmen erhält. Bei Bundestagswahlen können die Wähler zwei Kreuze auf dem Stimmzettel machen. Die Erststimme und die Zweitstimme können unabhängig voneinander abgegeben werden.

Das Prinzip der Erststimme soll sicherstellen, dass jede Region im Bundestag vertreten ist. Kann eine Partei mindestens drei Direktmandate gewinnen, so erhält sie auch dann Mandate gemäß ihrem Zweitstimmenanteil, wenn sie weniger als fünf Prozent der Zweitstimmen gewonnen hat (Grundmandatsklausel). Hat eine Partei mehr Direktmandate, als ihr nach Zweitstimmen zustehen, kommt es zu Überhangmandaten. Bewerber:innen für eine Direktkandidatur müssen auf einem gültigen Weg vorgeschlagen werden.

P.S.​

 

Wie steht es mit Fragen oder Kommentaren dazu?

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An der Fünf-Prozent-Hürde scheitern viele neue Parteien. Die Fünf-Prozent-Hürde ist eine Sperrklausel für Wahlen zum Bundestag (sowie zu Europa- und Landtagswahlen und verschiedene Kommunalwahlen). Ist das noch zeitgemäß?

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Die Artikel sind meist kurze Auszüge der umfangreicheren Kursunterlagen, die Teilnehmende im entsprechenden Gruppen- oder Einzeltraining oder im Coaching erhalten.

Autor: Karsten Noack
Erstveröffentlichung: 01. Mai 2016
Überarbeitung: 10. November 2020
Englische Version:
AN: #328
K: CNB
Ü:

Was ändert sich mit Donald Trump?

Was ändert sich mit Donald Trump?

The Show must go on und das wird sie auch
Was ändert sich mit Donald Trump?

Was von Donald Trump zu erwarten ist

 

Auch jenseits der US-Politik hat der Siegeszug von Donald Trump Konsequenzen. Schon der Umstand, dass er zum ernsthaften Kandidaten für die Präsidentschaft in den USA wurde, irritiert hierzulande viele. Das kann einerseits an der Berichterstattung liegen, andererseits allerdings auch am Zeitgeist. Vor wenigen Jahren wäre eine solche Karriere noch undenkbar gewesen. Die Schamlosigkeit, mit der er Bevölkerungsgruppen wie Frauen, Latinos und Andersdenkende in übelster Weise verunglimpfte, gab es selbst in der schillernden amerikanischen Politik meines Wissens bisher nicht. Seine Befürworter sagen, er rede Tacheles.

Bei all den Ressourcen unterstelle ich, dass es sich nicht um Ausrutscher handelte, sondern um gezielte Provokationen, mit denen Trump seine Wahrnehmung beeinflusste. Was noch vor wenigen Jahren als Verletzung von Konventionen zum Aufschrei geführt hätte, hat ihm zumindest nicht geschadet.

 

 

 

Zitate von Donald Trump via Twitter und Co.:

 

Happy New Year to all, including to my many enemies and those who have fought me and lost so badly they just don’t know what to do. Love!

It’s freezing and snowing in New York – we need global warming!

You know, it really doesn’t matter what the media write as long as you’ve got a young, and beautiful, piece of ass.

I could stand in the middle of Fifth Avenue and shoot somebody and I wouldn’t lose any voters.

The beauty of me is that I’m very rich.

 

 

 

 

Ja, und?

 

Donald Trump. „Es schneit und friert in New York. Wir brauchen globale Erwärmung!“ Hm. Die Frage, die ich mir stelle: Wird das, für manch ein unrühmliches Beispiel weitere narzisstisch veranlagte Persönlichkeiten in anderen Bereichen der Gesellschaft dazu ermutigen, sich eine ähnliche Position zu verschaffen, indem sie ähnlich groteske Grenzüberschreitungen und Verletzungen inszenieren, nur weil Sie meinen, es könne ihren Zielen dienen? Was einmal funktioniert hat, ruft Nachahmer auf den Plan; im guten wie im schlechten. Menschen sind wohl so. Manche zumindest. Und es scheint nicht nur ein weltfremdes Klischee zu sein. Müssen wir uns warm anziehen?

 

Der Weg an die Macht ist an Heuchelei gekoppelt und Kollateralschäden.

Francis Underwood

 

 

 

 

Das kann bei uns ja nicht passieren

 

Steine, billige Steine, Steine… Es ist ja so einfach, aus der Ferne mit Steinen zu werfen. Doch zum Glück gibt es ja die Weisheit, es sei besser zuerst vor der eigenen Tür zu kehren. Das hilft auch im Falle eines Glashauses.

Ist unser politischer Alltag tatsächlich kultivierter? In einer kleinen nicht repräsentativen Umfange antworteten auf die Frage „Was trifft eher auf Sie zu: Ich wähle a.) …den Kandidaten meines Vertrauens oder b.) …das kleinste Übel.“ fast alle mit b.). Asche aufs Haupt. Übrigens: Die aus meiner Sicht glaubwürdigsten Erklärungen für die Wahl von Trump dürften mit der fehlenden Sympathie für Hillary Clinton zusammenhängen. Vermutlich hat nicht Trump gewonnen, sondern Hillary Clinton in erster Linie zu viele Wähler verloren. Auch davon lässt sich durchaus einiges auf hiesige Verhältnisse übertragen.

 

 

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt

 

Als Ronald Reagan Präsident wurde, machte ihn die deutsche Presse zum unberechenbaren Alzheimer-Problem mit Atomkoffer. Bei der Illustration grausiger Endzeitszenarien überschlugen sich die Propheten. Unter dem Strich gilt Roland Reagan als einer der beliebtesten US-Präsidenten. „Mr. Gorbachev tear down this wall.“ (externer Link zu YouTube) bleibt im Gedächtnis, nicht nur der Deutschen. Seine Redenschreiber haben gute Arbeit geleistet und er die Welt nicht in Schutt und Asche gelegt. Allen Unkenrufen zum Trotz ist es gut gegangen. Also hoffen wir das Beste!

 

 

 

P.S.

 

Alles nur Show und ohne Konsequenzen? Oder beginnt jetzt das Zeitalter narzisstischer Persönlichkeiten?

Artikel

Sparringspartner für Geschäftsführer | Executive Sparring

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Donald Trumps erste Kongress-Rede

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Am 28. Februar 2017 hielt US-Präsident Donald Trump seine erste Rede vor dem Kongress. Seitdem beschäftigen die Medien sich damit, weshalb es diesmal nicht zu unangemessenen Verhalten während des Auftritts kam. Nun ist zu lesen, dass die Rede vor den Abgeordneten viele verblüfft haben soll. Er sei so viel angemessener und ruhiger aufgetreten sein. Manche Journalisten beschrieben ihn anschließend gar als „sanft“, „mild“, „präsidial“ und als „plötzlich ganz Staatsmann“. Hat er sich wirklich geändert oder nur entschieden weniger anzuecken, um sich nicht zusätzliche eigene Probleme einzuhandeln? Was sagt seine Körpersprache?

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Durch den Ruf zur Sache soll die Arbeitsfähigkeit des Parlaments gesichert werden, da sonst wertvolle Redezeit missbraucht werden könnte.

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Rüge (Bundestag)

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Die Rüge ist eine Ordnungsmaßnahme des Bundestagspräsidenten, um unparlamentarisches Verhalten eines Mitglieds des Bundestags zu sanktionieren. Die Rüge ist in der Geschäftsordnung des Bundestages nicht geregelt; sie entspricht einem parlamentarischen Brauch.

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Eine namentliche Abstimmung findet im Bundestag statt, wenn dies von einer Fraktion oder von mindestens fünf Prozent der Abgeordneten verlangt wird. Sie ist bei bedeutsamen oder umstrittenen Entscheidungen üblich, und wenn es besonders heiss hergeht. Mitunter geht es darum Abweichlern zu erschweren sich von der jeweilig vorgegebenen Linie zu entfernen. In anderen Fällen soll die persönliche Verantwortung dadurch hervorgehoben werden, also Farbe zu bekennen.

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20. Januar 2017 in Washington. Donald Trump ist nun der 45. Präsident der USA. Überall in der Welt dürften nicht nur Experten die Rede im Zusammenhang mit anderen Aussagen analysieren. Vor allem Regierungen und internationale Unternehmen rätseln nun sicher, was das für sie bedeutet. Den Bau mindestens einer Mauer hat er ja offen angekündigt. Letztlich wird all das für jeden von uns irgendwie Folgen haben. Nicht nur Weltuntergangpropheten machen sich Sorgen, aber darum geht es in diesem Blog zur strategischen Rhetorik ja nicht.

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Autor: Karsten Noack
Erstveröffentlichung: 1. März 2015
Überarbeitung: 02. Mai 2026
AN: #23457
K: CNB
Ü:

Rhetorik-Check und Körpersprache der Bundeskanzlerin Angela Merkel

Rhetorik-Check und Körpersprache: Analyse Bundeskanzlerin Angela Merkel

Ausstrahlung, Sprache, Redeaufbau, Mimik, Gestik, Stimme, Strategien,...
Rhetorik-Check: Analyse Bundeskanzlerin Angela Merkel

Rhetorik-Check und Körpersprache der Bundeskanzlerin Angela Merkel

 

Wie steht es mit Ausstrahlung, Sprache, Redeaufbau, Mimik, Gestik, Stimme, Strategien, … der Bundeskanzlerin Angela Merkel? Was gibt es zu lernen?

 

 

 

Überblick

 

 

 

 

Wir-schaffen-das!

 

Als Barack Obama „Yes we can!“ rief, lockte das zumindest für eine ganze Weile erstaunlich viele Menschen, auch außerhalb der USA, hinter dem Ofen hervor und verbreitete Aufbruchstimmung. Das merkelsche „Wir-schaffen-das!“ verursacht hingegen zurückhaltendere Reaktionen. Wie steht es um die rhetorischen Qualitäten der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel?

 

 

 

 

Rhetorik-Check: Analyse der Bundeskanzlerin Angela Merkel

 

Wer sich auf der Bühne der Öffentlichkeit bewegt und Einfluss hat, darf damit rechnen, dass jede noch so kleine Äußerung analysiert wird. Dass es da nicht nur wohlwollende Bewertungen gibt, liegt in der Natur der Sache. Unterschiedliche Interessen, Freund und Feind, Neider, …

Böse Stimmen verwenden Angela Merkel (Juli 1954 in Hamburg als Angela Dorothea Kasner geboren) als Beweisstück dafür, dass rhetorisches Handwerk nicht für eine Karriere in der Politik erforderlich ist. Stimmt das oder ist sie nur so clever sich unterschätzen zu lassen? Vielleicht steckt ja eine Strategie dahinter? Schließlich ist es ihr gelungen, am 10. April 2000 zur CDU-Bundesvorsitzenden gewählt zu werden und seit dem 22. November 2005 als Bundeskanzlerin an der politischen Spitze der Bundesrepublik Deutschland zu bleiben, wo andere schon längst wieder von der Bildfläche verschwunden sind. Dieser Artikel konzentriert sich auf die Rhetorik der Bundeskanzlerin und was sich daraus lernen lässt. Wie überzeugend präsentiert sie sich und ihr Angebot?

 

 

 

Körpersprache

 

Diese Bundesregierung ist die erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung.

Angela Merkel am 21. November 2012 im Bundestag

 

Das ist doch mal eine deutliche Ansage, oder? Die Körpersprache der Wissenschaftlerin aus dem protestantischen Theologenhaushalt wirkt hingegen bescheiden und verzichtet auf viele Möglichkeiten, ihre verbalen Aussagen nonverbal zu unterstreichen.

Bei frühen Auftritte von ihr senkte sie selbst ihren Status, machte sich kleiner und zeigte Hinweise auf Unterwürfigkeit in der Körpersprache. Sie schaute ausweichend nach unten, der Kopf war leicht gesenkt und das ganze mit einem Blick der anderen (männlichen) Personen Zugeständnisse machte. Das war damals zu Zeiten von Kohl häufig zu sehen. Doch das ist Geschichte; so etwas habe ich bei ihr so schon lange nicht mehr gesehen, das hat sie abgelegt. Heute ist sie sich ihrer Position viel sicherer.

 

 

1. Mimik und Mikroexpressionen

 

Sie versucht sich zu kontrollieren, doch nicht alles lässt sich unterdrücken. Selbst ihre nur für Sekundenbruchteile im Gesicht aufflackernden Mikroexpressionen lassen sich ganz gut lesen. Ihre Mimik ist allerdings nicht sehr vielfältig, eher monoton und oft negativ. Besonders in der Mundgegend lassen sich häufig Hinweise erkennen. Hinweise für echte Freude (Ducenne-Lächeln) sind selten zu entdecken. Das kann leicht unsympathisch wirken.

 

 

2. Gestik

 

Die Merkel-Raute, mittlerweile nicht mehr so häufig zu sehen, entwickelte sich von der anfänglichen Irritation zum Running Gag und wurde schließlich zu einem Wiedererkennungselement. Selbst Barack Obama (externer Link zu n-tv) kennt sie. Diese Geste solltest du sich allerdings nicht von ihr abschauen. Obwohl das für Frau Merkel funktioniert hat, ist das eher ein negatives Beispiel für Gesten während einer Rede. Schade: Die Hände befinden sich dabei zwar zumindest oberhalb der Hüfte und somit im Einsatzbereich, kleben dann allerdings oft dort. Eine wünschenswerte körpersprachliche Unterstützung der Aussagen unterbleibt so. Nicht gut!

 

Beispiele:

 

 

3. Haltung

 

Auch ihre Körperhaltung bietet Interpretationsspielraum. Ihre Befürworter sehen in ihrer gebückten Haltung einen Hinweis für die schwere Last, die sie zu tragen hat. Andere betrachten sie als fehlende Aufrichtigkeit. Mehr Sicherheit strahlt eine aufrechte Haltung aus.

 

Beispiel:

 

 

 

4. Stimme

 

Ähm: Sie verzichtet auf Pausen und die damit verbundene positive Wirkung. Stattdessen ist sehr oft ein Äh zu hören. Wenn sie Stress hat, beginnt sie zu stottern und verspricht sich. Außerdem kommt sie bei Stress auch leicht außer Atem, was hörbar ist.

Ihre Stimme hätte ein Stimmtraining gut gebrauchen können. Ein möglicher Grund für ihre eigenwillige Betonung könnte die fehlende emotionale Beziehung zum Gesagten sein.

 

Beispiel:

Sprache

 

Angela Merkel spricht oft so, wie manch einer wenig motiviert schreibt. Ob das an ihrem Redenschreiber liegt oder an anderen Gründen, bietet Raum für Spekulationen. Ein aktiverer Sprachstil mit weniger Substantivierungen und ohne Man-Formulierungen wären für das Publikum angenehmer. Auch die schwindelerregend langen und verschlungenen Satzkonstruktionen sorgen dafür, dass es schwerfällt, ihr zu folgen. Das Lustzentrum treffen ihre Worte jedenfalls nicht — ihre Sprache ist nett. Etwas, das in anderen Bereichen selten genügt.

 

Beispiel:

 

 

1. Reaktiver Satzbau

 

Bei ihr dominieren lange Sätze in umständlichen Konstruktionen. Viele ihrer Formulierungen sind reaktiv; Sätze ohne Punkt und Komma, die dann doch nicht konkret werden, sondern viel offen lassen. Nur auf keinen Fall einen Standpunkt beziehen. Etwas, das in den meisten Unternehmen der freien Wirtschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in die Chefetage führen würde. Dort dominieren proaktive Formulierungen.

Vorwiegend wirkt ihre Sprache unnatürlich, formal. Emotionale Wirkung entfaltet sie nicht. Sie ist zu sehr darauf konzentriert, nur nicht anzuecken, anstatt zu begeistern. Ihren verschachtelten Sätzen zu folgen, nimmt dem Publikum die Energie. „Sie hat eine Sprache des Einlullens. Und das macht sie sehr gezielt, da ist sie höchst professionell. Sie ist eigentlich eine hoch qualifizierte Technokratin.” meinte Jutta Ditfurth, Publizistin und Mitbegründerin der Grünen. Stimmt das?

 

Beispiel:

  • Szene bei YouTube (externer Link)

 

 

2. Substantivierungen

 

Was bei Angela Merkel auffällt, sind die vielen Substantivierungen, also die Bildung eines Substantivs aus einer anderen Wortart, vor allem aus Verben und Adjektiven.

 

 

3. Passiv statt aktiv

 

Ihre Reden strotzen vor Passivkonstruktionen und Formulierungen, die nicht passiv sind aber dennoch Passivität ausdrücken.

Machen Sie das besser und formulieren Sie lieber weitgehend aktiv. Das Passiv, deutsch „Leidensform“, bieten sich dann an, wenn wir tatsächlich etwas erleiden, wenn wir nichts gegen etwas tun können und das Leiden betonen wollen. So etwas vermittelt Verständnis, beruhigt kurz, liefert aber keine Sicherheit, keine Orientierung. Außerhalb der Politik ist das nicht förderlich für die Karriere.

 

 

4. Wir-Formulierungen

 

Mitunter verwendet sie Wir-Formulierungen, die verbinden sollen, an Stellen, an denen diese von großen Teilen des Publikums so nicht als Gemeinsamkeit empfunden werden. Das Publikum sieht sich dann nicht als Teil des Wir. Das vertieft den Graben zusätzlich. Außerdem vermeidet das ständige Wir, statt dem beherzten Ich einen eigenen Standpunkt einzunehmen. Das führt in die Beliebigkeit.

 

Beispiel:

  • Szenen bei YouTube (externer Link)

 

 

5. Man-Formulierungen

 

Die Man-Formulierungen wirken schwammig. Sie lassen offen, wer für die anstehenden Aufgaben verantwortlich ist. Sie vermeidet dadurch eindeutige Positionen zu vertreten. Eine Absicht könnte die dadurch größere Flexibilität bei späteren Richtungskorrekturen sein.

 

 

6. Allgemeinplätze

 

Sie bleibt durch Allgemeinplätze und Floskeln meist schablonenhaft abstrakt und unangreifbar. Nur niemanden erregen! Dann schon lieber wiederholen, was schon bekannt ist und keine Wellen macht. Das liefert allerdings keine Orientierung und beruhigt nur kurzfristig.

 

 

 

Versprecher

 

Sie redet viel, das bringt ihr Beruf so mit sich. Sie verheddert sich – das passiert. Sie verspricht sich allerdings oft und wie manche glauben ist gerade das offenbarend. Es verrät, was sie tatsächlich denkt. Es folgen ein paar Beispiele:

 

1. Wasch mich, aber mach mich nicht nass

 

Sie behauptet in einer Gesprächsrunde offen für Verbesserungsvorschlägen zu sein, lädt dazu ein sie ihr zu geben und sagt dann; „… denn Deutschland soll so bleiben, wie es ist!“

 

Beispiel:

  • Szene bei YouTube (externer Link)

 

 

2. Antisemitismus ist staatliche Pflicht

 

Anlässlich der Pariser Terroranschläge gab Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Regierungserklärung ab. Dort erlaubte sie sich einen sehr groben Versprecher und erklärte „Antisemitismus ist staatliche Pflicht“. Die Abgeordneten applaudierten ihr kurz darauf jedoch unbeeindruckt. Ist das ein Hinweis auf besondere Loyalität ihr gegenüber oder dafür, dass ihr nicht sehr aufmerksam zugehört wird?

 

Beispiel:

  • Szene bei YouTube (externer Link)

 

 

3. Wunschkoalitionspartner

 

Ein Versprecher der Kanzlerkandidatin Angela Merkel führte im Sommer 2005 zur Belustigung im Bundestag. In ihrer Rede machte sie auch Angaben über den künftigen Koalitionspartner der Union: „Rot-Grün kann unser Land nicht mehr regieren, die PDS darf unser Land nicht regieren, CDU und CSU gemeinsam mit der SPD…“ Das führte zu lautem Gelächter bei der zu diesem Zeitpunkt noch regierenden Koalition von Rot-Grün. Angela Merkel berichtigte daraufhin ihren Fehler und betonte mehrmals, dass der künftige Koalitionspartner ausschließlich die FDP sei.

 

 

4. Schengen oder Dublin

 

Bei einer anderen Gelegenheit scheint es so, als verwechsle sie das Schengen-Abkommen (externer Link zu Wikipedia) mit dem Dublin-Übereinkommen (externer Link zu Wikipedia). Zufall?

 

Beispiel:

  • Szene bei YouTube (externer Link)

 

 

 

Freudsche Versprecher oder…?

 

Ob unbewusst beeinflusst oder vollkommen zufällige Versprecher, wer weiß das zu sagen? Mit entsprechender Vorbereitung lassen sich solche Patzer reduzieren. Ihre Wortverwechslungen wirken auch deshalb unfreiwillig komisch, weil sie dabei, genau wie beim übrigen Text, emotional unbeteiligt wirkt. Das gilt auch für so manches von ihr wohl schlichtweg nicht verstandene Konzept wie brutto und netto. Sie gibt regelmäßig und unumwunden zu, dass für sie vieles Neuland ist, nicht nur das Internet. Viele andere Redner würden bei einem Blackout panisch werden. Sie bleibt, wie sie ist. Es ist für sie wohl oft einfach kein erwähnenswertes Thema; nichts, das aus ihrer Sicht der Aufmerksamkeit wert ist. Denjenigen, denen das wichtig ist, vermittelt sie so jedoch keinen Vertrauen fördernden Eindruck.

 

 

Mehr Beispiele?

 

Hier sind sie (externe Links zu YouTube und Co.):

Schlagfertigkeit

 

Ihre Aussage „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ ist wohl nicht absichtlich so komisch. Doch Sie kann durchaus schlagfertig sein und Humor an den Tag legen. Beispiele gefällig?

 

1. Barack Obama

 

Merkel hatte Barrack Obama 2008 verwehrt, als damaliger Präsidentschaftskandidat bei einem Berlin-Besuch am Brandenburger Tor zu sprechen. Daraufhin folgt lange Zeit kein entsprechender Besuch mehr in Berlin. Am 7. Juni 2011 entgegnete sie auf die Debatte, dass er einen Bogen um Berlin mache; „Ich kann versprechen, das Brandenburger Tor steht noch eine Weile.“

 

 

2. Kanzlerschaft

 

Am 17. September 2012 beantwortete sie die Frage, wie sich eine Große Koalition von einer schwarz-gelben Koalition unterscheidet: „In einer Großen Koalition gibt es immer noch einen Partner, der möchte auch den Kanzler stellen. … Herr Rösler ist gerne Vizekanzler und das kann ich gut verstehen.“

 

 

3. FDP

 

Am 4. Dezember 2012 sagte sie auf dem CDU-Parteitag zu den Turbulenzen in der Koalition mit dem damaligen Koalitionspartner FDP; „Auch mir hat eine Satiresendung schon einmal richtig aus der Seele gesprochen, als es dort hieß: Gott hat die FDP vielleicht nur erschaffen, um uns zu prüfen.“

 

 

4. CSU

 

Am 19. Oktober 2012 sagte sie in Richtung CSU-Parteivorsitzenden Horst Seehofer: „Wir machen es uns nicht zu jeder Sekunde einfach. Das ist so eine Art Test, wer noch wie viel Kraft hat.“

 

 

5. Durchhaltevermögen

 

Im Gespräch mit der Frauenzeitschrift Brigitte antwortete sie am 2. Mai 2013 auf die Frage, ob sie wirklich nur vier Stunden Schlaf brauche; „Nein. Ich habe gewisse kamelartige Fähigkeiten. Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber dann muss ich mal wieder auftanken.“

 

 

 

Redeaufbau

 

Während manche vermutlich länger vorbereiteten Reden oder Ansprachen eine durchdachte Redestruktur erkennen lassen, ist dies bei spontanen Beiträgen schwer erkennbar oder folgt einem, für sie typischen, unspektakulären Format. Berechenbarer Einstieg, Begrüßung, Themeneinheit, Themeneinheit, Themeneinheit, … , Verabschiedung. Das ist schade, weil sich durch einen strategischen Redeaufbau die Wirkung deutlich steigern lässt; es ist interessante zuzuhören und bringt die Menschen dazu sich für etwas einzusetzen.

 

Beispiel:

  • Szene bei YouTube (externer Link)
    Wenig bewegende Rede mit verhaltenem Applaus beim EPP Congress in Dublin

 

 

 

Ausstrahlung

 

Aufgefordert, sie zu beschreiben, nennen viele ihre Nüchternheit und ihre Reserviertheit  als besonders auffällig. Vor der Flüchtlingskrise war das Bild, das sich die Welt von Angela Merkel macht, eine Mischung aus Bewunderung und Kritik. Ihre Beschreibung hatte große Ähnlichkeit mit dem Bild der Deutschen überhaupt: Effizienz und Bodenständigkeit, gepaart mit unterkühlter Arroganz bei gleichzeitig ungelenken, fast schüchternem Auftreten. Mit der Wirtschaftskrise und Griechenland änderte sich im Ausland die Wahrnehmung von ihr, während ihr Ansehen in Deutschland weitgehend kontinuierlich war. Viele Deutsche betrachteten sie als beständigen Faktor. Seit der Flüchtlingskrise fallen nicht nur im Ausland die Beschreibungen recht unterschiedlich aus. Sie sind oft nicht sehr schmeichelhaft. Aber, das sind ja auch nicht ihre Wähler. Wobei ihr auch innerparteilich nun mitunter Gegenwind entgegenweht.

Nun, das kennt sie ja. Sie sagte am 16. November 2012, nach ihrer Kritik an der Menschenrechtspolitik von Russlands Präsident Wladimir Putin und unter Verweis auf die häufige Kritik an ihr in Deutschland; „Wenn ich da immer gleich eingeschnappt wäre, könnte ich keine drei Tage Bundeskanzlerin sein.“

 

 

1. Selbstkontrolle

 

Zwischenrufe quittiert sie oft nur mit minimalen Regungen. Sie legt viel Selbstdisziplin an den Tag, wenn es darum geht, nicht auf Provokationen zu reagieren. Das und die Bereitschaft des konstruktiven Streitens vermissen allerdings viele Beobachter. Schließlich belebt das die Demokratie. Blutleere Debatten sind die Folge.

„Ja, es ist ein großer Vorteil aus DDR-Zeiten, dass man gelernt hat zu schweigen. Das war eine der Überlebensstrategien“, sagte sie schon einige Zeit vor der Vereidigung zur Kanzlerin zu ihrer Biografin Evelyn Roll.

 

Beispiel:

  • Szene bei YouTube (externer Link)

 

 

2. Emotionen

 

Bei ihren Auftritten wirkt sie bei emotionalen Anforderungen überfordert auf mich. Das scheint ihr unangenehm zu sein. Ich denke da vor allem an die Szene, bei der es eine Diskussionsrunde um die Flüchtlingspolitik gab und ein weinendes Mädchen ihren Auftritt durcheinanderbrachte. Ihr Versuch, mit der Situation umzugehen, wirkte äußerst unbeholfen und aus der Sicht mancher Zuschauer sogar zynisch. Ist sie in dieser Situation ihrer Rolle als Bundeskanzlerin treu und somit authentisch geblieben, weil sie nichts versprochen hat, dass nicht in die Strategie passte?

Gerade emotionale Moment stecken voller Chancen. Wer die Massen bewegen will, nutzt solche Momente.

Beispiel:

 

 

 

Entwicklung

 

Unser Anspruch heißt: Wir wollen Volkspartei bleiben, auch im 21. Jahrhundert. … Wir wollen die große Volkspartei der Mitte sein.

Angela Merkel am Wahlabend des 27. September 2009

 

Die in vielen Augen als so konturlose geltende Kanzlerin gehört zu den wenigen Politikern, die sich ihre Persönlichkeit weitgehend bewahrt haben. Merkel war bereits 35 Jahre alt, als sie in die Politik ging. In diesem Alter ändert sich nicht mehr so leicht die gesamte Persönlichkeit.

Im Laufe der Jahre hat sich die Rhetorik der Bundeskanzlerin trotz offensichtlich ungenutzter Potenziale nur relativ wenig entwickelt. Ihr Auftreten ist hingegen im Laufe der Zeit souveräner geworden.

 

 

 

Gesamteindruck

 

Sie ist sich treu geblieben. Die Bundeskanzlerin verzichtet auf viele klassische Möglichkeiten, um sich und ihr Angebot überzeugend zu präsentieren. Sie vermeidet, was sonst als erstrebenswert gilt; eine Beziehung zum Publikum zu fördern, es zu aktivieren. Sie erklärt, wie die Dinge sind, anstatt für etwas zu werben oder gar zu streiten. So wirken ihre Auftritte unnatürlich und mitunter sogar befremdlich. Wer sein Publikum für sich gewinnen will, findet hier mehr Beispiele dafür, was im üblichen Sinne hinsichtlich wirksamer Rhetorik fehlt.

 

 

 

Fazit

 

Sie ist wahrlich flexibel:

We­der ein ge­ne­rel­les Tem­po­li­mit auf Au­to­bah­nen noch eine Maut für Pkw sind mit der Union zu ma­chen.

Angela Merkel zu Spie­gel on­line am 31. Au­gust 2005

 

Wer kann ihr übelnehmen, wenn sie möglichst der öffentlichen Meinung folgt? Wenn sie merkt, wie tief unsere Angst vor den tödlichen Risiken der Atomkraftwerke verwurzelt ist, dann lässt sie die Reaktoren abschalten. Wenn ihr jemand sagt, wie ungern die Bevölkerung die Bundeswehr in Krisenregionen schickt, dann stimmt sie neuen Einsätzen nicht mehr zu. Wenn sie bemerkt, wie kritisch große Teile der Bevölkerung manches Wirtschaftsgebahren empfindet, dann schreibt sie den Mindestlohn in das Wahlprogramm. So strebt sie an, wie sie es nach der Bundestagswahl ankündigte, die Kanzlerin aller Deutschen zu sein. Und das hat für sie eine Weile recht gut funktioniert und sie zumindest bis zur Flüchtlingskrise oben gehalten.

Auf den ersten Blick ist unverständlich, weshalb sie so viele Möglichkeiten der Rhetorik ungenutzt lässt. Allerdings spricht einiges dafür, dass Angela Merkels Rhetorik durchaus Teil einer Strategie ist, die sich allerdings nur für spezielle Bereiche wie politische Organisationen eignen dürfte. Schließlich dürfen wir ihr den Zugang zu rhetorischen Beratern und Redenschreibern unterstellen.

Anmerkungen

 

In den Beiträgen der Serien Körpersprache und Rhetorik-Check geht es darum, die rhetorische Wirkung ausgewählter Personen zu analysieren. Jegliche politische Bewertung bleibt dabei außen vor und ist auch in den Kommentaren nicht erwünscht. Stattdessen geht es darum, anhand der Beispiele zu erkennen, was unter welchen Umständen funktioniert und was nicht, was lässt sich für eigene Zwecke lernen. Mit anderen Worten; es geht nicht um das Nörgeln, sondern das Aufdecken von Potenzialen.

Umfrageergebnis

 

Wie schätzen Sie die rhetorischen Fähigkeiten von Frau Angela Merkel ein?

%

Sehr gut

%

Gut

%

Befriedigend

%

Ausreichend

%

Mangelhaft

%

Ungenügend

Ergebnis einer nichtrepräsentativen Umfrage auf www.karstennoack.de (2016, n= 1308)

P.S.

 

Was ist Ihre Meinung dazu? Was ist Ihnen an der Rhetorik und den Auftritten der Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgefallen?

Die Artikel sind meist kurze Auszüge der umfangreicheren Kursunterlagen, die Teilnehmende im entsprechenden Gruppen- oder Einzeltraining oder im Coaching erhalten.

Autor: Karsten Noack
Erstveröffentlichung: 8. Oktober 2016
Überarbeitung: 8. August 2019
Englische Version:
AN: #62116
K: CNB
Ü:

Bundeskanzlerin Angela Merkel im ZDF-Sommerinterview 2016

Bundeskanzlerin Angela Merkel im ZDF-Sommerinterview 2016

Kurze Analyse des Interviews vom 10. Juli 2016 im ZDF
Bundeskanzlerin Angela Merkel im ZDF-Sommerinterview 2016

Im ZDF-Sommerinterview am 10. Juli 2016 stellte Bettina Schauten der Bundeskanzlerin Angela Merkel Fragen zu Themen wie Brexit, Flüchtlingskrise, Gauck-Nachfolge und Kanzlerkandidatur 2017.

Im ZDF-Hauptstadtstudio geschieht, was in solchen Situationen meist geschieht: Angela Merkel lässt provokante Fragen zu heiklen Themen unbeantwortet und umschifft weitgehend unbeeindruckt schwierige Themen. Und was sagt ihre Körpersprache?

 

 

 

Stichworte

 

So richtig spannend war es aus meiner Sicht nicht. Allerdings ist das selbst für eine erfahrene Journalistin wie Frau Schausten nur selten möglich Spitzenpolitiker aus der Reserve zu locken. Hier folgen ein paar Gedanken und den ausführlicheren Artikel zur Körpersprache und einen Rhetorik-Check finden Sie auf www.karstennoack.de im Blog.

 

 

 

Wo ist die Merkelraute geblieben?

 

Es mag auch an der Sitzhaltung und der Kameraführung gelegen haben; die Merkelraute ist mir nicht aufgefallen. Ich habe mir zwischendurch allerdings auch einen anregenden Kaffee geholt, da ich das Interview ansonsten als etwas unspektakulär empfand.

 

 

 

Brexit

 

Angela Merkel hält den Brexit für unumkehrbar und ihre Körpersprache sagt nichts Widersprüchliches dazu.

 

 

 

Kanzlerkandidatur 2017

 

Auf die Frage, ob sie sich bereits entschieden habe, ob sie 2017 wieder als Kanzlerkandidatin der Union antritt, antwortete sie nicht. Von ihrer Mimik lässt sich keine eindeutige unbewusste Entscheidung ablesen.

 

 

 

Doktorarbeit

 

Als sie mit dem Thema Promotion konfrontiert wird, taucht für einen Sekundenbruchteil eine Veränderung im Gesichtsausdruck auf; die Lippen sind nach außen gezogen und die Augenbrauen hochgezogen. Kurz darauf zeigt sie Anzeichen von Erleichterung.

 

 

 

Gesamteindruck

 

Insgesamt wirkt Angela Merkel recht souverän in diesem Interview. Sie lässt sich nur darauf ein, worauf sie will. Dabei sind kaum Hinweise als Stressreaktionen zu finden, sogar Hinweise für echte Freude sind erkennbar, an denen gleich zahlreiche Muskeln im Gesicht (Ducenne-Lächeln) einschließlich der Augen beteiligt sind. Wenn Sie angestrengt ist, verspricht sie sich etwas und wir hören so manches Äh beispielsweise bei den Arbeitsplatzzahlen. „Schauen Sie…” Auf die meisten Fragen antwortet sie wie üblich, indem sie die Dinge erklärt, so wie sie nun mal (aus ihrer Sicht) sind. Es gelingt ihr sich nicht das Heft aus der Hand nehmen zu lassen.

 

 

 

Sie wollen sich eine eigene Meinung machen?

 

Schauen Sie sich doch in Ruhe das gesamte Sommerinterview an. Der ausführliche Artikel Rhetorik-Check und Körpersprache der Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt Ihnen Hinweise, worauf Sie hinsichtlich Ausstrahlung, Sprache, Redeaufbau, Mimik, Gestik, Stimme, und Strategien achten können. Viel Spaß!

 

 

 

P.S.

 

Und was fällt Ihnen auf? Was hat Sie verbal und insbesondere körpersprachlich überzeugt und was nicht?

Ergänzende Artikel

 

Klartext statt Wischiwaschi: Eindeutig kommunizieren

Klartext statt Wischiwaschi

Eindeutig kommunizieren
Eindeutige Aussagen statt Wischiwaschi

Klartext statt Wischiwaschi: Wie du eindeutig sprichst, ohne unnötig hart zu werden

 

„Vielleicht könnte man eventuell einmal darüber nachdenken, ob …“

Da fehlen eigentlich nur noch drei Konjunktive.

Dann ist vollkommen unklar, was der Mensch möchte.

Wir alle kennen solche Formulierungen.

Besonders häufig tauchen sie auf, wenn etwas auf dem Spiel steht.

Eine wichtige Entscheidung.

Ein Konflikt.

Eine unbequeme Meinung.

Eine Forderung.

Eine Grenze.

Oder die Möglichkeit, dass jemand widerspricht.

Dann wird aus:

„Ich halte diesen Vorschlag für falsch.“

schnell:

„Ich weiß natürlich auch nicht, vielleicht sehe ich das etwas anders …“

Das klingt vorsichtiger.

Der Preis dafür kann hoch sein:

Die eigentliche Botschaft verschwindet.

 

 

 

Klarheit ist mehr als eine Frage der Rhetorik

 

Klare Sprache beginnt für mich weit vor der Wortwahl.

Sie beginnt mit einer Frage:

Was möchte ich eigentlich sagen?

Erstaunlich häufig liegt genau dort das Problem.

Wir suchen nach einer überzeugenden Formulierung, obwohl unsere Position selbst noch unklar ist.

Was denke ich?

Was möchte ich?

Was empfehle ich?

Was lehne ich ab?

Wofür bin ich bereit?

Wo liegt meine Grenze?

Wer diese Fragen beantworten kann, findet meistens auch leichter klare Worte.

Klar sprechen beginnt mit klarem Denken.

 

 

 

Weshalb wir unsere Aussagen abschwächen

 

Sprachliche Weichmacher entstehen aus unterschiedlichen Gründen.

Manchmal sind wir tatsächlich unsicher.

Manchmal möchten wir höflich sein.

Manchmal möchten wir dem Gegenüber Spielraum geben.

Und manchmal möchten wir uns vor einer möglichen Reaktion schützen.

Dann sagen wir beispielsweise:

„Ich meine ja bloß …“

„Vielleicht liege ich völlig falsch …“

„Das ist wahrscheinlich eine dumme Idee …“

„Eigentlich wollte ich nur sagen …“

„Vermutlich sehen das alle anders …“

„Ich versuche mal …“

Solche Formulierungen können etwas Merkwürdiges bewirken:

Wir widersprechen unserer eigenen Botschaft, bevor jemand anderes Gelegenheit dazu bekommt.

 

 

 

Die vorauseilende Selbstentwertung

 

Besonders ungünstig finde ich Sätze wie:

„Vielleicht ist das eine blöde Frage, aber …“

Was soll das Gegenüber jetzt denken?

Du hast gerade selbst angekündigt, dass wenig Brauchbares folgt.

Oder:

„Ich kenne mich damit kaum aus, aber …“

Vielleicht ist dieser Hinweis relevant.

Vielleicht entwertest du damit einen Gedanken, der sehr wohl Aufmerksamkeit verdient.

Oder:

„Wahrscheinlich funktioniert meine Idee sowieso nicht …“

Dann braucht es schon einen ausgesprochen motivierten Zuhörer, um begeistert einzusteigen.

Natürlich darfst du Unsicherheit benennen.

Die Frage lautet:

Ist diese Einschränkung sachlich erforderlich – oder schützt sie mich vor möglichem Widerspruch?

 

 

 

Klarheit bedeutet keineswegs maximale Härte

 

Hier liegt mir eine wichtige Differenzierung am Herzen.

Klare Kommunikation bedeutet weniger:

immer direkt,

immer bestimmt,

immer absolut,

immer ohne Konjunktiv.

Das wäre ebenfalls wenig souverän.

Vergleiche:

„Das wird scheitern.“

mit:

„Nach meiner Einschätzung ist das Risiko sehr hoch.“

Der zweite Satz enthält eine Einschränkung.

Und kann trotzdem wesentlich professioneller sein.

Denn vielleicht weißt du schlicht weniger, als der erste Satz behauptet.

Gute Klarheit macht Aussagen so stark, wie die Grundlage sie trägt.

Keinen Millimeter schwächer.

Und keinen Millimeter stärker.

 

 

 

Weichmacher haben eine wichtige Funktion

 

Wörter wie:

vielleicht,

möglicherweise,

wahrscheinlich,

nach meiner Einschätzung,

unter diesen Voraussetzungen

oder

soweit wir heute wissen

sind keineswegs grundsätzlich schlechte Sprache.

Sie können Präzision schaffen.

Wissenschaftliche Aussagen brauchen beispielsweise häufig solche Abstufungen.

Ebenso Prognosen.

Risikoabschätzungen.

Oder Situationen mit unvollständigen Informationen.

Problematisch werden Weichmacher dort, wo sie weniger die Realität beschreiben als unsere Angst vor einer klaren Position.

 

 

 

Der entscheidende Unterschied

 

Vergleiche:

„Die Zahlen deuten darauf hin, dass wir unser Ziel wahrscheinlich verfehlen.“

Hier beschreibt „wahrscheinlich“ den Grad der Sicherheit.

Und:

„Vielleicht könnten wir möglicherweise überlegen, ob wir das Ziel irgendwie anpassen sollten.“

Hier verschwimmt die Handlungsempfehlung.

Das eine ist Differenzierung.

Das andere ist Wischiwaschi.

 

 

 

Eindeutigkeit braucht Verantwortung

 

Eine klare Aussage macht dich sichtbar.

„Ich empfehle Variante B.“

Jetzt kann jemand fragen:

Warum?

„Ich bin gegen diesen Vorschlag.“

Jetzt kannst du Widerspruch bekommen.

„Diese Grenze möchte ich gewahrt wissen.“

Jetzt muss sich möglicherweise etwas verändern.

Genau deshalb besitzt klare Sprache auch mit Verantwortung zu tun.

Wer Position bezieht, macht sich ansprechbar.

Klarheit bedeutet: Ich stehe zu dem, was ich sage.

 

 

 

Führung braucht Orientierung

 

Besonders relevant wird das bei Menschen in verantwortungsvollen Positionen.

Stell dir vor, ein Team wartet auf eine Entscheidung.

Die Führungskraft sagt:

„Wir könnten uns möglicherweise vorstellen, zunächst einmal in Richtung Variante B weiterzudenken.“

Was bedeutet das?

Ist B entschieden?

Soll weiter geprüft werden?

Wer soll jetzt etwas tun?

Wann wird entschieden?

Menschen brauchen Orientierung.

Deshalb kann Führungssprache sehr einfach sein:

„Wir entscheiden uns für Variante B. Dafür sprechen drei Gründe.“

Oder:

„Heute entscheide ich noch nicht. Uns fehlt die Kostenanalyse. Sobald sie Freitag vorliegt, treffen wir die Entscheidung.“

Beides ist klar.

Auch das bewusste Offenlassen einer Entscheidung kann eindeutig kommuniziert werden.

 

 

 

Klarheit bedeutet auch: Ich weiß es noch nicht

 

Einer der souveränsten Sätze kann lauten:

„Das weiß ich derzeit nicht.“

Oder:

„Dazu habe ich noch keine belastbare Einschätzung.“

Das ist wesentlich klarer als eine fünfminütige Antwort, die Kompetenz simuliert und wenig sagt.

Eindeutigkeit verlangt keineswegs Gewissheit.

Sie verlangt Ehrlichkeit darüber, wie sicher deine Aussage tatsächlich ist.

 

 

 

Drei Ebenen klarer Kommunikation

 

Ich unterscheide gerne drei Ebenen.

 

 

1. Was weiß ich?

Fakten.

Beobachtungen.

Vereinbarungen.

Nachprüfbare Informationen.

 

2. Was denke ich?

Interpretationen.

Einschätzungen.

Prognosen.

Bewertungen.

 

3. Was möchte ich?

Empfehlungen.

Entscheidungen.

Bitten.

Forderungen.

Grenzen.

Viele Missverständnisse entstehen, weil diese Ebenen vermischt werden.

„Das funktioniert nicht.“

Ist das eine Tatsache?

Eine Prognose?

Eine Meinung?

Oder bedeutet es eigentlich:

„Ich möchte diese Lösung nicht“?

Je sauberer du diese Ebenen trennst, desto klarer wird deine Kommunikation.

 

 

 

Klarheit in Konflikten

 

Gerade im Konflikt kann Wischiwaschi verführerisch sein.

Du möchtest etwas ansprechen und gleichzeitig Harmonie bewahren.

Dann sagst du:

„In letzter Zeit war es manchmal vielleicht ein bisschen schwierig …“

Das Gegenüber versteht möglicherweise wenig.

Klarer wäre:

„Wir hatten vereinbart, dass du mich vor Änderungen informierst. Das ist in den vergangenen beiden Fällen ausgeblieben. Ich möchte, dass wir diese Vereinbarung künftig einhalten.“

Klarheit muss keineswegs verletzend sein.

Im Gegenteil.

Eine eindeutige Botschaft kann respektvoller sein als ein Vorwurf, den das Gegenüber erst entschlüsseln muss.

 

 

 

Klare Grenzen brauchen wenige Worte

 

Das gilt besonders für Grenzen.

„Eigentlich wäre es mir vielleicht lieber, wenn …“

klingt wie ein Wunsch.

Wenn du eine Grenze meinst, darf sie auch wie eine Grenze klingen.

Zum Beispiel:

„So möchte ich nicht angesprochen werden.“

Oder:

„Dafür stehe ich nicht zur Verfügung.“

Oder:

„Wenn wir weiterreden, dann ohne persönliche Angriffe.“

Keine lange Rechtfertigung.

Keine Abwertung.

Einfach Orientierung.

 

 

 

Klarheit und Wertschätzung passen hervorragend zusammen

 

Manche Menschen fürchten, durch klare Sprache unfreundlich zu wirken.

Dabei sind Klarheit und Wertschätzung hervorragende Partner.

Du kannst sagen:

„Ich verstehe deinen Wunsch. Ich werde ihn trotzdem nicht erfüllen.“

Oder:

„Ich sehe, wie wichtig dir das ist. Meine Entscheidung bleibt bestehen.“

Oder:

„In diesem Punkt kommen wir zu unterschiedlichen Einschätzungen.“

Du respektierst den Menschen.

Und bleibst bei deiner Position.

Das ist für mich wesentlich souveräner als künstliche Harmonie.

 

 

 

Vorsicht mit absoluten Aussagen

 

Es gibt allerdings auch das Gegenteil von Wischiwaschi:

übertriebene Eindeutigkeit.

Immer.

Nie.

Alle.

Niemand.

Völlig eindeutig.

Garantiert.

Ohne jeden Zweifel.

Solche Wörter erzeugen Stärke.

Und manchmal machen sie eine Aussage sachlich schwächer.

„Das funktioniert nie.“

Eine einzige Ausnahme reicht.

„Alle Kunden wollen das.“

Wirklich alle?

„Das ist garantiert die beste Lösung.“

Auf welcher Grundlage?

Klare Sprache braucht deshalb Präzision.

Eindeutig ist etwas anderes als absolut.

 

 

 

Sprache zeigt den Grad deiner Sicherheit

 

Ich finde es hilfreich, sprachlich verschiedene Sicherheitsgrade ausdrücken zu können.

Zum Beispiel:

Sicher:
„Die Sitzung beginnt um 14 Uhr.“

Sehr wahrscheinlich:
„Nach den bisherigen Zahlen werden wir das Quartalsziel erreichen.“

Einschätzung:
„Ich halte Variante B für überzeugender.“

Möglichkeit:
„Eine Erklärung könnte sein, dass …“

Offen:
„Dazu fehlen mir derzeit ausreichende Informationen.“

Alle fünf Aussagen können ausgesprochen klar sein.

Klarheit entsteht dadurch, dass der Zuhörer weiß, welchen Status deine Aussage hat.

 

 

 

Der Klartext-Check

 

Vor einem wichtigen Gespräch, einer Präsentation oder Entscheidung helfen sieben Fragen:

 

1. Was möchte ich tatsächlich sagen?

Formuliere die Botschaft in einem Satz.

 

2. Was davon weiß ich – und was schätze ich ein?

Trenne Fakten und Interpretation.

 

3. Was möchte ich vom Gegenüber?

Information?

Entscheidung?

Handlung?

Verständnis?

 

4. Welche Wörter schwächen meine Aussage unnötig?

Streiche sprachliche Rückzugsmöglichkeiten, die keinen sachlichen Zweck erfüllen.

 

5. Welche Einschränkungen sind fachlich erforderlich?

Behalte sie.

Präzision ist stärker als künstliche Gewissheit.

 

6. Kann ich die Aussage respektvoll vertreten?

Klarheit braucht keine Härte.

 

7. Bin ich bereit, zu meiner Botschaft zu stehen?

Das ist häufig die entscheidende Frage.

 

 

 

Ein kleines Experiment

 

Hör dir heute selbst beim Sprechen zu.

Achte auf Wörter wie:

eigentlich,

irgendwie,

vielleicht,

eventuell,

ein bisschen,

ich versuche,

ich wollte nur,

wahrscheinlich,

möglicherweise.

Streiche sie keineswegs automatisch.

Frage stattdessen jedes Mal:

Welche Aufgabe erfüllt dieses Wort?

Macht es meine Aussage präziser?

Dann darf es bleiben.

Macht es meine Aussage kleiner, weil ich mich vor ihrer Wirkung schützen möchte?

Dann probiere den Satz einmal ohne dieses Wort.

Manchmal verändert ein einziges gestrichenes „eigentlich“ erstaunlich viel.

 

 

 

Fazit: Sage, was du meinst

 

Klarheit bedeutet weniger, laut aufzutreten.

Sie braucht auch keine absolute Gewissheit.

Und sie verlangt keineswegs, jede Botschaft möglichst hart zu formulieren.

Klarheit bedeutet:

Dein Gegenüber kann verstehen, was du weißt, was du denkst und was du möchtest.

Benenne Unsicherheit, wo sie vorhanden ist.

Beziehe Position, wo du eine Position hast.

Sage Nein, wenn du Nein meinst.

Sage „Ich weiß es noch nicht“, wenn du es noch nicht weißt.

Und verstecke eine klare Botschaft weniger hinter sprachlichen Wattebäuschen.

Denn gute Kommunikation macht Menschen das Leben leichter.

Sie schafft Orientierung.

Sage so eindeutig, wie du es verantworten kannst – und so differenziert, wie die Wirklichkeit es verlangt.

P.S.​

 

Wie steht es mit Fragen oder Kommentaren dazu?

Eindeutige Aussagen statt Wischiwaschi!

Artikel

Vorsichtig mit Konjunktiven (Möglichkeitsform)

Selbst bei erfahrenen Rednern schleichen sich eigenartige Gewohnheiten ein. Manche davon fühlen sich vertraut an, weil sie so weit verbreitet sind. Das ändert allerdings nichts daran, dass sie entweder nicht hilfreich und oft sogar schädlich sind. Dazu gehören Formulierungen mit unnötigen Konjunktiven.

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Autor: Karsten Noack 
Erstveröffentlichung: 6. Juli 2016
Überarbeitung: 02. Mai 2026

Hass und Polarisierung: Was gute Streitkultur braucht

Wenn gesellschaftliche Debatten zu Hass werden: Was wir gegen die Eskalation tun können

Hass und Polarisierung: Was gute Streitkultur braucht
Welle des Hasses in Deutschland: Bluttriefende E-Mails, tote Ratten und tätliche Angriffe

Wenn gesellschaftliche Debatten zu Hass werden: Was wir gegen die Eskalation tun können

 

Eine harte Auseinandersetzung gehört zu einer lebendigen Gesellschaft.

Menschen dürfen widersprechen.

Sie dürfen protestieren.

Sie dürfen politische Entscheidungen kritisieren.

Sie dürfen deutlich werden.

Doch etwas verändert sich, sobald aus Widerspruch Verachtung wird.

Wenn aus Kritik Beleidigung wird.

Aus Empörung Bedrohung.

Und aus politischen Gegnern Menschen, denen zunehmend die Legitimität abgesprochen wird.

Eine Demokratie braucht Streit.

Sie braucht zugleich Regeln, unter denen dieser Streit möglich bleibt.

 

 

 

Hass und politische Gewalt sind reale Probleme

 

Beleidigungen, Bedrohungen und Angriffe gegen politisch engagierte Menschen sind mehr als ein unangenehmer Nebeneffekt öffentlicher Auseinandersetzungen.

Sie können Menschen einschüchtern.

Sie können dazu führen, dass sich Menschen aus politischem oder gesellschaftlichem Engagement zurückziehen.

Und sie können das Klima verändern, in dem öffentliche Debatten stattfinden.

Deshalb lohnt sich die Frage:

Wie können wir leidenschaftlich streiten, ohne den anderen Menschen zum Feind zu erklären?

 

 

 

Konflikt ist etwas anderes als Feindseligkeit

 

Politische und gesellschaftliche Konflikte verschwinden kaum dadurch, dass wir weniger darüber sprechen.

Unterschiedliche Interessen gehören zum Zusammenleben.

Menschen haben verschiedene Werte.

Sie beurteilen Risiken unterschiedlich.

Sie haben unterschiedliche Erfahrungen und Prioritäten.

Das Problem beginnt daher selten mit dem Widerspruch selbst.

Problematisch wird es, wenn aus einer unterschiedlichen Position ein Urteil über den gesamten Menschen entsteht.

Dann lautet die Botschaft schnell:

Du liegst nicht einfach falsch.

Du bist schlecht.

Dumm.

Bösartig.

Gefährlich.

Ab diesem Punkt wird Verständigung erheblich schwieriger.

 

 

 

Was Polarisierung mit Gesprächen macht

 

Polarisierung verändert die Wahrnehmung.

Zwischentöne verschwinden.

Positionen werden zu Lagern.

Aus einzelnen Aussagen entstehen Zuschreibungen über ganze Gruppen.

Die Frage lautet dann weniger:

„Was meinst du genau?“

und immer häufiger:

„Zu welcher Seite gehörst du?“

Das führt schnell zu Schwarz-Weiß-Denken.

Und Schwarz-Weiß-Denken ist für komplexe gesellschaftliche Fragen ein erstaunlich schlechtes Werkzeug.

 

 

 

Soziale Medien verstärken bestimmte Dynamiken

 

Digitale Plattformen ermöglichen Beteiligung und Austausch in einem Ausmaß, das früher kaum vorstellbar war.

Gleichzeitig verändern sie die Bedingungen von Kommunikation.

Kurze Aussagen konkurrieren um Aufmerksamkeit.

Empörung erzeugt Reaktionen.

Nuancen brauchen Platz.

Kontext braucht Zeit.

Und ein Mensch auf einem Bildschirm lässt sich leichter beschimpfen als ein Mensch, der direkt gegenübersteht.

Deshalb lohnt es sich, vor dem Senden gelegentlich einen Moment länger hinzusehen.

Würde ich diesen Satz einem Menschen auch direkt ins Gesicht sagen?

 

 

 

Zuhören bedeutet keine Zustimmung

 

Hier entsteht häufig ein Missverständnis.

Zuhören bedeutet keineswegs, eine Position zu übernehmen.

Du kannst eine Ansicht ablehnen und trotzdem verstehen wollen, wie jemand zu ihr gelangt ist.

Du kannst einem Argument widersprechen und trotzdem die Person respektieren.

Du kannst Grenzen setzen und gleichzeitig neugierig bleiben.

Zuhören bedeutet zunächst:

Ich möchte verstehen, was du tatsächlich sagst, bevor ich darauf antworte.

 

 

 

Verstehen ist etwas anderes als Recht geben

 

Gerade bei emotionalen Themen wird beides leicht verwechselt.

Wer nach den Gründen einer Position fragt, legitimiert sie dadurch noch lange nicht.

Eine Erklärung ist keine Rechtfertigung.

Das gilt besonders bei Hass, Bedrohung und Gewalt.

Diese Handlungen brauchen klare Grenzen.

Gleichzeitig können Gesellschaft und Wissenschaft danach fragen, welche Faktoren Eskalation fördern und welche Bedingungen sie reduzieren.

Beides lässt sich gleichzeitig tun.

 

 

 

Das Recht auf Widerspruch schützt alle Seiten

 

Eine demokratische Kultur zeigt ihre Stärke gerade dort, wo Menschen widersprechen.

Meinungsfreiheit bedeutet deshalb mehr als die Freiheit der eigenen Meinung.

Sie beinhaltet auch, dass andere Ansichten äußern dürfen, die wir für falsch halten.

Der Rahmen dafür sind Recht, Menschenwürde und die Freiheit anderer Menschen.

Eine gute Debattenkultur braucht deshalb zwei Fähigkeiten:

klar widersprechen und Widerspruch aushalten.

 

 

 

Kritik wird stärker, wenn sie präzise bleibt

 

Beleidigungen wirken häufig wie besonders deutliche Kritik.

In Wirklichkeit machen sie eine Aussage oft schwächer.

„Du bist ein Idiot“ enthält wenig Information.

„Ich halte diese Entscheidung aus drei Gründen für problematisch“ eröffnet eine Debatte.

Präzision erhöht die argumentative Kraft.

Wer überzeugen möchte, profitiert deshalb von einer einfachen Regel:

Kritisiere die konkrete Aussage, Entscheidung oder Handlung.

Mache daraus möglichst kein Gesamturteil über den Menschen.

 

 

 

Sprache beeinflusst das Klima

 

Worte sind Handlungen im sozialen Raum.

Wer Menschen dauerhaft als Feinde, Verräter, Abschaum oder ähnliche Kategorien beschreibt, verändert die Grenze dessen, was im Gespräch normal erscheint.

Das gilt unabhängig davon, aus welcher politischen Richtung solche Begriffe kommen.

Deshalb lohnt sich Verantwortung bei der eigenen Sprache.

Deutlichkeit braucht keine Entmenschlichung.

Empörung braucht keine Beleidigung.

Konflikt braucht keine Verachtung.

 

 

 

Die Versuchung der moralischen Überlegenheit

 

Besonders schwierig werden Debatten, wenn beide Seiten überzeugt sind, ausschließlich die moralisch richtige Position zu vertreten.

Dann wird aus:

„Ich halte dein Argument für falsch“

schnell:

„Ein guter Mensch könnte so etwas gar nicht denken.“

Damit wird eine Sachfrage zur Identitätsfrage.

Und sobald Menschen ihre Identität verteidigen, wird ein Gespräch erheblich schwieriger.

Hilfreicher ist es, Argumente möglichst konkret zu prüfen.

Welche Behauptung steht im Raum?

Welche Belege gibt es?

Welche Interessen spielen eine Rolle?

Welche Folgen hätte die vorgeschlagene Lösung?

 

 

 

Auch gute Absichten schützen vor schlechtem Verhalten kaum

 

Menschen rechtfertigen aggressive Kommunikation häufig mit einem guten Zweck.

Die Sache sei schließlich wichtig.

Genau deshalb müsse jetzt besonders hart gesprochen werden.

Doch ein moralisch wichtiges Ziel macht jedes Mittel noch lange sinnvoll.

Wer Respekt fordert und gleichzeitig Menschen entwürdigt, erzeugt einen Widerspruch zwischen Botschaft und Verhalten.

Die Qualität eines Anliegens zeigt sich auch darin, wie es vertreten wird.

 

 

 

Was tun, wenn eine Diskussion eskaliert?

 

In angespannten Gesprächen helfen einige einfache Prinzipien.

 

1. Konkret werden

Welche Aussage ist strittig?

Welche Entscheidung?

Welches Verhalten?

Je konkreter die Frage, desto geringer wird die Versuchung, ganze Personengruppen zu beurteilen.

 

 

2. Begriffe klären

Menschen verwenden häufig dieselben Wörter und meinen unterschiedliche Dinge.

Frage deshalb:

„Was genau meinst du damit?“

 

 

3. Erst verstehen, dann antworten

Fasse die Position deines Gegenübers so zusammen, dass die Person sich darin wiedererkennt.

Danach formuliere deinen Widerspruch.

 

 

4. Person und Position unterscheiden

Ein problematisches Argument macht einen Menschen noch nicht vollständig zu einem problematischen Menschen.

 

 

5. Grenzen setzen

Ein Gespräch braucht Regeln.

Bei Drohungen, persönlichen Angriffen oder fortgesetzten Beleidigungen darf ein Gespräch beendet werden.

 

 

 

Was Führungskräfte und öffentliche Personen beitragen können

 

Menschen mit großer Reichweite besitzen besondere kommunikative Verantwortung.

Ihre Worte werden häufiger gehört, geteilt und nachgeahmt.

Deshalb ist gerade bei Konflikten Präzision wichtig.

Welche konkreten Handlungen werden kritisiert?

Welche Aussagen sind belegt?

Wo handelt es sich um Interpretation?

Wo bestehen Unsicherheiten?

Welche Sprache trägt zur Klärung bei?

Vorbildliche Kommunikation bedeutet dabei keineswegs, Konflikte weichzuzeichnen.

Sie bedeutet, Konflikte so präzise wie möglich zu benennen.

 

 

 

Was jeder Einzelne beitragen kann

 

Gesellschaftliche Debatten wirken riesig.

Unser eigener Einfluss erscheint dagegen klein.

Und trotzdem entsteht Gesprächskultur aus vielen einzelnen Gesprächen.

Du kannst:

  • Behauptungen prüfen, bevor du sie weitergibst.
  • zwischen Fakten und Bewertungen unterscheiden.
  • nachfragen, bevor du Motive unterstellst.
  • Menschen widersprechen, ohne sie abzuwerten.
  • Unsicherheit eingestehen.
  • eigene Irrtümer korrigieren.
  • Grenzen gegenüber Beleidigungen und Drohungen setzen.
  • Menschen unterstützen, die sachlich und respektvoll diskutieren.

 

 

 

Respekt bedeutet keineswegs Beliebigkeit

 

Respektvolle Kommunikation wird manchmal mit Harmonie verwechselt.

Darum geht es nicht.

Manche Konflikte brauchen deutlichen Widerspruch.

Manche Handlungen brauchen klare Konsequenzen.

Manche Behauptungen brauchen eine entschiedene Widerlegung.

Respekt bedeutet dabei:

Ich kann entschieden gegen deine Position argumentieren, ohne dir deine Würde als Mensch abzusprechen.

 

 

 

Eine lebendige Demokratie braucht Zumutungen

 

Demokratische Debatten sind gelegentlich anstrengend.

Wir hören Ansichten, die uns ärgern.

Wir erleben Entscheidungen, die wir für falsch halten.

Wir müssen Mehrheiten akzeptieren und dürfen gleichzeitig weiter für Veränderungen werben.

Diese Spannung gehört zum demokratischen Zusammenleben.

Die Alternative wäre eine Gesellschaft, in der Widerspruch nur so lange willkommen ist, wie er der eigenen Position entspricht.

 

 

 

Fazit: Mehr Streitkultur, weniger Verachtung

 

Eine offene Gesellschaft braucht Auseinandersetzung.

Sie braucht Menschen, die widersprechen.

Sie braucht Protest.

Sie braucht Kritik.

Und sie braucht Grenzen gegenüber Hass, Bedrohung und Gewalt.

Die entscheidende Aufgabe besteht daher kaum darin, Konflikte abzuschaffen.

Sie besteht darin, mit Konflikten so umzugehen, dass Verständigung weiterhin möglich bleibt.

Streiten wir über Ideen.

Prüfen wir Argumente.

Setzen wir klare Grenzen.

Und behalten wir dabei den Menschen im Blick.

P.S.

 

Wie sthet es mit Kommentaren, Fragen etc.?

Autor: Karsten Noack
Erstveröffentlichung: 21. Juni 2016
Überarbeitung: 02. Mai 2026

Der schöne Schein: Körpersprache in der Politik am Beispiel Hillary Clinton

Der schöne Schein: Körpersprache in der Politik am Beispiel Hillary Clinton

Mit Persönlichkeit und Botschaft überzeugen. Was sich von anderen Personen lernen lässt.
Hillary Clinton's Körpersprache

Körpersprache in der Politik

 

Überzeugende Körpersprache ist ein mächtiger Verbündeter für alle, die an der Unterstützung durch andere Menschen interessiert sind. Sie hilft Politikern gewählt zu werden. Das ist spätestens seit der ersten Fernsehdebatte, 1960 zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy Jr., bekannt. Damals erholte sich Nixon gerade von einer Verletzung und verzichtete noch dazu auf etwas Kosmetik, obwohl er nicht fit aussah. Während des Interviews schwitzte er und sah unsicher aus. Kennedy wirkte hingegen jung, leistungsfähig und souverän. Die überwiegende Anzahl der Fernsehzuschauer war von Kennedy überzeugt, während die Zuhörer vor dem Radio Nixon für überzeugender hielten. Zu sehen bei YouTube™ (externer Link).

Also kein Wunder, dass Körpersprache und sonstige nonverbale Kommunikation gerade in solchen Bereichen möglichst nicht dem Zufall überlassen werden. So gibt es im US-Wahlkampf stets eine Menge über Körpersprache zu lernen.

 

 

 

Hillary Clinton’s Körpersprache

 

In diesem Artikel widme ich mich einigen Beobachtungen zur Körpersprache von Hillary Clinton. Material zur Auswertung steht ja reichlich zur Verfügung.

Im Wahlkampf wirken Hillary Clinton’s Auftritte sehr einstudiert. Da wird möglichst nichts dem Zufall überlassen. Aber irgendetwas fehlt trotzdem — oder gerade deswegen. Sie wirkt dabei nicht authentisch, etwas menschliches fehlt. Da ist keine Leichtigkeit die für Souveränität steht. Ihr Lächeln scheint angestrengt und eingefroren. Es drängt sich der Vergleich mit Bill Clinton auf. Bei ihm wirkt alles etwas lockerer, sympathischer. Er wusste und weiß auch heute noch die Menschen für sich einzunehmen. Wenn er sich am gleichen Ort befindet, strahlt er noch immer etwas mehr aus als Hillary, selbst wenn er nichts sagt. Das dürfte sich auf sie wohl auch zwiespältig auswirken und zu manch einer nonverbalen Reaktion beitragen.

 

 

1. Ekstase

 

Schon in früherer Zeit zeigte sie gerne mit dem Finger in die Menge, so, als würde sie lauter bekannte Gesichter im Publikum erkennen. Auch heute wirkt das bei genauerer Betrachtung zu inszeniert. Auf Fotos mag es gut aussehen und für die Medien ist es wohl auch gedacht.

Auch Mimik und Gestik sind maximal ausgeprägt. Bei ihren Anhängern mag das anders wirken, es gib kulturelle Unterschiede. Für den deutschen Beobachter erinnern besonders die oft extrem weit aufgerissenen Augen und der ebenso weit geöffnete Unterkiefer etwas an die eigenartige Art und Weise der Verkaufspräsentationen auf den Tele-Shopping-Kanälen. Auch Ihr Klatschen wirkt in diesem Sinne etwas eigenartig.

 

 

2. Stimme

 

Hillary Clinton passt ihre Sprechgeschwindigkeit dem Publikum an. Sie spricht langsamer bei Reden im Süden und spricht schneller in New York.

 

 

3. Lächeln

 

Ihr Lächeln erreicht oft nicht die Augen. Auch die bei einem herzlichen Lächeln beteiligten Muskeln um die Lippen herum sind selten aktiv. So entsteht kein Duchenne-Lächeln, das als echtes Lächeln gilt. So ein unvollständiges Lächeln wird eingesetzt, um tatsächliche Emotionen zu maskieren.

 

 

4. Mögliche Hinweise auf Unsicherheit

 

Es ist ihr gut anzusehen, wenn sie sich unwohl fühlt. Sie strahlt dann mehrere Hinweise aus. Ein Beispiel: In einigen verfügbaren Interviewsituationen hebt Hilary Clinton wiederholt für einen kurzen Moment ihre Schultern. Es geschieht unbewusst und ist so kurz, dass es nur bei aufmerksamer Beobachtung vom Publikum bewusst registriert wird. Unbewusst wird es trotzdem aufgenommen. Da sie es an Stellen tut, an denen sie sich nicht wohl zu fühlen scheint, ist dies ein möglicher Hinweis auf Unsicherheit. Die persönliche Verbindung zur aktuellen Botschaft ist dann zu hinterfragen.

Ein anderer oft zu sehender Hinweis auf Unsicherheit ist ihr Lippenlecken. Außerdem versteckt sie manchmal ihre Daumen.

 

 

5. Glaubwürdigkeit

 

Sie sagt; „I’m very comfortable” und zieht dabei die äußeren Augenbrauen hoch. Etwas, dass als Hinweis für Unsicherheit gilt. Sie sagt „I want the American people to see everything.” und schließt die Augen.

Nachdem sie in einer Sendung von Anderson Cooper zu einer Zahlung von Goldman Sachs gefragt wurde, machte sie 2 Schritte nach hinten, während sie antwortet. Zu sehen in der Videoreferenz bei YouTube™ (externer Link). Solche Symbolik schadet der Glaubwürdigkeit der in diesem Fall gegensätzlichen Botschaft.

 

 

6. Sie ist routiniert

 

Sie ist ein Profi; routiniert, zu kontrolliert und genau das wird zu sehr deutlich, da es häufiger im Widerspruch zur Körpersprache steht. Auf jede Frage liefert sie eine Antwort. Sie wirkt durchaus kompetent. Doch Sympathie lässt sich so aufgesetzt nur schwer fördern. Es wirkt so zu berechnend, maskiert. Bei der Wahrnehmung Ihrer Auftritte spielen bei vielen Betrachtern sicher auch ältere Erfahrungen mit ihr eine Rolle. Seit der Lewinsky-Affäre haben viele Menschen den Eindruck sie sei zu berechnend und es fehlen ihr die Emotionen. Sie würde sich einen großen Gefallen tun, an diesem Eindruck zu arbeiten.

 

 

7. Aggressivität

 

Ihre Körpersprache ist eher männlich und aggressiv. Oft wirkt es, als wenn einer ihrer Finger wie der Lauf einer Waffe zielt.

 

 

 

Fazit

 

Etwas mehr Menschlichkeit an den Tag zu legen würde ihrer Ausstrahlung gut tun. Und etwas lockerer würde sie souveräner wirken. Sollte sie die Vorwahlen und schließlich auch die Präsidentschaftswahlen in den USA gewinnen, wird es interessant zu beobachten, ob und wenn ja, wie sich ihre Körpersprache verändert. Ich gehe davon aus, dass es in diesem Fall nach kurzer Zeit einige Unterschiede zu beobachten gibt.

 

 

 

Tipp

 

Beim Betrachten der Körpersprache hilft es bei einem Durchlauf den Ton abzustellen. So lassen sich eigenwillige Hinweise bei Gestik und Mimik leichter erkennen. Um die blitzschnellen Mikrohinweise einzufangen ist HD-Video und häufiges Drücken der Pausentaste erforderlich.

 

Anmerkungen

 

In den Beiträgen der Serien Körpersprache und Rhetorik-Check geht es darum, die rhetorische Wirkung ausgewählter Personen zu analysieren. Jegliche politische Bewertung bleibt dabei außen vor und ist auch in den Kommentaren nicht erwünscht. Stattdessen geht es darum, anhand der Beispiele zu erkennen, was unter welchen Umständen funktioniert und was nicht, was lässt sich für eigene Zwecke lernen. Mit anderen Worten; es geht nicht um das Nörgeln, sondern das Aufdecken von Potenzialen.